Klimawandel-Extremszenario Ein Drittel der Weltbevölkerung könnte bis 2070 unter großer Hitze leiden

Es gibt viele Gründe, den Klimawandel zu bekämpfen. Einer davon: Die Welt wird sonst in vielen Regionen einfach zu heiß. Forscher in den Niederlanden haben ein Extremszenario durchgerechnet.
Ausgetrockneter Boden in Südafrika (Archivfoto von 2019)

Ausgetrockneter Boden in Südafrika (Archivfoto von 2019)

Foto: Mike Hutchings/ REUTERS

Wenn der Ausstoß der Treibhausgase nicht gemindert wird, könnten in 50 Jahren im Extremfall 3,5 Milliarden Menschen unter großer Hitze leiden. Sie würden in Gebieten leben, in denen die jährliche Durchschnittstemperatur mehr als 29 Grad Celsius beträgt - wenn sie nicht auswandern. Das prognostizieren Forschende um Marten Scheffer von der Universität im niederländischen Wageningen im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" .

"Das Coronavirus hat die Welt in einer Weise verändert, die noch vor wenigen Monaten schwer vorstellbar war, und unsere Ergebnisse zeigen, wie der Klimawandel etwas Ähnliches bewirken könnte", so Scheffer. Die Veränderungen würden zwar weniger schnell ablaufen, aber anders als bei der aktuellen Pandemie könne man nicht auf eine Erleichterung in absehbarer Zeit hoffen.

Für ihre Analyse blickten die Forschenden zunächst die Vergangenheit:

  • Anhand vorhandener Datenbanken glichen sie die bevorzugten Siedlungsgebiete des Menschen mit den klimatischen Bedingungen in diesen Regionen ab. Sie fanden einen Höhepunkt der Bevölkerungsdichte bei Jahresdurchschnittstemperaturen von etwa 11 bis 15 Grad Celsius und einen kleineren Höhepunkt bei 20 bis 25 Grad Celsius.

  • Diese Verteilung hat sich in den vergangenen 6000 Jahren kaum geändert, weshalb das Team diese Temperaturspanne als die "ökologische Nische des Menschen" bezeichnet.

  • Zur Einordnung: In Deutschland lag die Mitteltemperatur 2019 laut Deutschem Wetterdienst  (DWD) bei 10,3 Grad Celsius. Pro Jahrzehnt steigt sie aktuell in Deutschland um 0,37 Grad Celsius an.

Außerdem schaute das Team auch in die Zukunft:

  • Dabei waren die Forschenden nur wenig optimistisch. Sie gehen in ihrer Arbeit davon aus, dass es keinen internationalen Klimaschutz gibt und sich die Konzentration der Treibhausgase weitgehend ungebremst wie in den vergangenen Jahrzehnten entwickeln wird. Das ist eine Annahme, über die man zumindest streiten kann. Im aktuellsten Sachstandsbericht des Weltklimarates (IPCC) ist dieses Extremszenario nur eines von vielen. Der Temperaturanstieg in den verschiedenen Weltregionen fällt dabei natürlich besonders stark aus.

  • Die Modellrechnungen ergaben, dass sich Gebiete mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von mehr als 29 Grad Celsius von jetzt 0,8 Prozent der weltweiten Landfläche - aktuell liegen die Areale vor allem in der Sahara - bis zum Jahr 2070 auf 19 Prozent ausdehnen werden.

Die hinzugekommenen Flächen lägen vor allem in Südamerika, Afrika, Indien, Südostasien und Nordaustralien. Allein in Indien wäre mehr als eine Milliarde Menschen davon betroffen, in Nigeria, Pakistan, Indonesien und Sudan jeweils mehr als 100 Millionen Menschen.

Komplexes Bündel an Gründen für Migration verantwortlich

Eine solche Erwärmung hätte "nicht nur verheerende direkte Auswirkungen, sondern es wäre für Gesellschaften auch schwieriger, künftige Krisen wie neue Pandemien zu bewältigen", so Scheffer. Die vorhergesehenen Temperaturanstiege bedeuteten nicht zwangsläufig, dass die Menschen aus den betroffenen Gebieten tatsächlich auswandern würden. Für Migration gebe es ein komplexes Bündel an Gründen, so die Forschenden.

Dennoch sieht Scheffer die Ergebnisse der Studie nach eigenem Bekunden als Appell an die Weltgemeinschaft an, den Ausstoß an Kohlendioxid rasch zu senken. Damit es eben nicht zum Extremszenario kommt.

chs/dpa
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