Naturschutz Liebe Leserin, lieber Leser,


beim Beantworten Ihrer Kommentare zu meinem Newsletter der vergangenen Woche musste ich an eine Recherche denken. Vor etwa einem Jahr stieg ich einen Gletscher hoch, auf den Spuren einer Skitourengruppe, die kurz zuvor in eine Katastrophe geschlittert war. Trotz einer Unwetterwarnung waren die zehn Bergsportler morgens in Richtung Gipfel aufgebrochen. Bald tobte der angekündigte Schneesturm, die Sicht ging gegen null, stundenlang irrten sie durch die Wildnis. Die Nacht verbrachten sie kauernd im schneidenden Wind. Unterkühlung, Koma, Tod. Von zehn Tourengängern überlebten nur drei.

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Heft 20/2019
Warum dem deutschen Wirt­schafts­wun­der ein jähes Ende droht...

Wie konnte es dazu kommen? Die Staatsanwaltschaft ermittelt, noch gibt es keine klaren Antworten. Aber es gibt Hinweise, dass weder Sturm noch fehlende Ausrüstung entscheidend waren. Sondern ein Mangel an Kommunikation über die gemeinsame Verantwortung aller. Am Abend zuvor waren in der Gruppe durchaus Sorgen und Zweifel aufgekommen, aber niemand wollte der Partypooper sein und die Stimmung drücken.

Hilmar Schmundt / DER SPIEGEL

Wird schon gut gehen - diese weit verbreitete Haltung wird Verantwortungsdiffusion genannt. Oder auch: Zuschauereffekt. Er tritt immer wieder auf, wenn zum Beispiel bei einem Unfall keiner der Umstehenden hilft, weil alle denken: wieso ich? Lass doch die anderen machen.

Aber was hat ein Unfall in den Alpen mit Ihnen zu tun, liebe Leserinnen und Leser? Möglicherweise eine ganze Menge. Diesen Eindruck zumindest hatte ich, als ich jetzt einen ganzen Schwung an E-Mails beantwortete.

Ich hatte vergangene Woche darüber geschrieben, dass viele Antibiotika bald ihre heilsame Wirkung verlieren könnten, mit der Gefahr einer Pandemie: Spanische Grippe 2.0. Ich zitierte die Vereinten Nationen, die dazu aufrufen, Antibiotika sparsamer einzusetzen - sowohl bei menschlichen Bagatellkrankheiten als auch in der Tierhaltung -, um diese pharmazeutischen Klingen scharf zu halten für den Ernstfall.

Aber richtig spannend wird dieser Artikel erst durch Ihre Zuschriften. Martin A. aus Tirol, Sie schrieben mir: "Ich bin überzeugt, dass wir anstelle von Antibiotika auf Bakteriophagen setzen sollen." Bakteriophagen sind heilende Viren, welche gefährliche Bakterien "fressen", daher ihr Name. Sie sind ein Hoffnungsschimmer, aber leider sind Phagentherapien meist noch experimentell, wir sollten uns nicht zu sehr auf sie verlassen.

Noch mehr zu denken gaben mir Antworten von Tierärzten, die meine Kritik zurückwiesen. Lieber Anton N., Sie fuhren mich an: "Könnte es sein, dass Sie nur das nachplappern, was die Humanmediziner vorbeten, um von ihrem eigenem Versagen abzulenken?" Das eigentliche Problem sei nicht in Ställen zu suchen, sondern in Krankenhäusern, etwa bei schlampigen Ärzten und Patienten, die Antibiotikatherapien zu früh abbrechen und dann die Pillen im Klo herunterspülen, so Ihr Argument.

Einerseits haben Sie recht: Auch Patienten und Ärzte sind in der Pflicht. Andererseits ist das aber kein Grund, Tierärzte und Landwirte aus der Pflicht zu nehmen. Das wäre Verantwortungsdiffusion, sozusagen eine wütende Geschmacksvariante des Zuschauereffekts: mit dem Finger auf Schuldige zeigen, dann schnaubend abwarten, dass andere das Problem lösen.

So schlittern wir immer tiefer in die Krise - als Zuschauer unseres eigenen Lebens. Wie möglicherweise damals die Bergsteiger im Sturm.

Gerade beim Thema Tierhaltung ist die Kommunikation tiefgreifend gestört, das erklärt ein hervorragendes Gutachten aus dem Jahr 2015, veröffentlicht ausgerechnet vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, das leider oft als Lobbyverein für Landwirte agiert. Der Antibiotikaeinsatz in Deutschland sei im EU-Vergleich relativ hoch, es bestehe "erhebliches Potenzial" zur Reduzierung, heißt es im Papier. Die Konsumenten seien zwar verunsichert, doch das schlage sich selten in Kaufentscheidungen nieder. Das Gutachten warnt: "Es wäre problematisch, wenn sich die Nutztierhalter und die Fleischwirtschaft unverstanden fühlen und darauf dauerhaft mit Abschottung reagieren würden." Die Autoren konstatieren eine "Entfremdung der Bürger von der Landwirtschaft" und raten zu einem "Prozess gegenseitigen Lernens".

Wie also kommen wir aus dem Zuschauereffekt heraus? Wie lässt sich der Verantwortungsdiffusion gegensteuern bei Themen wie Antibiotikaresistenz, Impfmüdigkeit, Plastikmüll, Artensterben? Können wir von der Bergkatastrophe lernen für ein besseres Leben im Alltag? Gute Frage, nächste Frage. Vielleicht fangen wir einfach genau hier an, liebe Leserinnen und Leser des Newsletters: mit Ihren Ideen und Kommentaren. Was brennt Ihnen auf den Nägeln, welche Themen sollen wir aufgreifen?

Ich freue mich auf den Austausch, am liebsten per Twitter unter dem Hashtag #elementarteilchen

Ihr Hilmar Schmundt

Twitter: @hilmarschmundt

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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

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Quiz*

"42: Answer to the Ultimate Question of Life, the Universe, and Everything" (Douglas Adams)
  • Noch 1986 infizierten sich 3,5 Millionen Menschen mit dem Guineawurm, meist in Afrika. Was meinen Sie, wie viele es in den beiden ersten Monaten dieses Jahres waren? 89.000? 600? Oder 4?
  • Wozu benutzt man eine Paralipse? Als rhetorische Figur? Als Messinstrument? Als Gehhilfe?
  • Suskityrannus, was bitte soll das denn sein? Ein Heerführer im antiken Sparta? Ein verwilderter Schlittenhund? Ein kojotenkleiner Raubsaurier?

* Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche

Eigentlich wollte er einen Steinadler fotografieren, dann flog dieses Birkhuhn auf den Ast, hinter dem der Norweger Audun Rikardsen seine Ausrüstung befestigt hatte: einen Blitz, eine Kamera mit Bewegungssensor und eine weitere, die Fotos auf sein Handy schickt. Rikardsen wohnt ganz in der Nähe, er arbeitet als Biologe an der Universität Tromsø. Zwei Jahre musste er warten, bis der Prachtvogel vor seiner Linse landete, nun gewann das Bild den Preis der California Academy of Sciences. Es muss nicht immer gleich ein Adler sein!

Audun Rikardsen/ Natural World Photography Competition

Fußnote

40 Menschen, vielleicht deutlich mehr, sterben weltweit pro Jahr durch Würfelquallen wie die Seewespe. Sie verfügen über eines der stärksten Gifte des Tierreichs. Eine flüchtige Berührung reicht, um grausamen Schmerz auszulösen - und manchmal Herzversagen. Australische Forscher haben mithilfe der Genschere Crispr/Cas9 möglicherweise ein Gegengift gefunden und es erfolgreich an Mäusen getestet. Ob es auch beim Menschen funktioniert, ist unklar.

Die SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft

Mitarbeit: Yannick Ramsel, Twitter: @ramselyan


* Quiz-Antworten: Nur 4 Menschen wurden im Januar und Februar 2019 laut Carter Center mit dem Guinea-Wurm infiziert, die Krankheit ist eine der wenigen, die die WHO für definitiv ausrottbar hält / Die Paralipse ist eine rhetorische Figur. Donald Trump benutzt sie häufig, wenn er ankündigt, etwas nicht sagen zu wollen, und es genau damit aber tut. / Suskityrannus heißt eine neu bestimmte Dinosaurierart. Und weil sie so klein ist, machen wir diese letzte Quizantwort ganz besonders groß: Jeder kennt die Superstars unter den Dinosauriern wie etwa Tyrannosaurus Rex oder Triceratops. Ein Neuzugang im Pantheon der Paläontologie ist Suskityrannus hazelae, sozusagen eine Art zierlicher Uronkel des T-Rex. Der US-Urzeitforscher Sterling Nesbitt und sein Team beschreiben den frühen Verwandten anhand von Skelett-Funden erstmalig in der aktuellen Online-Ausgabe des Journals "Nature Ecology & Evolution". Suskityrannus lebte vor 92 Millionen Jahren während der Kreidezeit, als bereits weit größere Dinosaurier die Erde bevölkerten. Der neue Name bezieht sich auf "Suski", ein indianisches Wort für "Kojote". Denn der Neuling hatte einen Kopf, so klein wie der eines Kojoten, maß auf Hüfthöhe maximal einen Meter und wog nur bis zu etwa 45 Kilogramm - nur rund ein halbes Prozent eines T-Rex. Genau wie dieser befolgte der kleine Kojoten-Saurier eine Fleischdiät. Gefunden hatte Nesbitt die fossilen Überreste bereits vor 20 Jahren, als Schüler mit nur 16 Jahren. Das Fossil legte den Grundstein für seine Karriere, aber erst jetzt gelang ihm die Analyse und Zuordnung. Nesbitts einstiger Mentor ist nun Mitautor der Veröffentlichung. Falls das immer noch nicht groß genug war für den kleinen Kerl, lesen Sie hier das Originalpaper.

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insgesamt 16 Beiträge
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mborevi 11.05.2019
1. Wir entkommen ...
... diesem "Zuschauereffekt" sehr einfach: Indem wir die Parteien wählen, die für den Ausweg stehen. Und mal was tun.
zylmann 11.05.2019
2. Bei meinem letzten Krankenhausaufenthalt
wurde zur Anamnese die Frage gestellt, wann warst Du das letzte Mal im Schweinestall. 3 mal raten warum.
quark2@mailinator.com 11.05.2019
3.
Man führe einfach das schweizer Demokratiemodell ein und wenn die Menschen das Gefühl bekommen, tatsächlich mitreden zu dürfen, dann sind sie auch eher bereit, ihren Teil beizutragen. Wenn man bei Wahlen für/gegen konkrete Dinge stimmen dürfte, bz.w wenn man konktete Einzelpersonen als Abgeordnete wählen könnte, wobei bei jeder Abstimmung zu sehen ist, wer wie abgestimmt hat ... Egal wie, nur eben nicht diese abstruse Fraktionsdisziplin und keine Verantwortung der Abgeordneten für das, was wie verursachen, keine Verpflichtung, die Wahlversprechen einzuhalten ... Auch die Parteienfinanzierung gehört geändert, so daß es leichter ist, mit neuen Parteien tatsächlich Fuß zu fassen. Firmen und Superreiche sollten in ihrem Einfluß über die Finanzierung massiv behindert werden. Es darf nicht sein, daß Parteien, die Politik für die wenigen Vermögenden machen es leichter haben an Geld zu kommen als Parteien, die für ärmere Menschen Politik machen. Genauso der Zugang zu den Massenmedien. Es ist ein Skandal, daß die Medien einzelnen reichen Familien gehören, die davon abhängig sind, das Firmen bei ihnen Reklame buchen - Firmen, die wieder ungewöhnlich begüterten Menschen gehören. Das ganze Modell fällt auseinander, egal an welcher Stelle man es anfaßt. Also nochmal: Gebt den Menschen realen Einfluß auf die Politik und sie werden Interesse zeigen und mitmachen.
didih432 11.05.2019
4. Soziialkompetenz
Nennt man das uebkicherweise. Man kann sie einheben - wenn sie wirklich wichtig erscheint. Bislang reichts aber nur zum jammern. Bei jeder Gelegenheit, wo sie schmerzlich fehlt. Eine Übung zB: beim ersten Impuls, sich abwenden zu müssen, sofort jemand anwesenden - bekannt oder wenigstens nicht unsympathisch - ansprechen und zum Mitmachen auffordern. Solche Programme gehören in Kita und Schule.
ruhepuls 11.05.2019
5. "Nichtwirksamkeit" des Einzelnen...
Es gibt Bereiche, da "spürt" man, dass man selbst etwas bewegt oder erreicht. Es gibt andere Bereiche, da ist die Wirkung eigenen Verhaltens nicht spürbar/wahrnehmbar. Man kann sie allenfalls theoretisch vermuten oder glauben. Wenn ich kein Fleisch mehr esse, nicht mehr in Urlaub fliege und statt Auto nur noch Rad fahre, ist morgen die Welt keinen (spürbaren) Deut besser. Aber ich schaue dabei zu, wie die anderen Spaß haben... Da man als Einzelner, ja selbst als "deutsches Volk" einen nur äußerst marginalen Einfluss auf globale Entwicklungen hat, ist die "Nichtwirksamkeit des Einzelnen" bei solchen Themen besonders deutlich. Daher ziehen die meisten es vor, zu klagen, aber nichts zu ändern.
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