Klimawandel Invasion der Giftspinnen

Nach dem Weltklimabericht überschlagen sich die Forderungen der Politiker und Experten: Rückkehr zur Atomkraft, verbesserter Schutz vor sich ausbreitenden Tropenkrankheiten, die Installation von Hitzewarnsystemen. Frankreichs Präsident Chirac verlangt gar eine "Revolution zur Rettung der Erde" .


Berlin, Hamburg - Dies sind große Tage für Umweltpolitiker. Die düsteren Szenarien des UN-Weltklimaberichtes haben das Thema Umwelt mit Macht wieder auf die politische Agenda gesetzt. Selbst Regierungen wie die der USA, die die seit langem bekannten Szenarien bisher weitgehend ignorierte, werden es nun schwer haben, sich gegen Forderungen nach konsequenteren Maßnahmen gegen den Klimakollaps zu verwehren.

Wärmebild der Erde: Künftig mehr Rot, mehr Tod?
ESA 2004

Wärmebild der Erde: Künftig mehr Rot, mehr Tod?

Am Tag nach der Vorstellung des Berichtes häufen sich die Forderungen nach internationalen Maßnahmen.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel rief UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zum Handeln auf und verlangte einen "Weltklima-Gipfel". "Das ist ein Menschheitsproblem, mit dem sich auch die Führer der Menschheit auseinander setzen müssen", sagte Gabriel der Zeitung "Die Welt".

Das war Ban Ki Moon auch schon aufgefallen: Wenige Stunden nach Veröffentlichung des Berichtes hatte er in einer über die UN verbreiteten Mitteilung zu einem entschlosseneren weltweiten Handeln aufgerufen, "schneller" und "mit größerer Entschiedenheit".

Der Direktor des UN-Umweltprogramms UNEP, Achim Steiner, schlug einen Weltklimagipfel der Staats- und Regierungschefs vor. An diesem sollten unter anderen auch US-Präsident George W. Bush und die politischen Führer der Schwellenländer China, Indien und Brasilien und strenge Auflagen für die Industrie erreichen. Der französische Staatschef Jacques Chirac forderte angesichts der unheilvollen Warnungen gleich zu einer "Revolution zur Rettung der Erde" auf.

Forderung an Deutschland: Taten statt schöne Reden

Doch angesichts der Daten des Berichtes kann es Experten zufolge nur noch darum gehen, die Folgen des Klimawandels abzumildern - aufhalten lässt er sich nicht mehr. Selbst wenn die Konzentration der Treibhausgase im Jahr 2000 auf dem damaligen Stand eingefroren worden wäre, wäre auf einige Zeit ein Temperaturzuwachs von 0,1 Grad Celsius pro Jahrzehnt zu erwarten, hieß es in Paris.

Immerhin beeilt sich nun jeder, Einsicht zu zeigen. Dass dies auch der Bundesumweltminister tut, dürfte nicht zuletzt den EU-Umweltkommissar Stavros Dimas erfreuen. Der rief den vermeintlichen Umwelt-Musterknaben Deutschland am Freitag eindringlich zu größeren Anstrengungen beim Klimaschutz auf.

"Deutschland muss sich seiner Verantwortung und Vorbildfunktion gerade beim Klimaschutz bewusst werden", sagte Dimas der Redaktion der "Bild am Sonntag". "Wenn Deutschland sich querstellt, macht der Rest Europas nicht mit. Und wenn Europa nicht mitmacht, macht die ganze Welt nicht mit. Dann können wir alle einpacken. Ich appelliere hier an das Verantwortungsgefühl aller Deutschen."

Im internationalen Vergleich steht Deutschland ganz und gar nicht mustergültig da. Was Deutschland an Klima-verbessernden Daten vorzuweisen hat, ist zu großen Teilen dem Niedergang der produzierenden Industrie vor allem im Osten geschuldet: Wo weniger gearbeitet wird, stinken die Schornsteine auch weniger.

Stavros Dimas: "Deutschland unternimmt zwar ehrliche Bemühungen, ist aber leider derzeit keineswegs Vorreiter beim Klimaschutz. Mehrere andere Staaten sind bereits näher an Ihrem Kioto-Ziel, zum Beispiel Großbritannien und Schweden. Andere wiederum verstecken sich hinter Deutschland. Erst wenn Deutschland den schönen Reden Taten folgen lässt, können auch die anderen sich nicht mehr verstecken."

Zeit für Krisenmanagement

Was überhaupt unternommen werden kann und sollte, dürfte für heftige Debatten sorgen. Die Emissionen von Klimagasen müssen zurückgefahren werden, so viel scheint klar. Ob dies jedoch durch die effizientere Nutzung fossiler Brennstoffe und durch die Förderung alternativer Energien geschehen wird, wie sich das die WWF-Klimaschutzexpertin Regine Günther wünscht, oder doch durch ein Revival der Atomkraft, wie der SPD-Vorsitzende Kurt Beck befürchtet, ist offen.

"Atomkraft ist ein Irrweg mit unkalkulierbaren Risiken", warnte Beck gegenüber der "Berliner Zeitung". Deutschland sei mit seinen Gesetzen zur Förderung erneuerbarer Energien in einem ganz wichtigen Bereich Vorreiter in Europa und der Welt. "Wir müssen diesen Vorsprung ausbauen", sagte Beck. "Deswegen wäre es auch völlig falsch, jetzt energiepolitische Signale in die andere Richtung zu setzen."

Beck forderte als Reaktion auf den Weltklimareport mehr Investitionen in klimafreundliche Technik. "Es muss uns darum gehen, bessere Technologien zu entwickeln, Geld in die Hand zu nehmen für die Forschung und auf Innovation zu setzen. Deutschland hat hier eine große Verantwortung und eine Riesenexportchance."

Deutsche Solar-, Wind-, Wasser- und Kraftwerkstechnologie könne überall auf der Welt für weniger Schadstoffausstoß sorgen. "Das schafft Arbeitsplätze und ist gut für die Menschen in unserem Land", sagte Beck der Zeitung.

Mit der Krise leben

Pragmatische Töne kommen auch aus anderer Richtung. Weiter als die Politik ist beispielsweise Andreas Troge, der Präsident des Umweltbundesamtes, der sich bereits Gedanken über das Management einer so unvermeidlichen wie langanhaltenden Klimakrise in Deutschland gemacht hat.

In der "Neuen Osnabrücker Zeitung" forderte Troge, den öffentlichen Infektionsschutz zu verstärken und bisher in Deutschland noch nicht auftauchende Krankheiten zu beobachten.

Überträger von in manchen Fällen tödlich wirkenden Infektionskrankheiten hätten in den künftig milderen Wintern nördlich der Alpen bessere Überlebensbedingungen. Wenn sich Erreger von Lashmaniose oder "eventuell sogar Malaria" ausbreiten, "dann müssen wir uns darum kümmern".

Laut Troge ist in Brandenburg - womöglich infolge des Klimawandels - erstmals in Deutschland eine gefährliche Giftspinne aus südlichen Ländern aufgetaucht, der so genannte Dornfinger. Außerdem gebe es Blaualgenarten tropischen Ursprungs inzwischen auch in Deutschland.

Von ihnen produzierten manche ein wasserlösliches Gift. "Hier müssen wir sicherstellen, dass die Trinkwasserversorgung mit diesem Gift zuverlässig fertig wird", sagte der Behördenchef.

Mit Blick auf künftige langanhaltenden Hitzewellen schlug Troge vor, flächendeckend einen Hitzewarndienst einzurichten, den es in Hessen bereits gebe. Dort warne der Deutsche Wetterdienst Krankenhäuser, Altenpflegeheime und ähnliche Einrichtungen vor Hitzeperioden, als deren Folge regelmäßig Menschen sterben.

Troge forderte von der Politik, den im Grundgesetz formulierten Anspruch, als Staat die natürlichen Lebensgrundlagen der kommenden Generationen zu schützen, "konkret als Handlungsauftrag zu begreifen". Dies geschehe vielfach nicht. "Ich habe manchmal den Eindruck, dass beim politischen Handeln wichtige Passagen des Grundgesetzes völlig vernachlässigt werden", kritisierte er.

pat/AFP/AP/ddp/dpa/rts



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