Anfänge der Intelligenz Schau mir in die Augen, Kleines!

Dauer und Richtung des Blicks bei Säuglingen lassen tief blicken: Forscher können dadurch präzise Aussagen über die spätere Intelligenz gewinnen. Frühe Konzentrationsübungen könnten sogar den späteren akademischen Erfolg fördern.
Von Nora Schultz
Sagt mehr aus, als man dachte: Der Blick eines Säuglings

Sagt mehr aus, als man dachte: Der Blick eines Säuglings

Foto: Corbis

Schon im Alter von sieben Monaten zeigen Augenbewegungen von Babys, wie gut sie Informationen verarbeiten können. Jetzt gelang US-Forschern der Nachweis, dass solche Messergebnisse aus der Säuglingszeit Voraussagen darüber erlauben, wie gut Kinder im Alter von elf Jahren Probleme lösen und planen können. Das nährt Hoffnungen, mit spielerischen Konzentrationsübungen schon in den ersten Lebensmonaten das kognitive Potential von Kindern langfristig zu beeinflussen.

Zum Lernerfolg in der Schule und danach tragen neben dem Intelligenzquotienten vor allem die sogenannten exekutiven Funktionen bei: höhere mentale Prozesse wie das Setzen von Zielen oder die Steuerung von Impulsen, Emotionen und Aufmerksamkeit in Abhängigkeit von der Umwelt.

Ein Team um die US-Psychologin  Susan Rose am Albert Einstein College of Medicine in New York City hat jetzt gezeigt, dass die frühesten Fähigkeiten zur Informationsverarbeitung die spätere Entwicklung der exekutiven Funktionen voraussagen und vermutlich die direkten Vorläufer dieser höheren kognitiven Fähigkeiten sind.

Die Forscher untersuchten zunächst bei 203 Babys im Alter von sieben Monaten wie gut und schnell diese Informationen verarbeiten. Hierzu nutzen die Forscher Tests, die messen, wie schnell oder lange die Kinder den Blick auf bekannte, neue oder in schneller Abfolge präsentierte Bilder richten. Gemessen wurde auch die Geschwindigkeit bei der Lösung kleinerer Tests und die Aufmerksamkeit der Babys. Die Kinder wiederholten altersgerechte Versionen dieser Übungen zur Informationsverarbeitung mit einem, zwei und drei Jahren.

Im Alter von elf Jahren absolvierten die 131 in der Studie verbliebenen Kinder dann erneute Tests, die mit den in jüngeren Jahren untersuchten Fähigkeiten zusammenhängen: Arbeitsgedächtnis, Impulskontrolle und die Aufmerksamkeit gegenüber wechselnden Reizen. Ergebnis: Ihre Entwicklung wurde zu zwischen neun und 19 Prozent durch die Informationsverarbeitung im Baby- und Kleinkindalter vorhergesagt. Insbesondere das Gedächtnis und die Verarbeitungsgeschwindigkeit der Babys gaben großen Aufschluss über die späteren exekutiven Funktionen .

Der "IQ-Test für Babys" im Test

Wie viel geistiges Potential angeboren ist, und wie genau seine tatsächliche Entwicklung von späteren Umwelteinflüssen abhängt, bleibt für viele Forscher eine spannende Frage: Joseph Fagan von der Case Western Reserve University in Cleveland ist Erfinder eines "IQ-Tests für Babys",  der von Ärzten eingesetzt wird, um von geistigen Entwicklungsstörungen bedrohte Kinder so früh wie möglich zu identifizieren - und ihnen rechtzeitig zu helfen.

Die jetzt von Rose gezeigte Kontinuität in der frühen Informationsverarbeitung könnte einen Schlüssel für das Verständnis der Entwicklung von kindlicher Intelligenz bieten. Wenn aber die von Rose gemessene Informationsverarbeitung schon den Keim späterer exekutiver Funktionen darstellt, dann böte sich künftig vielleicht auch die Gelegenheit, exekutive Funktionen schon im Babyalter gezielt zu trainieren.

Der britische Forscher Sam Wass konnte kürzlich zeigen, dass Aufmerksamkeitsübungen schon bei Einjährigen zumindest kurzfristig zu verbesserter Konzentration führen. Rose selbst konnte sogar bei fünf Monate alten Babys mit spielerischen Konzentrationsübungen ihr Wiedererkennungsgedächtnis verbessern. Über die langfristige Wirkung solcher Ansätze ist bisher allerdings nur wenig bekannt.

Sollten die Übungungen für Babys tatsächlich Intelligenz schon im Keim fördern, könnte dies deutliche Auswirkungen auf die spätere akademische Leistung haben und eine noch frühere Förderung erlauben, glaubt Rose.

Der australische Psychologe Lazar Stankov warnt jedoch, dass der genaue Zusammenhang erst noch genauer untersucht werden muss. "Beim bisherigen Babytraining ging es um Aufmerksamkeit, aber ausgerechnet diese sagte in der aktuellen Studie im Gegensatz zur Verarbeitungsgeschwindigkeit und zum Gedächtnis nur wenig über die späteren Fähigkeiten der Kinder aus." Künftige Ansätze sollten daher auch diese beiden Aspekte früher Informationsverarbeitung stärker berücksichtigen.

Ob gezielte Trainingsprogramme - insbesondere am Bildschirm - überhaupt sinnvoll für Babys sind, ist eine andere Frage. "Vom Einsatz elektronischer Medien für Kinder unter zwei wird generell abgeraten , weil es keinerlei Hinweise für den Nutzen aber umso mehr für den Schaden gibt", sagt Rose.

Ihr Rat für Eltern, die Denkvermögen schon bei ihren Babys fördern wollen, ist schlicht: "Kinder brauchen Interaktionen mit echten Menschen um zu lernen. Wer sein Baby viel mit sich herumträgt, mit ihm spricht und seine Aufmerksamkeit immer wieder durch Zeigen auf die interessanten Dinge in der Umgebung lenkt, kann nicht viel falsch machen."

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