Evolution Hat der weibliche Orgasmus doch einen Sinn?

Warum gibt es den weiblichen Orgasmus, obwohl er für die Fortpflanzung doch unnötig ist? Früher war das wohl anders, wie Forscher nun herausgefunden haben - indem sie sich mit Kaninchen beschäftigten.

Kaninchen lüfteten das Höhepunkt-Geheimnis
Oxford Scientific/ Getty Images

Kaninchen lüfteten das Höhepunkt-Geheimnis


Ohne die Ejakulation des Mannes gibt es keine Kinder. Ob Frauen beim Geschlechtsverkehr zum Höhepunkt kommen, ist für die Fortpflanzung dagegen unerheblich. Sie können auch ohne Orgasmus schwanger werden. Evolutionär gesehen erscheint der weibliche Höhepunkt deshalb unnütz.

US-Forscher glauben nun zu wissen, warum er sich trotzdem erhalten hat.

In der evolutionären Entwicklung könnte der weibliche Orgasmus ursprünglich genauso wichtig für die Fortpflanzung gewesen sein wie der männliche, vermuteten die Forscher Mihaela Pavlicev und Günter Wagner. Sie hatten ihre Theorie bereits 2016 vorgestellt. Nun haben sie dafür neue Hinweise vorgelegt, wie sie im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichten.

Orgasmus führte zu Eisprung

Bei einigen Säugetierarten kommt es bis heute zu einer induzierten Ovulation. Das heißt, der Eisprung entsteht beim Geschlechtsakt. Das ist beispielsweise bei Kaninchen, Katzen und Frettchen der Fall. Pavlicev und Wagner vermuten, dass in diesen Fällen der weibliche Orgasmus nötig ist, um einen Eisprung auszulösen. Das würde erklären, warum bei diesen Tieren die Klitoris im Inneren der Vagina liegt und während des Geschlechtsakts direkt stimuliert wird.

Um ihre Theorie zu überprüfen, verabreichten die Forscher weiblichen Kaninchen das Antidepressivum Fluoxetin. Das Medikament hemmt die Orgasmusfähigkeit. Tatsächlich kam es bei den mit Fluoxetin behandelten Kaninchen deutlich seltener zu einem Eisprung. Die Differenz zu unbehandelten Weibchen lag bei etwa 30 Prozent.

Laut den Forschern spricht das dafür, dass der weibliche Orgasmus ursprünglich notwendig für die Fortpflanzung war. Über die Jahrmillionen entwickelten einige Säugetierarten jedoch einen unabhängigen Zyklus, bei dem es in bestimmten Abständen zum Eisprung kommt, egal ob das Weibchen Sex hat oder einen Orgasmus.

Bei ihnen liegt die Klitoris in der Regel weiter außen, wo sie beim Geschlechtsverkehr seltener stimuliert wird. Ein Orgasmus wird dadurch zwar unwahrscheinlicher, für die Fortpflanzung ist er jedoch nicht mehr unbedingt nötig.

"Das ist entscheidend für unser Verständnis von der weiblichen Sexualität", sagt Studienautor Wagner von der Yale University. Die Studienergebnisse widersprächen Theorien, nach denen Frauen, die nur selten einen Orgasmus erleben, psychisch unreif seien - wie es der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud nahelegte.

Klitoris größer als gedacht

Die aktuelle Studie ist jedoch nicht die einzige Erklärung für den weiblichen Orgasmus. Laut einer weiteren Hypothese ist er gewissermaßen ein Zufallsprodukt des männlichen. In der frühen Entwicklungsphase des Embryos bilden sich die Geschlechtsorgane bei Jungen und Mädchen aus anatomisch gleichem Gewebe - Penis und Klitoris liegen dieselben Anlagen mit einem ähnlichen sensorischen Apparat und neuronalen Gebilde zugrunde.

Andere Forscher vermuten, dass der weibliche Orgasmus durchaus einen physiologischen Sinn hat. Denn dabei ziehen sich Scheide und Gebärmutter zusammen, zudem senkt sich der Muttermund ab. Diese Kontraktionen könnten die Chance für eine Befruchtung erhöhen.

Auch weitere evolutionsbiologische Theorien gibt es: Demnach könnte der weibliche Orgasmus eine Art Auswahltest für den perfekten Partner sein. Männer, die eine Frau zum Orgasmus bringen, könnten so ihre empathischen Fähigkeiten nachweisen - und sich damit als besonders einfühlsame Väter herausstellen.

Ähnlich komplex wie die Evolutionsgeschichte des weiblichen Orgasmus ist auch der Aufbau der Klitoris. Erst 1998 entdeckte die australische Urologin Helen O'Connell, dass die Klitoris deutlich größer ist als bisher angenommen: Im Inneren der Frau erstrecken sich knapp zehn Zentimeter lange Schwellkörper, die sich bei sexueller Erregung mit Blut füllen und so auf die doppelte Größe anschwellen können.

koe



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