Kommerzielle DNA-Analyse Forscher verdammen Geschlechtertest für Embryos

In Großbritannien gibt es Streit um einen Test, mit dem werdende Eltern schon Wochen nach der Zeugung das Geschlecht des Fötus bestimmen können sollen. Wissenschaftler zweifeln an der Qualität der Analyse - und warnen vor ethischen Problemen.

Gut eineinhalb Zentimeter ist ein menschlicher Embryo lang, sechs Wochen nach der Zeugung. Und doch lässt sich bei einem solchen Winzling schon bestimmen, ob daraus einmal ein Junge oder ein Mädchen wird - wenn auch nur mit einer gewissen Unsicherheit. Dazu muss man dem Embryo gar nicht zu Leibe rücken: Im Blut der Mutter schwimmen DNA-Stücke herum, anhand derer sich das Geschlecht des Kindes bestimmten lässt.

Mit dieser Methode will ein britisches Unternehmen nun Geld verdienen. "Eines der aufregendsten Ergebnisse genetischer Forschung" erlaube nun eine Geschlechtsbestimmung schon sechs Wochen nach der Zeugung, jubiliert die Webseite des kommerziellen Anbieters DNA Worldwide. Man brauche nur ein Tröpfchen Blut von der Mutter, und in vier bis sechs Tagen bekäme man von DNA worldwide das Geschlecht des Kindes mitgeteilt. Der Vier-Tage-Schnelltest kostet gut 350 Euro, die 6-Tage-Variante 280 Euro.

Man könne 98 Bis 99 Prozent Genauigkeit bei der Geschlechtsbestimmung garantieren, steht dort weiter, und dass Beispielsweise eine Studie in Italien mit einer ähnlichen Methode eine Genauigkeit von 99 Prozent erreicht habe. Tatsächlich hat ein Forscherteam um Silvia Galbiati aus Mailand im April 2005 eine Studie veröffentlicht, derzufolge die Suche nach fötaler DNA im Mutterblut eine sichere Methode zur Geschlechtsbestimmung ist ("Human Genetics" 117, S. 243).

"Ich traue diesen Unternehmen nicht"

Die Autoren dieser Studie möchten mit den Geschäftemachern aus England allerdings nichts zu tun haben. Ein anderer Fachmann, Sinuhe Hahn, wissenschaftlicher Leiter des EU-geförderten Forschernetzwerkes Special Advances in Fetal Evaluation (SAFE), formuliert es so: "Ich traue diesen Unternehmen nicht." Ein dazu notwendiges Verfahren, die sogenannte Polymerase Kettenreaktion (PCR) sei "heikel" und fehleranfällig: "Da braucht bloß mal ein Mann im Labor zu niesen und schon sind die nächsten hundert Proben alle männlichen Geschlechts."

Die internationale Forschergemeinde ist auch gar nicht darauf aus, möglichst früh das Geschlecht ungeborener Kinder festzustellen - sie sucht nach Möglichkeiten, genetische Defekte möglichst frühzeitig und präzise erkennen zu können, etwa Trisomie 21, die das Down-Syndrom hervorruft. Der eigentliche Vater der Technik, der chinesischstämmige Forscher Dennis Lo, hat gemeinsam mit seinem Team sogar Regeln festgelegt, denen zufolge die Technik nicht an Unternehmen lizenziert werden darf, die damit Geschlechtsbestimmungen durchführen wollen. Lo hat in seinem Labor erstmals Embryo-DNA im Mutterblut aufgespürt und damit der neuen Früherkennungsmethode den Weg gebahnt. Die Methoden an sich sind publiziert - und damit ohnehin öffentlich.

Die Kinnlade heruntergefallen

DNA Worldwide ist nicht der erste Anbieter, der aus Blutproben das Geschlecht Ungeborener bestimmen und daraus Kapital schlagen will. In Kanada operiert ein Unternehmen namens Paragon Genetics, das ähnliche Prüfungen anbietet, ein US-Unternehmen namens Acu-Gen Biolabs in Lowell, Massachusetts, warb schon im Jahr 2005 mit dem Versprechen, den "genauesten DNA-Geschlechtstest" anzubieten. Sogar in eine Sendung des Fernsehsenders NBC schaffte es das Unternehmen im Jahr 2005, einer strahlenden Mutter wurde live vor der Kamera mitgeteilt: "Es ist ein Mädchen."

Die renommierte Genetikerin Diana Bianchi von der Tufts University School of Medicine in Boston sagte dem Wissenschaftsmagazin "Science" damals, als sie die Sendung gesehen habe, sei ihr "die Kinnlade heruntergefallen".

Lesen Sie im 2. Teil: Was Wissenschaftler und andere Kritiker in Sorge versetzt - und wie die Anbieter sich verteidigen

Ethische und wissenschaftliche Probleme um derartige Verfahren seien ungelöst, es sei einfach zu früh für eine derartige Vermarktung. Das Problem: Weil es sich nicht um eine klinische Diagnose handelt, greift Gesundheitsgesetzgebung in diesem Fall nicht. Unternehmen, die solche Tests anbieten, agieren in einer Grauzone.

Inzwischen ist Acu-Gen Biolabs noch einmal in die Schlagzeilen geraten: Schon seit 2006 läuft eine Sammelklage gegen das Unternehmen. Einige Frauen beklagen, man habe ihnen falsche Angaben über das Geschlecht ihres zukünftigen Kindes gemacht. Andere Anschuldigungen sind noch ernster: Es habe Anrufe aus dem Unternehmen gegeben, man habe den werdenden Müttern mitgeteilt, ihr Kind leide vermutlich an einem Gendefekt. Eine Betroffene sagte dem Magazin "New Scientist", Acu-Gen habe ihre "Schwangerschaft ruiniert": "Sie haben mir neun Monate in der Hölle beschert." Die Klage ist noch im Gange - und bislang wird der Test mit dem Namen "Baby Gender Mentor" weiterhin verkauft.

In Großbritannien regt sich bereits Widerstand gegen den nun von DNA Worldwide vermarkteten Geschlechts-Test. Der sei "sehr gefährlich", sagte Michaela Aston von der dem Schutz ungeborenen Lebens gewidmeten Organisation LIFE dem britischen Boulevardblatt "Sun". "Er kann dazu führen, dass Kinder abgetrieben werden, nur weil sie das falsche Geschlecht haben." Auch andere Organisationen kritisieren das Angebot von DNA Worldwide heftig.

"Wir werden Ihnen die Kosten des Tests erstatten"

In Indien, berichtet Sinuhe Hahn vom europäischen SAFE-Projekt, sei ein ähnlicher Test bereits verboten. Gerade in Gesellschaften, in denen männliche Kinder höher geschätzt würden als weibliche, berge solche frühzeitige Prüfung die Gefahr einer Selektion per Test und Abtreibung. Durch Fruchtwasser- oder Ultraschalluntersuchung kann man das Geschlecht erst frühestens ab der 16. Schwangerschaftswoche bestimmen, meist wird eine Ultraschalluntersuchung erst ab der 20. Woche durchgeführt.

Die Bluttest-Technologie sei an und für sich gut und funktioniere sogar präziser als etwa Ultraschall-Untersuchungen, so Hahn - wenn auch erst etwa ab der 8. Woche und nicht schon nach der 6., wie die Unternehmen versprechen. Die Frage sei jedoch, warum werdende Eltern unbedingt so früh schon das Geschlecht ihres Kindes wissen müssten - wenn sie nicht über eine Geschlechts-Selektion nachdächten.

In Deutschland etwa ist eine Abtreibung ohne sogenannte medizinische Indikation bis zur 12. Schwangerschaftswoche möglich - wenn sich die Eltern vorher haben beraten lassen. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (DGRM), Hans-Rudolf Tinneberg, sagte "Bild der Wissenschaft" jedoch Anfang des Jahres: "Anders als in den USA besteht keinerlei Anlass zu der Annahme, dass Frauen in Deutschland ein gesundes Baby abtreiben werden, nur weil es nicht dem von ihnen erhofften Geschlecht entspricht."

Den Herstellern macht die ethische Dimension ihres Angebotes wenig Kopfzerbrechen. Auf den Seiten von DNA Worldwide heißt es: "Im Falle eines falschen Resultats, reichen Sie einfach eine Kopie der Geburtsurkunde ihres Neugeborenen (…) ein, um den Fehler zu verifizieren. Wir werden Ihnen dann die Kosten des Tests erstatten." Ein Sprecher von DNA Worldwide war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Unternehmenschef David Nicholson sagte der BBC jedoch, die Sorgen über abtreibungswillige Kunden seien unbegründet. Umfragen unter den US-Kunden des Unternehmens hätten dies ergeben. Dort sei der Test bereits seit 2006 erhältlich.

Nachtrag: In Deutschland wird ein ähnliches Verfahren von der Firma Plasmagen angeboten - die allerdings den Weg über pränatal arbeitende Frauenärzte zu beschreiten versucht und die Tests nicht direkt vermarktet. Einer sehr kritischen Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik (GfH) zufolge  bietet das Unternehmen Gynäkologen sogar finanzielle Anreize, damit sie bei Schwangeren solche Tests durchführen lassen. Diese Praxis sei zu verurteilen: "Der Gesetzgeber ist dringend aufgerufen, alle invasiven und nicht-invasiven Formen vorgeburtlicher genetischer Untersuchungen zu untersagen, für die es keine medizinische Begründung gibt."

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