König von Seddin Der geheimnisvolle Herrscher aus der Bronzezeit

Ein riesiger Grabhügel im Nordwesten Brandenburgs gibt Wissenschaftlern Rätsel auf. Wenig ist bekannt über den "König von Seddin". Neue Grabungen zeigen nun, mit welchem Aufwand seine letzte Ruhestätte entstand. Von Christoph Seidler, Seddin


Grab aus der Bronzezeit in Seddin
Christoph Seidler

Grab aus der Bronzezeit in Seddin

Acker, Bäume, Acker, Wiese, Acker, Windrad - und wieder von vorn. Zwischendrin mal ein Storch auf einem Kirchturm. Die tischebene, dünn besiedelte Prignitz im Nordwesten Brandenburgs macht Besuchern nicht gerade durch Reizüberflutung zu schaffen, Zugreisende zwischen Berlin und Hamburg verschlafen diese Gegend gern mal.

Doch nix mit öde - vor rund 3000 Jahren war hier eine Metropolregion. Da stand in der Prignitz ein monumentales Bauwerk, knapp 64 Meter im Durchmesser und zehn Meter hoch. Seine Reste geben Archäologen, die sich sonst mit Großbauten von Rom bis Babylon befassen, bis heute Rätsel auf: das sogenannte Königsgrab von Seddin.

Kilometerweit muss der Hügel in der Nähe des Flüsschens Stepenitz, nördlich der Elbe damals zu sehen gewesen sein. Doch ob tatsächlich ein König in dem Grab lag, ist unklar: Viel zu wenig wissen die Forscher über die Struktur, die im 19. Jahrhundert als Steinbruch herhalten musste. Vor allem die Nordseite des Hügels ist deswegen heute arg lädiert.

Und doch, etwa 40 Objekte wurden entdeckt, als im Jahr 1899 die aus Feldsteinen gebaute und innen mit Lehm verputzte Grabkammer geöffnet wurde. Einige davon sind echte Kostbarkeiten. Wer also war der Mensch, der hier so aufwendig bestattet wurde?

Besonders wertvoll ist eine in einem Tongefäß verpackte Bronzeamphore mit den verbrannten Überbleibseln eines Mannes, Asche und Knochenstücke, die in dem Grabmal entdeckt wurde. Außerdem fanden sich unter anderem zwei Keramikgefäße mit den Überresten von Frauen. Sowie Messer, ein Bronzeschwert - und zwei Eisennadeln. Zur Zeit der Bestattung war das eine absolute Rarität.

Ein Mensch, "der die politische, militärische und sakrale Macht in den Händen hielt", müsse es gewesen sein, den man da im 9. Jahrhundert vor Christus, genau am Übergang zwischen Bronze- und Eisenzeit, so aufwendig bestattet habe, sagt Jens May vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege. Der Archäologe hat, zusammen mit Kollegen unter anderem vom Exzellenzcluster Topoi in Berlin, gerade wieder am Hügel von Seddin gegraben.

Im grauen Poloshirt steht er am Rand des heute von Bäumen bestandenen Hügels und berichtet von den Arbeiten, bei denen es um die innere Struktur des Grabhügels ging. Seit mehr als zehn Jahren ist May regelmäßig in Seddin - doch der mysteriöse Bronzezeitherrscher und sein letzter Ruheplatz haben sich viele ihrer Geheimnisse noch immer nicht entreißen lassen.

Was für eine Menschengruppe war das, die ihrem Chef solch einen Monumentalbau errichtete? Warum schindete sie sich so für ihn? Hat der geheimnisvolle Herrscher selbst jene mit Buckelreihen dekorierte Bronzeamphore fertigen lassen, die ihm wohl zunächst als Trinkgefäß diente - und in der später seine Überreste bestattet wurden? Oder kaufte er sie ein? Wer sind die Frauen, die mit ihm zu Grabe getragen wurden? Und was hat es mit jener Reihe aus 150 Erdgruben auf sich, die ganz in der Nähe des Grabes gefunden wurden, jede 80 Zentimeter weit und bis zu einem Meter tief?

Der Archäologe Philipp Stockhammer von der Ludwig-Maximilian-Universität München, der nicht an den Grabungen in Seddin beteiligt ist, nennt das Areal einen "mitteleuropaweit herausragenden Fundkomplex, der kaum Vergleiche findet". Der Herrscher, der hier zur ewigen Ruhe gebettet wurde, dürfte Beziehungen bis nach Süddeutschland und Italien gehabt haben, sagt er. "Die Eliten damals standen über weite, weite Distanzen in Kontakt. Wer in Seddin lebte, wusste trotzdem sehr gut, was sich im Rest Europas so tat", sagt der Forscher.

Digitales Höhenmodell der Gegend um das "Königsgrab"
BLDAM Brandenburg/ Jens May

Digitales Höhenmodell der Gegend um das "Königsgrab"

Auch sein Kollege May sieht das Grab von Seddin als Teil eines gesamteuropäischen Netzes. So habe der antike Dichter Homer, vermutlich im 8. Jahrhundert vor Christus, in seiner "Ilias" über ganz ähnliche Grabhügel berichtet, die für die Helden Patroklos und Hektor errichtet worden seien.

Der Hügel von Seddin war jedenfalls beeindruckend groß, auch wenn er heute erst auf den zweiten Blick diesen Eindruck macht. 9000 Kubikmeter Sand - woher er stammte ist bis heute unklar - und unzählige Steine sind dafür mit einfachsten Hilfsmitteln transportiert und aufgeschichtet worden. Eine "gigantische, fast unvorstellbare Masse", wie Jens May sagt.

Im Video spricht Archäologe May über die Dimensionen des Baus: Wie viele Lastwagen man benötigen würde, um die verbaute Stein- und Sandmasse zu transportieren

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Der dort Bestattete müsse ein Mann zwischen 30 und 40 Jahren gewesen sein, so schätzten es einst Archäologen in der Vorkriegszeit. Die zwei mit ihm zur Ruhe gebetteten Frauen seien um die 20 Jahre gewesen, eine von beiden vielleicht auch etwas älter.

Doch ob diese anhand der gefundenen Asche gewonnene Einschätzung stimmt, lässt sich heute nicht mehr prüfen. Die Proben gingen im Krieg verloren - und damit eine wichtige Chance, dem geheimnisvollen Prignitzer Edelmann auf die Spur zu kommen.

Ein Teil der Funde aus dem Grab liegen heute im Stadtmuseum Berlin, wo sie noch bis Anfang Oktober zu sehen sind. Schwerter aus einem Gräberfeld ganz in der Nähe gingen als Kriegsbeute nach Russland. Vor Ort hat es schon länger keine neuen Funde mehr gegeben. Auch in diesem Jahr nicht. Umso komplizierter ist die Spurensuche der Forscher - zumal schriftliche Überlieferungen aus der Zeit des Herrschers von Seddin fehlen. Also sollen die Steine sprechen.

3000 Quadratmeter groß ist die überbaute Fläche des von einem Kreis aus Findlingen eingefassten Grabes. In eine der Flanken haben die Archäologen einen Schnitt geschaufelt. Damit die Bäume auf dem Hügel nicht leiden, haben die Forscher die Wurzeln einzeln freigelegt - und suchen darunter weiter, ohne sie zu beschädigen.

Der Schnitt zeigt: Die prähistorischen Bauherren türmten Sand und faust- bis melonengroße Steine immer im Wechsel über der Grabkammer auf, wie die Schichten einer Torte. "Wir glauben, dass es in dem Grabhügel insgesamt fünf flächendeckende Pflasterungen gegeben hat", sagt Archäologe May. Eine dieser Lagen hat er nun unmittelbar vor Augen. Es ist ein wenig, als sähe man den Erbauern des Königsgrabs bei der Arbeit zu.

Insgesamt 1,5 Hektar gepflasterte Oberflächen waren einst im Grab verborgen, glaubt May, also zwei Fußballfelder. Ein Teil davon wurde abtransportiert, als der Hügel als Steinbruch genutzt wurde. Diese Steinbrocken stecken nun in den Kopfsteinpflasterstraßen der Umgebung. Die sind übrigens so alt, dass sie selbst mittlerweile unter Schutz stehen.

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