Christian Stöcker

Deutsche Industrie in der Klimakrise Verzweifelt

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Als Greta Thunberg diese Woche Angela Merkel traf, wurden Lobbyisten nervös. Flugs wurde die neue Strategie der Industrie angewandt, um Einschnitte zu verhindern: Argwohn säen. Nur auf neue Weise.
Fotovoltaik-Freiflächenanlage

Fotovoltaik-Freiflächenanlage

Foto: Nikada / iStockphoto / Getty Images

Beantworten Sie im Kopf mal bitte schnell folgende Frage, ohne lange nachzudenken:

Wo würde die deutsche Industrie bei einer zentralen technischen Entwicklung im globalen Vergleich wohl gern stehen - 1. an der Spitze, 2. irgendwo im Mittelfeld, oder 3. möglichst weit hinten?

Die intuitive Antwort wäre, das ist jedenfalls meine Vermutung: 1. Da liegen Sie aber falsch.

Anders sind die Äußerungen des stellvertretenden Hauptgeschäftsführers des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) kaum zu deuten. Holger Lösch sagte der "Rheinischen Post" : "Die Gefahr ist groß, dass der Unterschied der klimapolitischen Ambitionen zwischen Europa und anderen Weltregionen weiter wächst. Das ist für die heimische Industrie eine immer größere Herausforderung."

Lieber noch ein paar Euro aus obsoleter Technik quetschen

Die deutsche Industrie will also auf dem Weg, den die ganze Welt zwangsläufig gehen muss, wenn der Planet bewohnbar bleiben soll, lieber nicht zu weit vorangehen. Lieber mit obsoleter Technik noch ein paar Quartale lang Umsätze machen.

Lösch sprach mit der "Rheinischen Post" natürlich wegen Greta Thunberg. Weil die Schwedin und ihre Mitstreiterinnen am Donnerstag die Kanzlerin besuchen durften. Die deutsche Industrie hat nämlich Sorge, dass die absolut berechtigten Forderungen von Fridays for Future womöglich doch mal Eingang in politische Entscheidungen finden könnten.

Das Paradoxon als zentrales Argument

Tatsächlich versuchen Industrieverbände und vor allem Energie- und Automobilbranche seit Jahren mit Erfolg, echte Veränderungen so lange wie möglich hinauszuzögern. Oft mit einer offenkundig paradoxen Argumentation: Für viele Industrievertreter sind die gleichen Maßnahmen einerseits ein Beleg dafür, dass echte Klimapolitik sowieso wenig bringt - und dafür, dass sie selbst doch schon so enorm viel tun für den Klimaschutz.

Die Lobbyorganisation "Initiative neue soziale Marktwirtschaft" (INSM), die etwa die Energiewende seit vielen Jahren erbittert bekämpft, hat im Jahr 2019 zum Beispiel ein - vorsichtig formuliert "umstrittenes"  - Papier namens "12 Fakten zur Klimapolitik " veröffentlicht.

Darin steht zum einen dieser Satz (in "Fakt 4"): "Die Hoffnung, dass eine milliardenschwere Förderung von regenerativer Energie bei der Reduktion des CO₂-Ausstoßes zum Ziel führt, hat sich nicht erfüllt." War also doof, das mit der Energiewende. Außerdem seien Fotovoltaik und Windenergie viel zu teuer ("Fakt 5"), man solle deshalb doch lieber mit Emissionszertifikaten handeln. Das sei doch viel billiger (stimmt, bringt deshalb aber eben wenig).

Ökostrom ist super, Ökostrom ist doof

Im Papier steht auch ("Fakt 8"): "In den vergangenen Jahren wurden die Ziele für den Ausbau der erneuerbaren Energien immer wieder übertroffen." Deutschland habe schon "über ein Drittel Ökostrom-Anteil". Super, oder?

Diese beiden Positionen - die Förderung erneuerbarer Energien hat leider nicht den gewünschten Erfolg gebracht, gleichzeitig ist das Erreichte doch ein toller Erfolg, den man sich selbst ans Revers heften möchte - stehen da wirklich so einträchtig nebeneinander.

Das Papier als Ganzes macht die weiterhin aktuelle Strategie der deutschen Industrie in Sachen Klima sehr schön deutlich, wenn man genau liest. Sie geht ungefähr so: Man muss den menschengemachten Klimawandel als Faktum akzeptieren und als Problem anerkennen. Offen Zweifel am Klimawandel säen wirkt inzwischen peinlich.

Man muss den notwendigen Wandel also anders bremsen. Zum Beispiel, indem man Zweifel an den Gegenmaßnahmen sät.

Geschickt die Psychologie des Zweifels genutzt

Zweifel ist ein wichtiges psychologisches Instrument, wenn man will, dass sich erst einmal möglichst wenig ändert: Menschen sind nämlich umso weniger willens, ihr Verhalten zu ändern, je weiter die vermuteten Konsequenzen des Nichthandelns entfernt scheinen, zeitlich wie räumlich. Noch schlimmer wird dieser Effekt, wenn auch nur ein Hauch Unsicherheit über die zu erwartenden Folgen herrscht. Das ist empirisch vielfach belegt.

Die Lobbyverbände der Industrie, die weiterhin CO₂ produzieren und CO₂-produzierende Technik verkaufen wollen, haben den Zweifel deshalb auf eine neue Ebene verlagert: Jetzt soll fraglich erscheinen, ob Klimaschutzmaßnahmen überhaupt etwas bringen. Achten Sie mal darauf, diese Haltung begegnet einem momentan ständig.

Bringen E-Autos denn wirklich etwas? Naaa?

Zum Beispiel, wenn man dem immer sehr industriefreundlichen pensionierten Ökonomen Hans-Werner Sinn zuhört. Sinn behauptete diese Woche in der Talkshow von Markus Lanz , dass es nichts bringe, wenn in Deutschland künftig Elektroautos statt Benzinern und Diesel herumfahren würden. Dabei verwies der Ökonom auf eine "Studie" des ADAC, die gezeigt habe, dass ein E-Auto erst nach über 200.000 gefahrenen Kilometern eine bessere CO₂-Bilanz aufweise als ein vergleichbarer Diesel. Stichwort: "Zweifel säen".

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In der von Sinn zitierten "Studie" des ADAC  steht allerdings dieser Satz: "Erst beim Einsatz regenerativer Energiequellen zeigt das Elektroauto die beste Treibhausgas-Bilanz". Ja: Wenn man ein Elektroauto mit Kohlestrom auflädt, bringt das nicht ganz so viel. Aber mit der Verstromung von Kohle müssen wir ja ohnehin aufhören.

Wir können Vorbild sein, das ist längst bewiesen

Das lohnt sich übrigens auch wirtschaftlich, denn Wind- und Solarstrom ist sensationell günstig (außer, wenn einem ein Berg Braunkohle gehört, den man unbedingt noch verfeuern möchte.) Glauben Sie nicht mir, glauben Sie der von mehr als 180 Ländern getragenen Internationalen Agentur für erneuerbare Energien (IRENA): "Bei 56 % aller neu in Betrieb genommenen Großanlagen für die regenerative Stromerzeugung lagen die Kosten für 2019 unter der günstigsten Alternative mit fossilen Brennstoffen." Dem oben zitierten INSM-Papier  zufolge dagegen ist Fotovoltaik die teuerste Methode überhaupt, CO₂ einzusparen. Wem trauen Sie eher?

Tatsächlich wird Strom aus Wind und Sonne immer billiger. Laut Irena sind "die Stromgestehungskosten für Fotovoltaik seit 2010 um 82 Prozent gesunken". Das hat maßgeblich auch mit dem von der INSM so erbittert bekämpften Erneuerbare-Energien-Gesetz zu tun: Die Förderung von Fotovoltaik in Deutschland hat den globalen Ausbau der Kapazitäten für die Herstellung von PV-Modulen maßgeblich angetrieben. Deutschland hat mit seiner Energiepolitik längst die Welt verändert, zum Besseren. Deutschland und Europa können und sollen nicht nur Vorbild sein - wir haben längst gezeigt, dass das sogar funktioniert. Nur die deutsche Industrie will das nicht wahrhaben.

Umständlich in die eigene Tasche gelogen

Auch Hans-Werner Sinn tut, als seien Strommix und Mobilität ein Henne-Ei-Problem. Korrekt ist: Wir müssen überall damit aufhören, fossile Brennstoffe zu verbrennen, möglichst flächendeckend, möglichst schnell. Der miserabel funktionierende Emissionshandel ist eine umständliche Methode, sich selbst in die Tasche zu lügen. Wir brauchen Solar- und Windstrom genauso dringend wie Elektrofahrzeuge, die dann damit aufgeladen werden. Beides, nicht keins von beiden. "Im Moment bringt Handeln sowieso gar nichts" ist im Angesicht einer drohenden globalen Katastrophe historisch einmaligen Ausmaßes eine reichlich bizarre Position.

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Es gibt übrigens eine ganze Reihe von Ländern, die bereits konkret angekündigt haben, Verbrennungsmotoren zu verbieten. In Frankreich etwa gibt es dazu sogar ein Gesetz . Die deutsche Industrie tut permanent so, als seien wir die einzigen, die das mit dem Klimawandel kapiert haben. Und bemühen ausgerechnet das als Argument, erst mal weiterhin nichts zu tun.

Hennen, die auf Eier starren

Hans-Werner Sinn tut in etwa das Gleiche: Er verweist als Argument dafür, dass man am Status quo gar nichts ändern muss, auf den Status quo als Argument. Weil wir im Moment Kohle verstromen, lohnen sich Elektroautos gar nicht. Da kann man auch weiter Diesel fahren. Die anderen Ländern machen doch auch keinen Klimaschutz. Da müssen wir doch auch keinen machen. Es ist immer das gleiche Muster.

Für die deutschen Klimapolitikbremser steht das ganze Land voller Hennen und Eier, die sich gegenseitig niederstarren, gelähmt von der gegenseitigen Abhängigkeit, unfähig, sich zu bewegen.

Die Welt muss sich aber nicht nur verändern, sie wird es auch tun, zwangsläufig.

Die deutsche Industrie möchte dabei aber offenbar lieber erst mal nicht mitmachen. Wie ein Pilot, der mit Loch im Tank lieber weiterfliegt, als endlich den Kurs zu ändern.