Psychologie "Wäre der Klimawandel ein Terrorist, hätten wir ihn schon längst bekämpft"

Warum handelt die Menschheit nicht entschiedener, um die Erderhitzung einzudämmen? Der Kommunikationswissenschaftler George Marshall sagt: Der Klimawandel tut uns noch nicht weh genug.
George Marshall: "Leider überzeugen wissenschaftliche Fakten nur selten" (Symbolbild)

George Marshall: "Leider überzeugen wissenschaftliche Fakten nur selten" (Symbolbild)

Foto: Cultura RF/ Getty Images

SPIEGEL: Mr. Marshall, seit Jahrzehnten versuchen Sie Menschen davon zu überzeugen, etwas gegen die Klimakrise zu unternehmen. Und dann kommt Greta Thunberg. Was hat ein 16-jähriges Mädchen, was Sie als Kommunikationstrainer nicht haben?

Marshall: Keine Frage - Greta ist eine starke Botschafterin. Sie gehört keiner Organisation oder politischen Partei an und lebt, was sie proklamiert. Selbst wenn man nicht Gretas Meinung ist, hat man Respekt vor ihrem Engagement. Ihre Botschaft ist klar und integer. Andere Berühmtheiten wie Leonardo di Caprio sind unglaubwürdiger, weil sie nach ihrer flammenden Rede mit dem Privatjet nach Hause fliegen.

Zur Person
Foto: Climate Outreach

George Marshall ist Klima-Kommunikationsexperte und leitet seit 2004 die britische Organisation Climate Outreach. Der Thinktank will die Folgen des menschengemachten Klimawandels verständlich machen und berät dazu die Weltbank, den Weltklimarat und Regierungen. Marshall sorgte 2014 mit seinem weltweit beachteten Buch Don't Even Think About It: Why our Brains are Wired to Ignore Climate Change für Aufsehen.

SPIEGEL: Braucht man noch Klimakommunikatoren wie Sie?

Marshall: Es sieht so aus, als würde Greta viele Menschen erreichen. Doch fragen Sie mal Leute auf der Straße in verschiedenen Ländern Europas - viele kennen Greta nicht. Große Teile der Bevölkerung sehen den Klimawandel immer noch nicht als ihr Problem an. Sie nehmen die Gefahr der Erderwärmung nicht persönlich. Es betrifft sie nicht - glauben sie.

SPIEGEL: In letzter Zeit wird vermehrt diskutiert, ob die Debatte um Klimaschutz zu weiterer Polarisierung in der Gesellschaft beiträgt. Was sind Ihre Beobachtungen?

Marshall: Es gibt eine klare politische Spaltung beim Klimaschutz. Das sieht man gut an Deutschland: Die Rechten von der Alternative für Deutschland glauben, dass Klimaschutz ein linkes Thema sei. Deshalb lehnen sie es ab. Es waren ja vor allem linke und grüne Bewegungen, die der Wissenschaft zuerst zugehört haben. In den USA finanzierten wirtschaftsnahe Thinktanks und rechte Gruppen sehr lange den Kampf gegen den Klimaschutz - das ist fast schon politische Tradition. Die AfD oder Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro kopieren dieses Verhalten. Je lauter Linke und Grüne Klimaschutz fordern, desto skeptischer wird die andere Seite. Es wird der Botschafter abgelehnt, nicht die Botschaft.

SPIEGEL: Warum nehmen Menschen eine globale Katastrophe wie die Erderwärmung nicht ernst oder leugnen sie sogar?

Marshall: Den Klimawandel kann man nicht anfassen. Er liegt für viele in der Zukunft und er ist ein komplexes, weltumspannendes Problem. Niemand von uns hat bisher die Erfahrung gemacht, dass sich Wetter dauerhaft ändern könnte. Das ist alles schwer vorstellbar.

SPIEGEL: Aber das Wetter kann man doch spüren - und seine Veränderungen auch.

Marshall: Die Folgen sind heute in der Tat schon spürbar. Aber oftmals wird es dort, wo es schon immer trocken war, noch trockener. Oder bei mir in Wales: Wo es schon immer feucht war, regnet es noch mehr. Die Veränderungen geschehen langsam und die Folgen treten schleichend ein. Wir glauben, dass wir damit umgehen können, weil wir das ja schon kennen.

SPIEGEL: Wir glauben also, dass sich das schon wieder einrenkt.

Marshall: Ja. Ein tragischer Irrtum. Das hat psychologische Ursachen: Um etwas zu ändern, brauchen wir ein Narrativ. Normalerweise hat so eine Erzählung einen Helden und einen Bösewicht. Doch beim Klimawandel ist das anders. Wir sind alle schuld und werden alle die Folgen spüren. Das Gute und das Böse beim Klimawandel ist ein Teil von uns und unserem Leben. Wäre der Klimawandel ein Terrorist, hätten wir ihn schon längst bekämpft. Die westlichen Staaten haben im vergangenen Jahrzehnt Billionen Euro mobilisiert, um Terroristen auf der ganzen Welt zu jagen. Gegen die Erderwärmung, die weitaus gefährlicher ist, haben wir nur ein Bruchteil ausgegeben.

SPIEGEL: Aber es gibt schon Verursacher und Feinde des Klimaschutzes: Kohlekonzerne, ExxonMobil

Marshall: Nein. Fossile Konzerne oder Klimaleugner wie Donald Trump machen zwar keinen Klimaschutz aber sie treten nicht an, um mutwillig das Wetter zu verändern und Dürren oder Überflutungen herbeizuführen. Sie leugnen zum Teil einfach die Ursachen, die Leid auslösen und tun so, als würde sie das nichts angehen. Das ist etwas anderes.

SPIEGEL: Und wie sollte man Klimawandel erzählen, damit unser Denken darauf anspringt?

Marshall: Das Problem ist, dass der Botschafter der "schlechten Nachricht" bisher die Wissenschaft war. Leider überzeugen wissenschaftliche Fakten nur selten: Seit Jahrzehnten ist klar, dass Tabakrauch für Menschen schädlich ist. Trotzdem rauchen immer noch viele Leute und in manchen Ländern werden es sogar wieder mehr. Beim Klimawandel merken sie noch nicht mal gleich, wie schädlich das ist: Ein Flug nach New York tut ihnen ja persönlich nicht weh.

SPIEGEL: Wer soll die Botschaft dann rüberbringen?

Marshall: Das müssen wir alle tun. Es geht darum, dass Menschen sich untereinander über das Thema unterhalten: in der Familie, bei der Arbeit, beim Sport. Reden Sie darüber! Mit jedem und überall. Das größte Problem ist die Stille um die Krise.

SPIEGEL: Wie überzeugen Sie Ihre Gesprächspartner?

Marshall: Öffnen Sie eine Tür, indem Sie Ihren Gesprächspartner respektvoll behandeln. Man sollte vermeiden, den anderen für dumm zu halten und ihn das spüren zu lassen. Gehen Sie offen in das Gespräch und hören Sie sich die andere Version interessiert an. Es geht erstmal nicht darum, wer Recht hat. Aber machen Sie Ihren Standpunkt klar, ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen. Es überzeugt besonders, wenn Sie erklären, wie Sie zu Ihrer Meinung gekommen sind. Und erwarten Sie nicht, dass alle gleich beim ersten Mal überzeugt sind. Manche werden Sie nie erreichen. Und andere denken vielleicht auf dem Nachhauseweg das erste Mal darüber nach. Das sind die kleinen Erfolge.

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