Kopenhagen-Bilanz Umweltexperten wettern gegen Gipfel-Farce

Sie sind sich überraschend einig: Politiker und Klimaschützer geißeln das Ergebnis von Kopenhagen. Umweltminister Norbert Röttgen kündigt immerhin an, Deutschland werde eine aktive Rolle bei der Aufarbeitung übernehmen.

Klimaschutzaktivisten: "Halbgarer Text mit unklarer Substanz"
dpa

Klimaschutzaktivisten: "Halbgarer Text mit unklarer Substanz"

Aus Kopenhagen berichtet


Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel, so lautet offenbar die Devise der Klimadiplomaten. "Kopenhagen ist nur ein Zwischenschritt", sagt Bundesumweltminister Norbert Röttgen kurz vor seinem Heimflug zu SPIEGEL ONLINE. Man habe in Kopenhagen "die Mühsal von Uno-Prozessen erlebt". Trotzdem gebe es keine Alternative zu dem Verfahren. Nötig sei zunächst aber eine "kritische Bestandsaufnahme", der Verlauf des Gipfels in der dänischen Hauptstadt gebe dazu "allen Grund".

Die europäischen Umweltminister wollen sich am kommenden Dienstag in Brüssel treffen und den Klimagipfel von Kopenhagen und dessen magere Ergebnisse auswerten. Die Europäer allein könnten das Klima freilich nicht retten, so Röttgen, zumal sich die EU-Staaten bei den Klimagesprächen nicht dazu durchringen konnten, ihre Reduktionen bis zum Jahr 2020 auch ohne Kompromisse anderer Staaten um 30 Prozent zu kürzen. "Wie organisieren wir den Prozess nach diesem Erlebnis weiter?", fragt sich Röttgen nach dem dramatischen Mammut-Gipfel von Kopenhagen - und verspricht einen Vermittlungseinsatz der Bundesregierung: "Deutschland will und wird eine aktive Rolle ausüben."

Deswegen habe man zu einer Ministerkonferenz im Juni eingeladen, auf der die nächste Weltklimakonferenz vorbereitet werden solle, die aller Voraussicht nach im kommenden November in Mexiko stattfindet. Deutschland sei "in besonderer Weise akzeptiert, eine besondere Rolle zu spielen", sowohl bei den Inhalten eines zukünftigen Klimaabkommens als auch bei dessen Zustandekommen. Die geplante Ministerkonferenz in Bonn biete dafür eine "besondere Chance."

Künast: "Merkel hat in alter Manier blockiert"

Renate Künast, Grünen-Fraktionschefin, wertete den Ausgang des Klimagipfels dagegen als "Desaster". "Kopenhagen ist ein unrühmliches Kapitel der internationalen Klimapolitik", sagte Künast am Samstag in Berlin. Jetzt stehe die Weltgemeinschaft klimapolitisch mit leeren Händen da - trotz aller eindringlichen Warnungen der Wissenschaftler.

Künast macht Angela Merkel mit dafür verantwortlich, dass das "Erreichen des Zwei-Grad-Ziels in weite Ferne gerückt ist". Die Kanzlerin habe in alter Manier blockiert, statt mit Deutschland und der EU allen voranzugehen, kritisierte die Fraktionsvorsitzende. Merkel habe konkrete Finanzzusagen an die Entwicklungsländer im Vorfeld der Konferenz ebenso verhindert wie eine Erhöhung der europäischen CO2-Minderungsziele auf 30 Prozent. Ein Erfolg der Zwischenkonferenz in Bonn 2010 ist nach Ansicht Künasts alternativlos. Merkel müsse im kommenden Jahr "raus aus ihrer internationalen Nebenrolle" kommen.

SPD-Chef Sigmar Gabriel sieht das Scheitern des Weltklimagipfels als Schande für die Staats- und Regierungschefs. Mit ihrem Verhalten setzten sie die Zukunft der Kinder aufs Spiel, sagte der frühere Bundesumweltminister am Samstag auf einem SPD-Landesparteitag in Magdeburg. Der Verzicht auf Klimaschutz sei viel teurer als Investitionen in den Klimaschutz. Der "Bild am Sonntag" sagte Gabriel, Deutschland habe bei den Verhandlungen eine "unrühmliche Rolle" gespielt. Er forderte Merkel auf, "zur alten Linie der Großen Koalition" zurückkehren: "Klimaschutz und Armutsbekämpfung dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden", sagte Gabriel.

Während Politiker sich kritisch über die Haltung der Bundesrepublik äußern, kritisieren Forscher das Ergebnis vornehmlich aus wissenschaftlicher Sicht. Das Kompromiss-Ergebnis des Klimagipfels von Kopenhagen eigne sich kaum dafür, den Klimawandel zu stoppen. "Ohne abgestimmte Ziele für die Treibhausgas- Reduzierung ist die Erderwärmung nicht auf zwei Grad Celsius zu begrenzen", sagte der Leiter des Fachbereiches Klimawissenschaften am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI), Peter Lemke, am Samstag.

Damit der Klimaschutz eine politische Chance bekomme, müsse Europa vor dem nächsten Gipfel in Mexiko vorpreschen und die Kohlendioxid-Emissionen bis 2020 um 30 bis 40 Prozent verringern. Bisher sind nur 20 Prozent geplant.

Zweifel am Zwei-Grad-Ziel

Für Lemke ist der Kompromiss vor allem deshalb enttäuschend, weil die Notwendigkeiten des Klimaschutzes aus wissenschaftlicher Sicht eindeutig seien. "Wir müssen die Gesamtmenge der Kohlendioxid-Emissionen bis 2050 auf 750 Milliarden Tonnen begrenzen, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen", sagte Lemke, der maßgeblich am Weltklimabericht mitgewirkt hat. "Pro Kopf der Weltbevölkerung bedeutet dies eine zugeteilte Emission von zwei bis drei Tonnen CO2 pro Jahr." Zum Vergleich: "Westeuropäer emittieren gegenwärtig etwa 10 Tonnen pro Jahr und die Amerikaner 20 Tonnen."

Als besonders ernüchternd empfindet Lemke die Haltung der Industrieländer. "Sie hätten sich dazu verpflichten müssen, ihre Emissionen bis 2050 um 80 Prozent zu verringern." Der Klimaexperte hegt aber noch Hoffnung, dass bei der folgenden Klimakonferenz, die Mitte Mai in Bonn vorbereitet werden soll, ein tragfähiger Kompromiss gefunden werden kann.

Auch Umweltorganisationen wie Greenpeace und der World Wide Fund For Nature (WWF) haben das Ergebnis als unzureichend kritisiert. Es handele sich um einen "halbgaren Text mit unklarer Substanz", erklärte der WWF am Samstag in Kopenhagen. WWF-Experte Kim Carstensen machte dafür vor allem eine fehlende Führung und fehlenden Ehrgeiz verantwortlich. "Gut gemeinte, aber halbherzige Zusagen, unseren Planeten vor einem gefährlichen Klimawandel zu bewahren, reichen einfach nicht." Nötig sei eine völlig neue Zusammenarbeit zwischen reichen und armen Ländern.

Als "reine Farce" hat das globalisierungskritische Netzwerk Attac die Ergebnisse des Uno-Klimagipfels bewertet. "Kopenhagen war höchstens in Bezug auf das Ausmaß seines Scheiterns ein historischer Gipfel", erklärte der Attac-Klimaexperte Chris Methmann am Samstag. "Dies nun mit einem Formelkompromiss noch als Fortschritt verkaufen zu wollen, ist ein Schlag ins Gesicht der Milliarden Menschen, die unter den Folgen des Klimawandels leiden werden, ohne etwas zu seinen Ursachen beigetragen zu haben."

Indes gibt es Lob aus den Reihen der Schwellenländer: Indien hat den ausgehandelten Kompromiss von Kopenhagen gelobt. Die in der Nacht getroffene Vereinbarung sei "gut für die Entwicklungsländer", sagte der indische Umweltminister Jairam Ramesh am Samstag der Nachrichtenagentur IANS. Zum einen sei darin das Zwei-Grad-Ziel zur Begrenzung der Erderwärmung festgeschrieben worden. Zum anderen habe man sich auf Transparenz-Mechanismen verständigt, die die Souveränität der Entwicklungs- und Schwellenländer "schützen".

Mit Material von dpa, ddp und APD

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Seite 1
petsche 19.12.2009
1. Kopenhagen Fiasko
Wiso Fiasko ?? Die Machtkaempfe starten schon in der Familie . Einigen werden sich die Familienmitglieder nur dann wenn es etwas von anderen Familien zu holen gibt. Die Idee dass es bei Staaten anders sein sollte ist Bloedsinnig. Rausgeschmissenes Geld fur nutzloses politisches Geschwaetz. Die Schwesterwelle faselte von einer sich selbsttragenden Sicherheit. Ich schwafele mal von grosser Voelkerfreundschaft und "besonderer Freundschaft " zu einem der vielen Voelker.
Suppenkoch, 19.12.2009
2. Auf Thema antworten
Mal ganz ehrlich: gibt es überhaupt irgend jemanden, der einen anderen Ausgang dieses "Gipfels" erwartet hat? Alle sind so überrascht, dabei war es doch von Anfang an klar, dass die USA sich nicht einschränken werden und die Chinesen ebenfalls nicht. Damit haben wir die größten Verursacher und beide wollen sich nicht ändern. Also...
winterstein 19.12.2009
3.
Zitat von sysopFiasko in Kopenhagen: Der Klimagipfel ist an knallharter Interessenpolitik der USA, Chinas und vieler anderer Staaten gescheitert. Was muss jetzt passieren?
ich würde sagen wir kümmern uns um andere sachen, wie z.b. die weiterhin anhaltende ausnutzung diverser entwicklungsländer durch die industriestaaten oder evt. sogar um den hunger in der welt. es ist schon toll, dass sich die westliche welt dermaßen im klimaschutz engagiert, wobei eben diese am wenigsten unter dem klimawandel leiden werden (ja, ich weiß über die zu erwartenden klima-flüchtlingsströme und die gigantischen versicherungszahlungen aufgrund verstärkter winterstürme bescheid)! ...und wir haben doch wirklich geld genug um die paar leute aus der norddeutschen tiefebene nach meck-pomm umzusiedeln. is vielleicht gar nicht verkehrt. nach wenig-wasser-benötigenden feldpflanzen wird auch schon efolgreich geforscht)! natürlich betreibe ich hier ganz gräßliche polemik... oder ist es vielleicht populismus? oder gar stammtischgeschwätz! wie auch immer! damit bin ich ich nicht alleine! wir werden alle veräppelt und von tatsächlichen problemen abgelenkt! grüße
Jamesteakirk 19.12.2009
4. Leugnung des Klimakollaps unter Strafe stellen, sonst gibt's Haue
Vielleicht sehen wir die Sache in wenigen Jahrzehnten ganz anders. Ich habe bis vor kurzem an die Erderwärmung geglaubt. Wenn ich jedoch sehe, wie totalitär die Klimahysteriker wie Al Gore und Konsorten vorgehen, wie seriöse Kritik diffamiert und diskreditiert wird, dann bekomme ich ernsthafte Zweifel an dem ganzen Brimborium. Ich halte es durchaus für möglich, daß wir die Sache in ein paar Jahren viel entspannter sehen. Aus tiefenpsychologischer Sicht ergibt sich schon allein aus der Hysterie, dem Gutmenschentum und ähnlichen Begleiterscheinungen zwingend, daß hier etwas nicht stimmt und manipuliert wird. Ich habe gerade heute gelesen, wie seriöse und differenzierte Kritiker wie Björn Lomborg angefeindet und verleumdet werden. Es gibt einen Klima-Business. Ähnlich auch anderen Businessen bei politisch-korrekt besetzten Themen. So darf man beispielsweise auf keinen Fall die "Natürlichkeit" der Homo- und Transsexualität infrage stellen, weil dies angeblich eine Diskriminierung darstellt. Hier werden zwei Fragen verknüpft, die nicht zusammengehören, um unangenehme Erklärungsmöglichkeiten zu beseitigen. Ebenso vergeht man sich an der Menschheit und ist ein Verbrecher, wenn man die Klimahysterie infrage stellt.
mot2 19.12.2009
5. Reality
Zitat von sysopFiasko in Kopenhagen: Der Klimagipfel ist an knallharter Interessenpolitik der USA, Chinas und vieler anderer Staaten gescheitert. Was muss jetzt passieren?
Aufwachen, Augen reiben und nachdenken! zum Grusse
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