Kommentar Schöne neue Gen-Welt?

Die Begeisterung scheint echt. Wissenschaftler und Politiker sprechen - angesichts einer verfeinerten Karte der menschlichen Gensequenz - von einem "Meilenstein". Das geht gut über die Lippen. Das kostet nichts.

Von Alexander Stirn


Dabei stellt die bloße Sequenzierung höchstens ein Kilometerschild auf einer langen, geraden Straße dar, auf einem vorgezeichneten Weg. Reines Handwerk - nicht mehr, nicht weniger. Man nehme leistungsstarke Maschinen, fünf Freiwillige, viel Zeit sowie ein paar kreative Programmierer und kommt früher oder später zum gläsernen Menschen. Das Ende der Geschichte?

Nein, ganz im Gegenteil: Die wirkliche Arbeit hat erst begonnen. Noch ist nicht einmal klar, wie viele Gene der Mensch hat - von der Funktion der einzelnen Basenstränge ganz zu schweigen. Die viel beschworenen diagnostischen Tests, die revolutionären Medikamente, die Wunder versprechenden Gentherapien, sie werden nur sehr langsam kommen. Und auch der mit Abstand wichtigste Punkt ist noch immer ungeklärt: Wie werden die Menschen mit den neuen Möglichkeiten umgehen?

Denn die schöne neue Gen-Welt bietet nicht nur Chancen. Gentests vor der Geburt, Gentests beim Vorstellungsgespräch und beim Abschluss einer Lebensversicherung drohen. Statt auf Grund der Hautfarbe oder des Geschlechts könnten Menschen zukünftig wegen ihrer "schlechten" oder "abartigen" Gene diskriminiert werden.

Die Gefahr scheint groß, dass der Entschlüsselungseifer der Forscher missbraucht wird. Noch immer haben sich Wissenschaft, Politik und Wirtschaft in unheiliger Allianz die Schattenseiten einer neuen Entdeckung zu Eigen gemacht. Die Atombombe ist der deutlichste Auswuchs derartiger Errungenschaften.

Doch es gibt noch Hoffnung: Zu Recht - und auch zum Glück - machen Venter und seine Kollegen deutlich, dass Menschen mehr sind als eine reine Ansammlung von Genen. Dass Gesundheit und Verhalten auch von äußeren Faktoren abhängen. Dass die Kenntnis einer simplen Gensequenz keinesfalls den Charakter vorherbestimmt.

Auch wenn mit dem heutigen Tag das Innerste des Menschen teilweise offen gelegt wurde, der Homo sapiens hat sein Leben noch immer in der Hand. Und er hat die Macht darüber, wie er mit dem jetzt gelüfteten Geheimnis umgehen will: selbst zerstörerisch oder verantwortlich. Gelingt ihm Letzteres, dann kann wirklich von einem Meilenstein in der Geschichte der Menschheit gesprochen werden. Aber erst dann.



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