Christian Stöcker

Klimaziele der USA und Europas Das reicht noch nicht, und ihr wisst es

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Die EU, noch mehr aber Joe Bidens USA, spielen mit ihren CO₂-Zielen ein durchsichtiges und riskantes Spiel. Prozent- und Jahreszahlen sollen verschleiern, wer eigentlich schuld ist an der Klimakrise.
Joe Biden beim virtuellen Klimagipfel: Startpunkt ausgesucht, der vom entscheidenden Ziel so weit wie möglich entfernt ist

Joe Biden beim virtuellen Klimagipfel: Startpunkt ausgesucht, der vom entscheidenden Ziel so weit wie möglich entfernt ist

Foto: Pool / Getty Images

In dem Überblicksartikel, den die »New York Times« am Donnerstag dieser Woche über die neu verkündeten Klimaziele der US-Regierung unter Joe Biden veröffentlicht hat , steht ein seltsamer Satz: »Nationale Ziele zur Emissionsreduktion zu vergleichen, kann erstaunlich schwierig sein – viel hängt davon ab, in welchem Jahr man zu zählen beginnt.«

Das ist eine bemerkenswerte Einschätzung für eine Publikation, die ja auch nach Donald Trump noch für ungeschönte Beobachtung der eigenen Regierung stehen will. Es ist nämlich überhaupt nichts schwierig daran, die CO₂-Ziele verschiedener Länder zu vergleichen.

Man muss sich einfach nur die absoluten Zahlen ansehen. Gut, das macht die EU auch immer noch nicht, und das hat vermutlich ähnliche Gründe wie die seltsame Zählweise der Regierung Biden: Man sieht dann nicht so genau, wie schlimm die Dinge eigentlich liegen – und wie viel Schuld man selbst an dieser Lage trägt.

Aber fangen wir mal mit dem an, was Biden diese Woche versprochen hat. »50 bis 52 Prozent« Reduktion im Vergleich zu den Emissionen von 2005. Warum ziehen die USA – Justin Trudeaus Kanada macht das übrigens genauso – 2005 als Basisjahr heran? Nicht 1990, wie die EU?

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Ganz einfach: Die EU hat schon vor 1990 begonnen, ihre Emissionen zu reduzieren, in den USA, dem Mutterland der Klimawandelleugner, stiegen sie noch bis weit über das Jahr 2000 hinaus weiter an. 2005 ist ein für die USA interessantes Jahr, weil die Emissionen des Landes zu diesem Zeitpunkt auf dem absoluten Höchststand waren – und es sich um das letzte Jahr handelt, in dem die USA prozentual mehr CO₂ ausstießen als jedes andere Land der Welt. 2006 übernahm China die Führung.

Prozentual formulierte Reduktionsziele, die sich auf unterschiedliche Startdaten beziehen, sind schlicht nicht vergleichbar (landen aber trotzdem oft in Überschriften). 2005 emittierten die USA  – nur auf ihrem eigenen Staatsgebiet, durch Konsum anderswo verursachte Emissionen sind da nicht eingerechnet – 6,13 Milliarden Tonnen Kohlendioxid. Zum Vergleich: Die 27 EU-Staaten emittierten in diesem Jahr gemeinsam 3,75 Milliarden Tonnen. (Alle Zahlen in diesem Text stammen von OurWorldInData.com, die Ursprungsquelle ist das Global Carbon Project ).

Die USA haben sich für ihre Ziele also den Startpunkt ausgesucht, der vom eigentlichen, entscheidenden Ziel – null CO₂-Emissionen – so weit wie möglich entfernt ist.

Es gibt nur drei Kennzahlen, die wirklich relevant sind, und das ist eben überhaupt nicht »schwierig«:

  1. Wer pumpt wann noch wie viel Kohlendioxid in die Atmosphäre?

  2. Wie viel CO₂ pro Kopf ist das?

  3. Wer hat bisher wie viel CO₂ in die Atmosphäre gepumpt?

Erst einmal zu Punkt 1

Wenn man von 6,13 Milliarden Tonnen CO₂ im Jahr (USA, 2005) die Hälfte, Bidens 50 Prozent also, abzieht, kommt man auf etwa 3,06 Milliarden. So viel möchten die USA ihrer neuen Selbstverpflichtung zufolge also im Jahr 2030 noch ausstoßen. Zum Vergleich: Der Startpunkt der EU-Reduktionsziele für die 28 heutigen EU-Staaten im Jahr 1990 liegt bei 4,47 Milliarden Tonnen.

Das neue Ziel der EU liegt bei 55 Prozent von diesen 4,47 Milliarden Tonnen. Sie will also 2030 nur noch etwa zwei Milliarden Tonnen ausstoßen. Das absolute Ziel der USA (328 Millionen Einwohner) liegt also ein Drittel, eine komplette Milliarde Tonnen CO₂, über dem der EU (448 Millionen Einwohner). Und beide Ziele, warnen Klimaforscher, reichen immer noch nicht aus, um mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar zu sein.

Zum zweiten Punkt

Pro-Kopf-Emissionen sieht man sich am besten »konsumbasiert« an, was bedeutet: Nicht nur die heimische Kohlendioxidproduktion, sondern auch alle Exporte und Importe werden mit ihrer jeweiligen CO₂-Bilanz verrechnet und das Ergebnis auf die Bevölkerungszahl umgelegt. Also auch Emissionen durch T-Shirts aus Bangladesch und Smartphones aus Südkorea, die etwa bei uns verkauft werden.

Da ist die Sache nach wie vor erschreckend klar: Pro US-Bürger fielen 2018 pro Jahr mehr als 17,6 Tonnen CO₂ an . Für die Gesamt-EU sind diese Zahlen leider nicht einfach verfügbar, aber nehmen wir mal Deutschland als Beispiel: Bei uns lagen die konsumbasierten CO₂-Emissionen im Jahr 2018 bei knapp 10,4 Tonnen pro Kopf. In China waren es knapp 6,3 Tonnen.

Ein durchschnittlicher US-Bürger verursachte 2018 also fast dreimal so viel CO₂ wie ein durchschnittlicher Chinese.

In Russland rührt sich wenig

Vor diesem Hintergrund muss man das Gezeter betrachten, das Bidens eigentlich ja sehr moderate Reduktionspläne bei den Republikanern, der Partei der Klimawandelleugner, ausgelöst haben. Der republikanische Senator John Barrasso etwa jammerte, »Amerikas Gegner wie Russland oder China« würden ihre Emissionen weiterhin »willkürlich steigern«.

Das ist, was Russland angeht, einfach Unsinn: Die Veränderung der Emissionen des Landes oszillieren seit Jahren um null Tonnen herum, mal kommen ein paar Millionen dazu, mal fallen ein paar Millionen Tonnen weg. Konsumbasierte Zahlen gibt es für Russland leider nicht.

Chinas Emissionen steigen bekanntlich tatsächlich rasant, das Land stößt seit 16 Jahren mehr CO₂ aus als jedes andere. Viel davon ist allerdings in Wahrheit »unseres«: China stellt Dinge her, die der Westen dann konsumiert. Vor allem aber liegt China eben immer noch weit hinter den USA, was individuelle CO₂-Schuld angeht.

Das gilt erst recht bei der anderen, noch wichtigeren Zahl mit Blick auf globale Klimagerechtigkeit.

Punkt 3: der Anteil am CO₂, das wir Menschen bereits in die Atmosphäre gepustet haben

Für 2017 sehen die Zahlen für den historisch zusammengerechneten CO₂-Ausstoß  folgendermaßen aus:

  • USA: knapp 400 Milliarden Tonnen

  • EU (28 Staaten): gut 358 Milliarden Tonnen

  • China: knapp 200 Milliarden Tonnen

Mit anderen Worten: Die USA trugen 2017 (seitdem haben sich die Verhältnisse leicht verändert, aber nicht so sehr, dass das etwas Grundsätzliches ändern würde) doppelt so viel Verantwortung für die Klimakrise wie China. Und auch die EU hat CO₂-Schulden beim Rest der Welt, und zwar gewaltige.

Es geht ums Verschleiern

All die Jahres- und Prozentzahlen dienen letztlich immer auch dem Zweck, diese einfachen Tatsachen zu verschleiern. Schuld am Zustand der Welt, an der drohenden Katastrophe, ist vor allem der Westen. Zweifellos ist China mit seinen rasant wachsenden Emissionen eine große Gefahr, aber man wird mit diesem Land kaum zielführende Verhandlungen führen, wenn man sich ständig und für jeden, der rechnen kann, auch offensichtlich in die eigene Tasche lügt.

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Christian Stöcker

Das Experiment sind wir

Verlag: Karl Blessing
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Was die EU und die USA im Moment versprochen haben, mag das sein, was man derzeit für politisch durchsetzbar und technisch machbar hält. Vielleicht muss es für den Moment reichen. Klar ist aber: Es reicht nicht.

Hoffnung machen die Ergebnisse dieser Woche trotz alledem: Es gibt Bewegung, endlich.

Und natürlich sind die Selbstverpflichtungen wichtig. Wirklich Wirkung entfalten werden sie aber nur dann, wenn durch sie Prozesse in Gang kommen, die die großen Volkswirtschaften unumkehrbar auf einen Pfad der Dekarbonisierung führen. Der muss anschließend noch deutlich steiler werden.