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Fußball-Rumpelstilzchen: Schreien, pfeifen, rumfuchteln

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Sportpsychologie-Studie Rumpelstilzchen am Spielfeldrand

Tobende Trainer an der Seitenlinie sind Teil des Sport-Spektakels, ebenso wie Austicker in Interviews. Aber was, wollten britische Forscher wissen, macht aus dem einen Trainer eine Furie, während der andere cool bleibt?

Irgendwann schreien sie alle. Es gehört dazu und geht auch gar nicht anders, wenn Zehntausende brüllen, pfeifen und singen: Dann führt so mancher Trainer dort, wo Mittel- auf Seitenlinie trifft, einen Veitstanz auf. Wie anders will er seine Spieler auch erreichen, wenn nicht gestikulierend, schreiend, pfeifend, winkend? Nach vorn! Zurück! Mann decken! Raum zumachen! Augen auf! Und klar, im Eifer des Gefechts auch mal sowas: "Wo ist dein Blindenhund, Schiri?"

Wer den Hexenkessel eines Stadions erlebt hat, weiß, dass allein diese Kulisse reicht, den Adrenalinspiegel in ungeahnte Höhen zu treiben. Für die Trainer, die Regisseure ihrer Mannschaften sein sollen und strategische wie taktische Entscheidungen zu treffen haben, ergibt sich daraus ein Dilemma: Gefragt ist eigentlich Analyse, nicht Adrenalin.

Manche schaffen das trotz alledem mit kühlem Kopf - und andere werden zum entfesselten Rumpelstilzchen, wenn es nicht so läuft, wie sie das wollen. Das aber, glauben die Sportwissenschaftler Andrew Hill und Paul Davis von den Universitäten Leeds und Northumbria, sei wohl weder gut für das Spiel noch für das Renommee.

Psychisch vorbelastet am Spielfeldrand

Schaut man beispielsweise auf das sich wandelnde Image des Dortmund-Trainers Jürgen Klopp, der in der öffentlichen Wahrnehmung gerade vom witzigen intellektuellen Fußballlehrer zum unbeherrschten Choleriker zu mutieren droht, ist man geneigt, zuzustimmen.

Hill und Davis vermuteten hinter den Verhaltensmustern verschiedener Trainertypen psychische Prädispositionen. Was, wollten sie wissen, führt dazu, dass manche Trainer ihre Emotionen mehr und manche weniger unter Kontrolle zu haben scheinen?

Die Sportpsychologen befragten 238 aktive Trainer aus verschiedenen Sportarten. Ihre Hypothese: Ob und in welchem Maße Trainer ihre Emotionen unter Kontrolle haben, hänge davon ab, wie sie mit selbstgesetzten und von außen an sie herangetragenen Erwartungen umgehen könnten.

Im Falle der Trainer geht es dabei vor allem um Perfektionismus - gesteckte Ziele möglichst gut zu erreichen und gleichzeitig Fehler zu vermeiden. Perfektionismus wird in der Psychologie als Charaktermerkmal bewertet, das sich positiv wie negativ auswirken kann.

Sieh da: Brüllen hilft nicht

Psychologen unterscheiden dabei zwischen zwei Formen des Perfektionismus:

  • Die erste orientiert sich stärker am Streben nach selbstgesetzten Zielen und Standards der Person. Sie äußert sich positiv in Form eines hohen Organisationsgrades und vergleichsweise hoher emotionaler Stabilität. Perfektionisten dieses Typs sind eher in der Lage, mit Scheitern konstruktiv umzugehen;
  • die zweite orientiert sich stärker an (vermuteten oder tatsächlichen) Erwartungen an die Person. Das ist okay, solange es gut läuft, kann aber zu Problemen und emotionaler Instabilität führen, wenn das nicht der Fall ist. Perfektionisten dieses Typus gelten unter anderem als depressionsgefährdet.

Vereinfacht könnte man also sagen, dass die eine Form des Perfektionismus eher von den Idealen und vom Selbstbild des Perfektionisten getrieben ist, die andere hingegen von Ängsten davor, Erwartungen von außen nicht zu erfüllen. Was natürlich vor allem dann auffällt, wenn der Erfolg ausbleibt, denn Misserfolg heizt diese Ängste an.

Emotionen sind ansteckend

Wenig überraschend bestätigt Hills und Davis' Studie, dass emotionale Kontrolliertheit bei Sporttrainern tatsächlich mit diesen Spielarten des Perfektionismus korreliert. Das klingt profan und fast wie ein Kandidat für den nächsten Ig-Nobelpreis, ist aber letztlich ein konstruktiver Beitrag zum Sportgeschehen.

Denn die negativen Auswirkungen eines angstgetriebenen Perfektionismus betreffen nicht nur den Perfektionisten allein. Paul Davis sagt in einer Presseerklärung zur Veröffentlichung der Studie: "Emotionen sind ansteckend. Ein Trainer, der es nicht schafft, seine Wut zu regulieren, könnte die Leistung eines Athleten unterminieren."

Im Klartext: Im Extremfall könnte ein brüllender Trainer mit seinen Ausbrüchen genau das verursachen, was er selbst verhindern wollte. Eine Therapie könnte sich also sogar positiv auf die sportliche Leistung einer Mannschaft auswirken. Die Studie "Perfectionism and Emotion Regulation in Coaches: A test of the 2 X 2 model of dispositional perfectionism"  ist im Journal "Motivation and Emotion" erschienen.

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