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15. August 2009, 17:48 Uhr

Klon-Projekt

"In Sibirien ist für Mammuts viel Platz"

Stampfen eines Tages wieder Mammuts durch die Tundra? Der Paläogenetiker Stephan Schuster möchte die Eiszeitriesen per Gentechnik wiederauferstehen lassen. Im Interview erklärt er, wann die Wissenschaft so weit sein wird - und welche anderen Tierarten sie zurückbringen könnte.

Frage: Herr Professor Schuster, sind Sie eigentlich ein Tierfreund?

Mammut (Symbolbild): "Für die Menschen der Eiszeit war das Mammut das, was die Kuh für uns heute ist"
DPA

Mammut (Symbolbild): "Für die Menschen der Eiszeit war das Mammut das, was die Kuh für uns heute ist"

Stephan Schuster: Zunehmend. Früher hat es mit einem Haustier bei mir nicht so gut geklappt. Aber inzwischen lebt eins bei uns: Meine Kinder haben eine Eidechse.

Frage: Und Sie erforschen nun das Erbgut ausgestorbener und bedrohter Tierarten. Mögen Sie Mammuts?

Schuster: Durch die Arbeit mit ihren Erbmolekülen habe ich tatsächlich ein sehr inniges Verhältnis zu ihnen aufgebaut. Allerdings glaube ich, dass alle Menschen der nördlichen Hemisphäre auf die eine oder andere Art eine Beziehung zum Mammut haben. Selbst Kinder kennen Mammuts durch Comics und Filme. Sie sind bis heute ein Teil unserer Gesellschaft geblieben.

Frage: Mensch und Mammut scheinen eine lange gemeinsame Geschichte zu haben.

Schuster: Für die Menschen der Eiszeit war das Mammut das, was die Kuh für uns heute ist: Die Knochen, die Haut und sein Fleisch haben im Pleistozän eine wesentliche Rolle gespielt.

Frage: Was ist an Mammuts so interessant, dass man ihr Erbgut entziffern muss?

Schuster: Wir arbeiten nicht aus lauter Liebe am Erbgut des Mammuts. Doch weil man viele Mumien von ihm in den Permafrostböden gefunden hat und daher reichlich Proben zur Verfügung stehen, ist das Tier so etwas wie ein Modellsystem geworden.

Frage: Welchen Anteil des Mammutgenoms haben Sie inzwischen entziffert?

Schuster: Etwa 70 Prozent sind sequenziert. Wir arbeiten aber weiter daran und wollen das Mammutgenom mit derselben Genauigkeit entschlüsseln, die heute Standard bei modernen Säugetiergenomen ist. Das heißt, wir werden dieses Genom insgesamt zehn- bis zwanzigmal lesen, um sicherzustellen, dass wir keine Fehler darin haben.

Frage: Was haben Sie bislang herausgefunden?

Schuster: Es gibt eine sehr interessante Parallele zum Menschen. Vor sechs bis sieben Millionen Jahren begann die Auffächerung der Affen, die ja auch zum Menschen führte. Etwa zum gleichen Zeitpunkt trennten sich bei den Elefanten die Wege des Afrikanischen und des Indischen Elefanten und eben des Mammuts. Das Mammut ist also ein ebenso moderner Elefant wie die anderen auch. Es hatte nur das Pech, auszusterben, bevor wir es erleben konnten.

Frage: Stimmt es, dass der Mensch das Mammut ausgerottet hat?

Schuster: Genetisch unterschiedliche Mammutpopulationen sind mindestens dreimal an verschiedenen Orten ausgestorben: einmal vor 45.000 Jahren in Sibirien - zu diesem Zeitpunkt lebten dort keine Menschen. Das zweite große Sterben geschah vor etwa 10.000 Jahren in Europa. Ob der Mensch daran schuld war, ist nicht geklärt. Und zuletzt ist das nur knapp zwei Meter große Zwergmammut auf der kleinen Wrangelinsel im Nördlichen Eismeer ausgestorben, vor etwa 3500 Jahren. Auch da gibt es starke Zweifel, dass der Mensch eine Rolle spielte.

Frage: Der Genforscher George Church von der Harvard Medical School behauptet, er könne mit seiner Technik und Ihren Genomdaten ein Mammut klonen. Glauben Sie ihm?

Schuster: Ich denke nicht, dass er das hier und heute machen kann. Aber das Klonen eines ausgestorbenen Tieres wird sehr bald möglich sein. Die ersten Vorversuche haben bereits geklappt, mit der Ibis-Gämse in Spanien. Dort ist Gewebe, das man aufgehoben hatte, zum Klonen eines Embryos benutzt worden. Damit ist eine Schwangerschaft in einer Hausziege gelungen. Aber das ist nur der erste Schritt. Ein Mammut zu klonen ist sehr viel komplizierter.

Frage: Warum denn?

Schuster: Es gibt kein Zellmaterial mit intaktem Erbgut mehr. Man muss erst ein Elefantengenom in ein Mammutgenom umbauen, indem man alle genetischen Unterschiede zwischen Elefant und Mammut gentechnisch korrigiert. Das kann zwar mit Hilfe unserer Daten gemacht werden - doch technisch sind wir noch nicht so weit, diese große Anzahl von Änderungen vorzunehmen. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis das tatsächlich gelingt.

"Das Klonen eines ausgestorbenen Tieres wird sehr bald möglich sein"

Frage: Selbst wenn es technisch möglich ist - halten Sie das Projekt für richtig?

Schuster: Vielleicht wird es ethische Bedenken geben, aber im Fall des Mammuts sehe ich keine Probleme. Zum einen geht von Mammuts keine Gefahr aus, das sind gut kontrollierbare Tiere. Und die ökologische Nische, die das Mammut hinterlassen hat, ist bis heute unbesetzt. In Sibirien ist viel Platz. Die russische Regierung hat ein riesiges Areal für einen Paläopark bereitgestellt, in dem alte eiszeitliche Pflanzen angesiedelt werden. Das Ziel ist, eine artgerechte Umwelt für das Mammut aufzubauen. Alle beteiligten indigenen Stämme Sibiriens würden davon profitieren, zum Beispiel durch Tourismus.

Frage: Ein Mammut allein wäre wohl zu wenig...

Schuster: Es wäre unendlich traurig, wenn da ein einsames Mammut im Park herumliefe. Man muss genetisch diverse Herden erzeugen, die erfolgreich weitergezüchtet werden können.

Frage: Versprechen Sie uns, keine Neandertaler in die Welt zu setzen?

Schuster: George Churchs Argument ist hier: Sollten wir tatsächlich schuld daran gewesen sein, dass die Neandertaler ausgestorben sind, dann hätten wir jetzt eine großartige Gelegenheit zur Wiedergutmachung. Aber im Ernst: Ich bin der Ansicht, dass die ethischen Einwände in diesem Fall überwiegen. Schließlich müsste man dafür ein Menschengenom in eines vom Neandertaler umwandeln.

Frage: Könnte man nicht auch Schimpansen neandertalisieren?

Schuster: Ja, dieser Vorschlag wurde schon gemacht, und auch der ist höchst bedenklich. Sobald wir technisch in der Lage sind, das Mammut zurückzubringen, werden mit derselben Technik unheimliche Dinge möglich - wie zum Beispiel Mensch-Affe-Hybriden. Das wiederauferstandene Mammut ist da wohl das kleinste Problem.

Frage: Wenn man Ihre anderen Projekte betrachtet, könnte man vermuten, Sie wollten einen ganzen Paläozoo eröffnen.

Schuster: Wir arbeiten an mehreren ausgestorbenen Arten: dem Wollnashorn, dem Tasmanischen Tiger und dem Moa. So wollen wir zeigen, dass unsere Methode der Genomrekonstruktion aus Haaren generell anwendbar und robust ist und verlässliche Ergebnisse liefert. Damit können wir Material aus der tiefen Vergangenheit für die Evolutionsforschung bereitstellen. Momentan können wir 60.000 bis 100.000 Jahre alte Erbmoleküle untersuchen.

Frage: Dinosaurier sind also nicht drin?

Schuster: Dinosaurier sind auf jeden Fall sehr viel schwieriger. Wir werden so schnell keinen Jurassic Park sehen. Aber einen Pleistozän-Park schon. Ich gehe davon aus, dass ich das noch erleben werde. Wir werden jetzt systematisch erforschen, wie alt DNA sein darf, um noch rekonstruiert werden zu können. Alle Labore, die sich damit beschäftigen, arbeiten daran, diese Altersgrenze immer weiter nach hinten zu schieben.

Frage: Sie wollen auch Tierarten vor dem Aussterben retten - wie den Tasmanischen Teufel. Wovon werden die Tiere bedroht?

Schuster: Von Krebs. Die Tiere leiden an einer Form von ansteckendem Hautkrebs im Gesicht. Dass es Tumore gibt, die ansteckend sind, war eine Überraschung für die Wissenschaft.

Frage: Was weiß man über diesen Krebs?

Schuster: Entartete Hautzellen werden von einem Tier zum anderen übertragen, setzen sich im Gesicht fest und wachsen zu einem Tumor. Die Krankheit hat eine hundertprozentige Infektionsrate und Letalität. Das ist die mit Abstand vernichtendste Seuche, die wir uns ausmalen können. Seit 1996 hat sie fast zwei Drittel der Tasmanischen Teufel ausgerottet.

Frage: Wie können Ihre Genuntersuchungen den Tieren helfen?

Schuster: Ein paar Exemplare an der Westküste Tasmaniens sind offenbar teilweise resistent gegen den Krebs. Wir entschlüsseln jetzt das Genom eines dieser Tiere und vergleichen es dann mit dem Genom eines an Krebs gestorbenen Tiers. In den genetischen Unterschieden suchen wir nach Resistenzfaktoren. Die Ergebnisse werden außerdem dazu genutzt, Zuchtprogramme so zu lenken, dass eine größtmögliche biologische Diversität erhalten bleibt. Vielleicht gelingt es sogar, Resistenzfaktoren zu finden, die man gezielt weitervererben kann.

Frage: Könnte so ein infektiöser Krebs eines Tages auch den Menschen ausrotten?

Schuster: Beim Menschen ist so ein Krebs Gott sei Dank bislang noch nie aufgetreten. Stellen Sie sich vor, man würde sich nur die Hand schütteln, und dabei wird der Krebs schon übertragen. Es könnte die größte anzunehmende Katastrophe auslösen. Dagegen wäre Aids ein kleines Problem.

Das Interview führte Ulrich Bahnsen

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