Verhandlungen auf der Klimakonferenz Die Kohlenstoffbombe von Madrid

In Madrid feilschen die Staaten darum, sich mit Geld vom Klimaschutz freizukaufen. Werden keine strengen Regeln für diese Geschäfte vereinbart, drohen gewaltige Schlupflöcher, die den Klimaschutz um Jahre zurückwerfen könnten.
Amazonasregenwald: Brasilien besitzt den größten Regenwald der Welt - und damit viel Kapital, das es in die Waagschale des CO2-Handels werfen kann.

Amazonasregenwald: Brasilien besitzt den größten Regenwald der Welt - und damit viel Kapital, das es in die Waagschale des CO2-Handels werfen kann.

Foto: LeoFFreitas/ Getty Images


Es ist so einfach, Kohle, Erdöl und Erdgas zu verbrennen. Und so schwer, damit aufzuhören. Dieses Jahr werden die weltweiten Emissionen mal wieder steigen, werden mal wieder mehr Deutsche denn je fliegen. Und ausgerechnet in diesem Jahr hat die Bundesregierung das Ziel ausgegeben: Das Land soll bis 2050 klimaneutral sein. Dann dürften wir netto keine einzige Tonne mehr an Treibhausgasen ausstoßen. Der Weg dahin ist also noch lang - und die Zeit drängt.

Eine Abkürzung könnte es für reiche Staaten wie Deutschland geben, indem sie ihre Klimabilanz mit Geld neutralisieren. Und zwar mithilfe von Emissionszertifikaten, die durch Klimaschutzprojekte in anderen Ländern geschaffen werden. Dieser sogenannte Marktmechanismus steht im Mittelpunkt der Klimakonferenz von Madrid.

Für das Weltklima ist es ziemlich egal, wo Emissionen freigesetzt und wo sie eingespart werden. Auf die Gesamtmenge kommt es an. Deshalb ist die Idee eines Kohlenstoffmarktes ein vernünftiger Ansatz. Zudem kann der Handel beiden Seiten nutzen: den Verkäuferstaaten, die Geld mit den Zertifikaten verdienen. Und den Käufern, die sich Geld sparen, weil Klimaschutz daheim für sie teurer käme.

Doch schon seit mehr als einer Woche streiten die Verhandler von fast 200 Staaten nun darüber, welche Regeln für diesen Handel mit Zertifikaten gelten sollen. Denn einige Staaten wollen Schlupflöcher in den Markt einbauen: zum eigenen Nutzen. Und auf Kosten des Klimas. Sind sie erfolgreich, könnte das dazu führen, dass Milliarden Tonnen Treibhausgase mehr ausgestoßen werden als vorgesehen (Hintergründe dazu lesen Sie hier). Es könnte passieren, dass große Verschmutzerstaaten, Konzerne oder Fluggesellschaften sich auf dem Papier für kleines Geld freikaufen können. Und Verkäufer sich die Taschen füllen mit dem Verkauf von Zertifikaten, die kaum oder gar keinen zusätzlichen Klimaschutz bringen.

Ob es so kommt, hängt von den Verhandlungsergebnissen in diesen beiden Punkten ab:

Doppelzählungen: Wenn Land A Zertifikate aus Klimaschutzprojekten in Land B einkauft, soll Land A sich diese Emissionen auf seine Klimabilanz gutschreiben lassen dürfen. Im Gegenzug müsste das Verkäuferland B die Einsparungen allerdings zuverlässig aus seiner eigenen Emissions-Buchhaltung streichen, damit die Maßnahme dem Klima etwas nützen kann.

Das sehen aber nicht alle so. Beispiel Brasilien: Das Land besitzt den größten Regenwald der Welt - und damit viel Kapital, das es in die Waagschale des CO2-Handels werfen kann. Der Staat kann sich das Nicht-Abholzen genauso wie das Wiederaufforsten bezahlen lassen - mit CO2-Rechten, die es an Länder wie Deutschland verkauft. Gleichzeitig will Brasilien sich aber die dadurch eingesparten Emissionen noch selbst anrechnen lassen können - damit würde der Klimanutzen doppelt gezählt.

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Vor allem die EU sowie besonders stark vom Klimawandel betroffene Nationen wollen solche Tricks verhindern uns treten für eine strenge Regelung ein. "Dieser Mechanismus muss absolut integer sein", sagt Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium.

Immerhin stehe Brasilien unter dem rechtsradikalen Präsidenten Jair Bolsonaro "weitgehend allein" da, wie es ein Verhandlungsteilnehmer ausdrückt. Aber solange Brasilien gegen den Marktmechanismus stimmt, ist kein Abschluss möglich.

Uralt-Zertifikate: Im Kyoto-Vertrag, dem Vorgänger des Pariser Klimaabkommens, verpflichteten sich die teilnehmenden Industrienationen, ihre Emissionen auf bestimmte Mengen abzusenken. Schon damals wurde ein Emissionshandel aufgesetzt. Auch damals konnten zusätzliche Zertifikate durch Klimaschutzprojekte in Schwellenländern geschaffen werden: Certified Emission Reductions (CER), hieß das damals.

In Staaten wie China, Indien und Brasilien wurden Milliarden CER generiert. Laut einer Analyse des Freiburger Ökoinstituts war bei mehr als zwei Drittel der untersuchten CER-Projekte fragwürdig, ob sie nicht auch ohne Zertifikate gemacht worden wären.

Insbesondere europäische Industriebetriebe deckten sich damals mit CER ein. Mussten sie doch nach Einführung des EU-internen Emissionshandels für jede ausgestoßene Tonne CO2 ein Zertifikat vorlegen.

Eine Zeitlang waren die CER Lizenzen zum Gelddrucken und Freikaufen. Dann aber brach der Markt ein: weil mehrere Staaten aus Kyoto ausscherten und sich im EU-Handel ein Überangebot an Zertifikaten auftat. Ergebnis: Die CER wurden teils für wenige Cent pro Tonne verramscht oder gar nicht mehr eingesetzt.

Diese Alt-Bestände wollen Brasilien und Indien nun im neuen Markt verkaufen. Es geht um enorme Mengen: Laut der Nichtregierungsorganisation Carbon Market Watch könnten bis Ende 2020 noch CER für den Ausstoß von rund 4 Milliarden Tonnen CO2 verfügbar sein.

"Deutschland will das nicht zulassen", sagt Umwelt-Staatssekretär Flasbarth. Er sagt aber auch: "Hier kann man Lösungen finden. Da rate ich als Rheinländer zu einer Portion Pragmatismus." Das klingt, als wären die Europäer doch kompromissbereit. Wenn Brasilien bei der Doppelzählung nicht nachgibt, könnten die Alt-Zertifikate zur Verhandlungsmasse werden.

Klimaschützer sind entsetzt. "Wenn die alten Zertifikaten in das neue System aufgenommen werden, droht eine Marktschwemme. Dann sind die Preise am Boden - und der Anreiz für mehr Klimaschutz ist zerstört", sagt Linus Herzig, Emissionshandels-Experte von Germanwatch. Und: Obwohl die Klimaziele auf dem Papier erhalten bleiben, könnten dann künftig mehr Treibhausgase in die Atmosphäre geblasen werden. Vier Milliarden Tonnen entsprechen fast den jährlichen Emissionen der gesamten EU.