Plastikflut im Indischen Ozean 337.000 Zahnbürsten auf den Kokosinseln angespült

Auf zwei Atollen im Indischen Ozean haben Forscher Hunderttausende alte Zahnbürsten gefunden. Nach ihren Berechnungen könnte im Meer noch mehr Müll schwimmen als bislang angenommen.

Silke Stuckenbrock

Etwa 337.000 Zahnbürsten und 997.000 Paar Schuhe gibt es auf den entlegenen Kokosinseln im Indischen Ozean - dabei leben dort nur etwa 600 Menschen. Gigantische Mengen Müll aus anderen Regionen der Welt werden an die Atolle gespült.

Die Kokosinseln liegen gut 2100 Kilometer vor der Nordwestküste Australiens (siehe Karte unten). Es handelt sich um zwei Atolle: dem aus einer einzigen Insel bestehenden North Keeling und dem 26 Inseln umfassenden South Keeling. Auf sieben der Inseln beziehungsweise 88 Prozent der gesamten Landmasse der Kokosinseln haben Forscher um Jennifer Lavers von der University of Tasmania 2017 Plastikmüll gesammelt.

238 Tonnen Müll

Unterwegs waren sie an 25 Stränden, wo sie an der Oberfläche und in bis zu zehn Zentimetern Tiefe nach Müll suchten. Außerdem bestimmten sie die Müllmenge in Vegetationsstreifen hinter den Stränden, wie sie im Fachblatt "Scientific Reports" berichten.

Der Auswertung zufolge schwimmt im Ozean womöglich noch deutlich mehr Müll als bislang gedacht: Insgesamt sammelten die Wissenschaftler 23.227 Müllteile mit einem Gewicht von 96,67 Kilogramm. Hochgerechnet auf alle Inseln schätzen sie, dass dort im Jahr 2017 etwa 414 Millionen Teile menschengemachter Müll mit einem Gewicht von knapp 238 Tonnen lagerten.

Der Großteil davon - mehr als 95 Prozent - war Plastik. Glas, Holz oder Textilien fanden die Forscher nur in geringer Menge. Von den identifizierbaren Teilchen waren 25 Prozent Einwegplastik: Strohhalme, Tüten, Zahnbürsten, Trinkflaschen, Einmalbesteck oder Lebensmittelverpackungen. Fischereizubehör fanden die Wissenschaftler selten.

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Kokosinseln: Sonne, Strand und Müll

Nur einen kleinen Teil des Mülls entdeckten die Forscher an der Oberfläche. Bezogen auf die Gesamtschätzungen heißt das:

  • 14,29 Millionen Teile mit einem Gewicht von knapp 48 Tonnen lagen sichtbar am Strand oder im Vegetationsstreifen.
  • Insgesamt 384 Millionen Teile mit einem Gewicht von mehr als 61 Tonnen waren dagegen in den oberen zehn Zentimetern Boden vergraben. Das entspricht einem Anteil von 93 Prozent des Mülls.

Bei dem Müll im Boden handele es sich meist um Mikroplastikteile mit einer Größe von zwei bis fünf Millimetern, berichten die Forscher. Er bereitet ihnen die größten Sorgen: Gegenwärtig werde, wenn überhaupt, zumeist der sichtbare Müll entfernt. Allein das sei aufwendig und teuer. Wie es gelingen könne, die kleinen und häufig im Untergrund verborgenen Plastikschnipsel aus dem Sedimentgemisch herauszuholen, ohne die Lebewesen darin zu schädigen, sei fraglich.

Müll in den entlegensten Regionen

Dabei seien die aktuellen Schätzungen noch zurückhaltend. "Wir haben nur Proben in bis zu zehn Zentimetern Tiefe genommen und konnten einige Strände nicht erreichen, die als besonders stark verschmutzt bekannt sind", erklärt Lavers.

Der Müll unserer Zivilisation landet in Form von Plastikschnipseln mittlerweile in den entlegensten Regionen der Welt - nicht nur in Flüssen, Ozeanen und auf Inseln, auch in den Pyrenäen auf etwa 1400 Metern Höhe haben Forscher kürzlich Mikroplastik nachgewiesen. Es wurde in der Atmosphäre dorthin transportiert.

Die einzig praktikable Lösung, die Umwelt zu entlasten, sei es, Plastikproduktion und -konsum zu reduzieren und gleichzeitig die Müllentsorgung zu verbessern, sagen die Forscher.

jme/dpa

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