Forscher zu Kohlekraft So könnte es mit den Klimazielen 2020 doch noch klappen

Deutschland wird seine Klimaziele bis 2020 nicht schaffen - dabei wäre das durchaus möglich, sagen Forscher. Im Auftrag von Umweltschützern erklären sie, welche Kraftwerke gedrosselt oder abgeschaltet werden müssten.
Kohlekraftwerk Niederaußem (Archivbild)

Kohlekraftwerk Niederaußem (Archivbild)

Foto: Federico Gambarini/ dpa

Im Koalitionsvertrag haben CDU und SPD vollmundig versprochen: "Wir bleiben Vorreiter beim Klimaschutz." Doch davon ist Deutschland aktuell weit entfernt. Eigentlich sollten die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken. Doch bisher sind davon erst 32 Prozent geschafft, so steht es im aktuellen Klimaschutzbericht der Regierung - fehlen also acht.

Im kommenden Jahr will die Große Koalition nun ein Gesetz verabschieden, wie zumindest bis 2030 Deutschlands Klimaschutz wieder aufs Gleis gebracht werden kann. Dabei wären womöglich sogar die Ziele bis 2020 noch zu schaffen - wenn es den politischen Willen dazu gäbe. Das jedenfalls legt eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik in Kassel nahe. Sie war von Greenpeace in Auftrag gegeben worden und wurde von den Umweltschützern am Donnerstag in Berlin vorgestellt. Sie ist Teil eines größeren Forschungsprojekts, das sich mit Szenarien für die Zeit bis 2035 befasst.

Grob zusammengefasst steht in der nun veröffentlichten Vorabauskopplung der Forscher: Die ältesten Braunkohleblöcke müssten abgeschaltet und Wind- und Solarkraft wie im Koalitionsvertrag vereinbart ausgebaut werden, dazu eine leichte Leistungsdrosselung bei mehr als 20 Jahre alten Braunkohlekraftwerken - dann wären die 40 Prozent CO2-Reduktion bis 2020 noch drin.

Fraunhofer-Wissenschaftler Norman Gerhardt nennt das Ergebnis eine "versorgungssichere Lösung" - und beruft sich dabei auf einen inoffiziellen Vermerk von Wirtschaftsministerium und Bundesnetzagentur von Ende 2017. Danach wird eine Abschaltung von sieben Gigawatt Kohlekraftwerksleistung als unkritisch für die Versorgungssicherheit eingestuft.

"Prüfen - und zügig umsetzen"

"Nicht die technischen Möglichkeiten fehlen, sondern allein der politische Wille", resümiert Anike Peters, Energieexpertin von Greenpeace. Jedes Jahr, das reiche Länder wie Deutschland den nötigen Ausstieg aus klimaschädlichen Energien wie Kohle und Öl verzögerten, steigere die wirtschaftlichen Schäden des Klimawandels - auch in Deutschland. "Die Bundesregierung sollte unseren Plan daher prüfen - und zügig umsetzen", so Peters.

Konkret zählen die Forscher in der Auftragsstudie 14 Kraftwerksblöcke in Nordost- und Südwestdeutschland auf, die bis 2020 stillgelegt werden müssten. Mit 6,1 Gigawatt gehe es dabei um weniger als ein Sechstel der deutschen Kohlekraftwerkskapazität, so Greenpeace.

Tabelle 1 - Stillegungen

Kraftwerksbezeichnung Baujahr Nettoleistung [in Gigawatt, GW]
Niederaußem C 1965 0,295
Niederaußem D 1968 0,297
Niederaußem H 1974 0,648
Boxberg N 1979 0,465
Boxberg P 1980 0,465
Weisweiler E 1965 0,321
Weisweiler F 1967 0,321
Weisweiler H 1975 0,656
Neurath A 1972 0,294
Neurath B 1972 0,294
Neurath E 1976 0,604
Jänschwalde B 1982 0,465
Jänschwalde C 1984 0,465
Jänschwalde D 1985 0,465
Zwischensumme 6,055
Quelle:Greenpeace/Fraunhofer IEE

Die Forscher betrachten zwei Szenarien. Das erste, bei dem die aufgezählten 14 Blöcke abgeschaltet werden müssten, geht davon aus, dass die Regierung eine Ankündigung umsetzt, die sie im Koalitionsvertrag macht. Demnach soll es sogenannte Sonderausschreibungen zur gezielten Förderung von Windenergie an Land sowie von Solarenergie geben, im Umfang von insgesamt je vier GW in 2019 und 2020. Dazu käme auch "ein Beitrag" durch Offshore-Windenergie.

Allerdings scheint das Wirtschaftsministerium inzwischen von diesem Plan wieder abgerückt zu sein . Von Vorbereitungen für die Ausschreibungen ist bisher nichts bekannt. Daher haben die Wissenschaftler auch noch eine Variante mit verzögerten Sonderabschreibungen gerechnet. Dabei müssten noch folgende zwei weitere Blöcke abgeschaltet werden:

Tabelle 2 - Mögliche Stilllegungen

Kraftwerksbezeichnung Baujahr Nettoleistung [in Gigawatt, GW]
Lippendorf S 1999 0,875
Schkopau B 1996 0,450
Gesamtsumme (mit Stilllegungen aus Tabelle 1) 7,380
Quelle:Greenpeace/Fraunhofer IEE

Außerdem schlagen die Fraunhofer-Forscher vor, weitere Kraftwerksblöcke zu drosseln - und zwar solche, die im Jahr 2020 ein Alter von mindestens 20 Jahren erreicht haben. Bei diesen Anlagen solle die Zahl der Volllaststunden auf 6000 pro Jahr begrenzt werden. Aktuell liege dieser Wert bei etwa 7000 Stunden. Die Drosselung verschaffe den Beschäftigten an den Kraftwerksstandorten "einige Jahre mehr für den strukturellen Umbau (im Vergleich zur Stilllegung)" und gewährleiste die Versorgungssicherheit.

Tabelle 3 - Drosselungen

Kraftwerksbezeichnung Baujahr Nettoleistung [GW]
Schwarze Pumpe A 1997 0,750
Schwarze Pumpe B 1998 0,750
Niederaußem G 1974 0,628
Lippendorf R 2000 0,875
Boxberg Q 2000 0,857
Weisweiler G 1974 0,663
Neurath D 1975 0,607
Jänschwalde A 1981 0,465
Schkopau A 1996 0,450
Zwischensumme 6,045
Quelle:Greenpeace/Fraunhofer IEE

Auch hier spielen wieder die beiden Szenarien der Forscher eine Rolle. Wenn es die geplanten - und bisher noch nicht umgesetzten - Sonderausschreibungen der Regierung für mehr Wind- und Sonnenkraft nicht geben sollte, müssten die Kraftwerksblöcke Lippendorf S und Schkopau B wie in Tabelle 2 beschrieben abgeschaltet werden. Für den Fall, dass das nicht nötig ist, wären laut Rat der Forscher aber auch bei ihnen zumindest Drosselungen nötig:

Tabelle 4 - Mögliche Drosselungen

Kraftwerksbezeichnung Baujahr Nettoleistung [GW]
Lippendorf S 1999 0,875
Schkopau B 1996 0,450
Gesamtsumme (mit Drosselungen aus Tabelle 3) 7,370
Quelle:Greenpeace/Fraunhofer IEE

Wie es mit dem Kohleausstieg in Deutschland tatsächlich weitergeht, soll in der ebenfalls im Koalitionsvertrag vorgesehenen Kohlekommission besprochen werden. Deren Einsetzung hatte wegen Personalstreitigkeiten sehr lange gedauert. Läuft alles nach Plan, soll sie allerdings schon bis November ihre Vorschläge vorlegen.

Video: Protest gegen Braunkohle

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