Klimawandel Die Kurve kriegen mit dem Potsdamer Prozent

Ökonomen und Naturwissenschaftler sprechen nicht mehr über das Ob und Wann des Klimawandels. Wie die Menschheit die Folgen abmildern und das Ausmaß dämpfen kann, bestimmt die Debatte. Eine Klimakonferenz in Potsdam zeigte überraschend optimistisch: Die Menschheit kann die Kurve kriegen.

Von Stefan Schmitt, Potsdam


Eine Einzige hebt die Hand. Freundliches Gelächter, die Dame hat sich als robuste Optimistin zu erkennen gegeben. Carlo Jaeger hatte mit einem spöttischen Lächeln in die Runde gefragt, wer daran glaube, dass die Kohlendioxid-Emissionen vor 2030 sinken werden. Vor 2050? Nur wenig mehr Hände heben sich. Jaegers Frage hallt nach: "Das Welt-Bruttosozialprodukt wird sich bis Ende des Jahrhunderts verdoppeln. Wann glauben Sie, werden da die Emissionen abnehmen?"

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Immerhin, als der Wirtschaftswissenschaftler Jaeger das Publikum - hochkarätige Klimaforscher und Ökologen, Umweltschützer und Naturschutzmanager, Politiker und Industrievertreter - fragt, wer denn an eine Reduktion bis zur Jahrhundertwende glaube, recken die meisten ihre Hände in die Luft. 2100, dann wäre es zu spät. Doch mit neuen Technologien, der Kraft der Märkte und guter Vorbilder könnten die Menschheit die Kurve in eine verträgliche Klimazukunft noch rechtzeitig nehmen. Forscher zeichnen diesen Weg vor.

Parallel zur großen Klimakonferenz der Uno in Nairobi versammelten sich deutsche Experten am gestrigen Mittwoch zur Klimakonferenz am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Gleich mehrere Redner hatten ihn angesprochen und auch im Foyer fiel immer wieder der Name des britischen Star-Ökonom Nicholas Stern. Er hatte gewarnt, wenn die Menschheit nichts gegen die globale Erwärmung unternehme, drohe eine Weltwirtschaftskrise wie jene in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Potsdamer Rechnung im britischen Klima-Papier

Doch nicht die geschätzten 5,5 Billionen Euro Schäden beschäftigten die Teilnehmer von Potsdam. Ein Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts müsse die Menschheit aufbringen, um jetzt die Folgen in den Griff zu bekommen, hatte der Stern-Report im Auftrag der britischen Regierung resümiert. Das steht für den pragmatischen und manchmal überraschend optimistischen Ton, den die Wirtschaftswissenschaftler in die Debatte bringen.

"Auch wenn das die meisten Menschen nicht so erfahren. Es gibt in einem gewissen Sinne zuviel Geld auf dem Planeten - und nicht zu wenig", sagte der Ökonom Jaeger. Die Verwalter dieses Reichtums suchten unablässig nach Anlagen. "Und der Klimawandel bietet Investitionsmöglichkeiten für dieses Geld." Die Londoner City, das Finanzzentrum des Vereinigten Königreichs und Europas habe das - früher als andere - bereits erkannt. "Das steckt hinter dem Stern-Report", sagte Jaeger. Eine Folge davon sei das Eintreten der britischen Regierung für Klimavorsorgemaßnahmen in Höhe von einem Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts.

Die Zahl gilt in Potsdam als glaubwürdig. Denn das mittlerweile berühmte Prozent aus dem Stern-Report stammt von PIK-Wissenschaftlern. Hier hatten Klimaforscher und Ökonomen zusammen berechnet, welchen Anteil des globalen Bruttoinlandsprodukts die Menschheit investieren muss, um die Folgen des Klimawandels halbwegs im Zaum zu halten. Im Juni 2005 veranstalteten die PIK-Forscher zusammen mit dem renommierten Mailänder Wirtschaftsforschungsinstitut FEEM in Berlin einen Workshop zu induziertem Technologiewandel (induced technological change, ITC) - dem Zauberwort.

Hoffnung, dass Klimaschutz sich rechnet

Das ITC-Konzept ist die Quelle des verhaltenen Optimismus. Ökonomen wissen, dass neue Technologien nach Phasen besonderer Förderung - etwa in Form von Einspeisegarantien für Ökostrom - häufig effizienter und damit preiswerter werden. Können sie sich gegen herkömmliche Konkurrenten behaupten, so führt der Markt schließlich einen Technologiewandel herbei, erklärte Wirtschaftswissenschaftler Hermann Held vom PIK. Im Szenario der PIK-Forscher wird dies in der Mitte des Jahrhunderts mit den erneuerbaren Energien der Fall sein. Nicht wegen Gesetzen und Beschlüssen sollen dann die fossilen Klimakiller in den Ruhestand geschickt werden, sondern aufgrund kühler Berechnung.

Held und seine Kollegen haben berechnet: Welchen Verlauf würde die CO2-Konzentration bei ungezügeltem traditionellem Wirtschaften nehmen? Welche Reduktion könnte man maximal erreichen? Dann bildete das interdisziplinäre Forscherteam eine Art realistisches Mittel, das "soziale Optimum". Mit sanftem Druck etwa durch Förderung erneuerbarer Energien und Spartechniken, mit einem drastisch verteuerten Emissionshandel und klimaorientierten Steuern, könnte klimaverträgliches Handeln wirtschaftlich attraktiv werden.

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Was Einsicht, Vernunft und moralische Appelle nicht vermocht haben, könnten Konten und Kalkulationen in die Wege leiten. "Scheinbar braucht man ja doch immer noch diese Erkenntnis", wunderte sich Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck. Auch er ist optimistisch: "Die Debatte hat - und das ist eine gute Entwicklung - in den letzten Wochen deutlich an Intensität gewonnen."

Erstaunlich, denn nicht nur blasen die Menschen mehr CO2 in die Luft denn je, und sogar die Europäische Union wird ihre selbst gesteckten Sparziele wohl nicht erreichen. Andererseits lobbyiert die britische Blair-Regierung intensiv für das globale Prozent. "Das hätte man vor ein paar Jahren ja auch noch nicht erwartet", sagte Platzeck. "Wir können wachsen und dabei grün sein", hatte Wirtschaftswissenschaftler Stern sloganhaft formuliert.

Hoffen auf Klimaschutz-Lifestyle aus Kalifornien

Aber ausgerechnet die allumfassende Ökonomisierung der Gesellschaft könnte die Menschen unfähig machen, noch die Klima-Kurve zu kriegen: In einer globalisierten Welt verlieren die Menschen das Gefühl für Nachbarschaft, sagte Jaeger. Angesichts der "Auflösung zivilen Bürgergefühls" und des "Verlusts sozialer Netze" sei es "sehr unwahrscheinlich, dass so etwas wie globales kollektives Handeln möglich wird". Es sei zweifelhaft, ob man auf Einsicht und Vernunft vertrauen könne, angesichts der "Dimensionen von Korruption und Gewalt", mit denen die meisten Erdenbürger leben müssten.

Jaeger setzt auf Vorbilder und Nachahmungseffekte: "Ich meine nicht, dass wir dauernd frieren und im Dunkeln sitzen müssen. Aber wir werden etwa eine andere Form von Autos fahren. Und so etwas muss vorgelebt werden."

Hoffnung setzt Jaeger vor allem auf den US-Bundesstaat Kalifornien. Der sei mit Abstand der wichtigste Ort für das Vorleben neuer Lebensstile auf dem Planeten. Darum seien die Klimaschutz-Initiativen des gerade wiedergewählten Gouverneurs Arnold Schwarzenegger so wichtig. Als Beispiel nannte Jaeger strengere kalifornische Abgasverordnungen, die weltweite Auswirkungen hätten - auch auf die deutsche Autoindustrie.

Manfred Stock, Forschungsgruppenleiter am PIK, resümmierte die Entwicklung der letzten 20 Jahre: Zuerst wurde der Klimawandel geleugnet, dann die Schuld des Menschen daran angezweifelt. Als diese offenkundig wurde, seien oft die positiven Folgen der Erderwärmung überbetont und dann lange die Kosten einer Gegensteuerung als nicht bewältigbar dargestellt worden. Heute rechnen Forscher längst durch, wie wir die schlimmsten Folgen verhindern und mit den übrigen gut leben können.



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