400 Arten ausgewertet Viele Pflanzen blühen deutlich früher

»Ein Grad Erderwärmung ist schwer vorstellbar, aber dass die Maiglöckchen einen Monat früher blühen, das ist greifbar«: Die Studie eines Forschungsteams aus Cambridge zeigt klar, wie sich der Klimawandel konkret auswirkt.
Maiglöckchen (Convallaria majalis) blühen in einem Wald in den Niederlanden

Maiglöckchen (Convallaria majalis) blühen in einem Wald in den Niederlanden

Foto: M. Woike / blickwinkel / IMAGO

Allergiker spüren es jedes Jahr sehr deutlich, wenn die Pflanzenblüte einsetzt. Dann kribbelt, brennt, juckt und schwillt es wieder. So fliegen derzeit bereits Haselpollen durch Deutschland – im Februar.

Laut einer neuen Studie blühen einige Pflanzen angesichts des Klimawandels inzwischen mehr als einen Monat früher als noch vor Jahrzehnten. Dafür hat das Team um Ulf Büntgen von der Universität Cambridge insgesamt fast 420.000 Daten zum Blühbeginn von mehr als 400 Pflanzenarten ausgewertet. Einige der Angaben reichen bis ins Jahr 1753 zurück, generell wurde aber der Zeitraum von Beginn der Fünfzigerjahre bis 2019 analysiert.

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Die Forscher unterteilten ihre Daten, die alle aus Großbritannien stammen, in den Zeitraum bis 1986 und die Zeit danach. Den Großteil der Studie – 334 Arten – stellten die sogenannten krautigen Pflanzen, wozu viele Blumen zählen. Sie blühten im Zeitraum nach 1986 im Schnitt 31,5 Tage früher als in der Zeit zuvor, wie das Team in den »Proceedings B« der britischen Royal Society  schreibt. Die Baumblüte beginnt demnach im Schnitt 15 Tage früher und die der Sträucher zehn Tage. Insgesamt korrelierte der Blühbeginn sehr gut mit der Entwicklung der Maximaltemperaturen im Zeitraum Januar bis April von 1952 bis 2019.

Weil die krautigen Pflanzen kürzere Lebenszeiten und damit einen schnelleren Generationswechsel haben, können sie sich nach Angaben der Forscher evolutionär schneller anpassen. »Sie haben in 70 Jahren vielleicht 60 Generationen, ein Baum nur ein bis zwei«, sagt Büntgen. »Dennoch wissen wir nicht, ob die Evolution den Populationen erlauben wird, schnell genug ein neues Optimum zu erreichen, um mit dem Klimawandel Schritt zu halten«, schreiben die Forscher.

Sie führen den früheren Blühbeginn allein auf die Temperaturerhöhung zurück, denn Niederschlag oder Schneeschmelze hätten keine Auswirkungen gezeigt. Von 1952 bis 2019 hätten die Pflanzen ihren Blühbeginn im Mittel um 5,4 Tage pro Jahrzehnt vorgezogen.

In Deutschland gibt eine ähnliche Entwicklung. Der Deutsche Wetterdienst vergleicht jedoch die Zeiträume 1961 bis 1990 und 1991 bis 2021 für jeweils einzelne Arten. Die Haselblüte, das Zeichen für den Vorfrühling, beginnt demnach im Vergleich der beiden Zeiträume 17 Tage früher. Die Forsythien- und die Apfelblüte sind um elf Tage vorgezogen. Bei der Blüte der Sommerlinde, die den Hochsommer anzeigt, sind es zehn Tage. Zu Blumen hat der DWD nur wenige Daten. Das Schneeglöckchen verhalte sich in etwa wie die Haselnuss, sagt Agrarmeteorologe Wolfgang Janssen vom DWD.

Wie stark der Blühbeginn von der Temperatur abhängt, zeigte sich Mitte bis Ende der Achtzigerjahre, als es einen großen Temperatursprung für den Zeitraum Januar bis April in Großbritannien gab. In der Folge startete auch die Blüte dort sprunghaft früher. Grund war die Umkehrung der Nordatlantischen Oszillation – ein Luftdrucksystem, das auch das Klima in Deutschland beeinflusst. Dieser markante Sprung sei auch in Deutschland zu beobachten, sagt Janssen. »Die Veränderung der Atlantischen Oszillation ist eine Ausprägung des Klimawandels, der in diesem Fall nicht stetig sondern sprunghaft stattgefunden hat.«

Die Unterteilung der britischen Studie in den Zeitraum bis 1986 und die Zeit danach ist laut Büntgen jedoch nicht wegen dieses Sprunges erfolgt, sondern weil die Forscher vergleichbar viele Daten bis 1986 hatten wie für die Zeit danach, sodass sie mit dieser Jahreszahl zwei ungefähr gleichgroße Gruppen bilden konnten.

Wenn Pflanzen in Großbritannien weiterhin immer früher blühen und wenn die Frequenz, Intensität und Dauer der Klimaextreme weiter steigen, ist die Funktion und Produktivität der biologischen, ökologischen und landwirtschaftlichen Systeme einem bislang nicht dagewesenen Risiko ausgesetzt, schreiben die Autoren. Die ökologisch aufeinander abgestimmten Arten reagierten unterschiedlich auf den Klimawandel und passten damit nicht mehr zusammen, sagt Büntgen. Bäume, die früher blühen, könnten zudem häufiger durch Spätfröste ihre Blüten verlieren und fruchtlos bleiben.

»Ein Grad Erderwärmung ist schwer vorstellbar, aber dass die Maiglöckchen einen Monat früher blühen, das ist greifbar«, sagt Büntgen. »Jetzt wollen wir das gesamte Ökosystem anschauen.« Dazu sollen auch Daten von Tiere einfließen.

joe/dpa