Krankenhaus-Statistik Psychische Störungen verursachen die meisten Kliniktage

Depressionen sind im Krankenhaus auf dem Vormarsch: 2007 verbrachten Patienten mit psychischen Krankheiten erstmals mehr Tage in Kliniken als Herz-Kreislauf-Kranke. Dabei machen Erkrankungen der Psyche nur ein Zehntel aller Diagnosen aus.


Krankenhaus-Manager schnallen den Gürtel bekanntlich stetig enger: Weil die Hospitäler knapp bei Kasse sind, müssen Patienten ihr Stationsbett immer früher räumen. Das stimmt zwar für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bei Patienten mit psychischen Leiden ist die Situation freilich eine andere. Das zeigt eine Umfrage der Gmünder Ersatzkasse (GEK), die diese Woche vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Berlin vorgestellt wurde.

Anzahl der Krankenhaustage pro Tausend Versicherte: Die Verweildauer aufgrund von psychischen Erkrankungen nimmt seit Jahren zu, die durch Herz-Kreislauf-Krankheiten ab
SPIEGEL ONLINE

Anzahl der Krankenhaustage pro Tausend Versicherte: Die Verweildauer aufgrund von psychischen Erkrankungen nimmt seit Jahren zu, die durch Herz-Kreislauf-Krankheiten ab

Lagen Herz-Kreislauf-Kranke 1992 noch durchschnittlich 13 Tage in der Klinik, waren es 2007 nur noch 8,8 Tage. Von 1990 bis 2007 sank die Zahl der stationären Behandlungstage pro 1000 Versicherte wegen Kreislauferkrankungen um 41 Prozent - von 380 auf 224 Tage.

Bei psychischen Erkrankungen ist hingegen ein genau gegenläufiger Trend zu beobachten: Von 1990 bis 2007 stieg die Anzahl der Behandlungstage pro 1000 Versicherte im Krankenhaus von 175 auf 241 - das sind 37 Prozent. Insgesamt sind psychische Störungen damit erstmals für die meisten Krankenhaustage verantwortlich, obwohl nur jeder zehnte Patient eine solche Diagnose hat. Zum Vergleich: Jede vierte Diagnose entfällt auf Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems.

Am häufigsten von den psychischen Erkrankungen führt dem Bericht zufolge eine "psychische Störung und Verhaltensstörung durch Alkohol" zum Klinikaufenthalt. Die hohe Zahl der Krankenhaustage kommt allerdings durch Diagnosen wie "depressive Episode", "rezidivierende depressive Störung" und "Schizophrenie" zustande. Diese Krankheiten erfordern meist eine lange und intensive Therapie, die mit vielen Gesprächen und Verlaufskontrollen verbunden ist.

Krank im Bett: Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen lagen 2007 im Schnitt 8,8 Tage in einem Stationsbett.
DPA

Krank im Bett: Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen lagen 2007 im Schnitt 8,8 Tage in einem Stationsbett.

Deutlich wurde in der Studie außerdem, dass die Art der Berufstätigkeit offenbar einen Einfluss auf die Dauer der Krankenhausaufenthalte hat: Ingenieure und Zahntechniker lagen beispielsweise 474 und 507 Tage (bezogen auf 1000 Versicherte und Jahr) im Krankenhaus, bei den Verkäufern waren es 813 Tage. Noch deutlicher sind die Unterschiede zwischen Arbeitslosen und jenen, die Arbeit haben: Im Schnitt verbrachten Arbeitslose mit 1730 Krankenhaustagen (bezogen auf 1000 Versicherte) mehr als doppelt so viele Tage in der Klinik wie Beschäftigte aus 30 verschiedenen Berufsgruppen.

Kinder im Krankenhaus

Auch für die Kindergesundheit hat die GEK neue Zahlen vorgelegt. Demnach ist die Versorgung von Kindern in deutschen Krankenhäusern zwar sehr gut, der Informationsaustausch mit den Eltern aber schlecht. Die Daten basieren auf Umfrageergebnissen von 1473 Eltern. Deren Kinder wurden nach ihren jeweiligen Krankheiten in drei Diagnose-Gruppen unterteilt: Verletzungen (675), Magen-Darm-Infektionen (292) und Mandeloperationen (506).

Die meisten Eltern waren von dem Behandlungsergebnis überzeugt: Die Eltern der verletzten Kinder waren zu 64 Prozent uneingeschränkt und zu 31 Prozent eingeschränkt zufrieden. Bei den Mandeloperationen waren es 80 und 17 Prozent. Für die Kinder mit Magen-Darm-Infektionen gab es laut der Studie keine Alternativen zur durchgeführten Behandlung, daher wurden diese Eltern bezüglich ihrer Zufriedenheit nicht befragt.

Die Analyse offenbart allerdings auch die Schattenseiten der medizinischen Welt: Eltern und Kinder fühlten sich von ihren Ärzten schlecht informiert und wurden nicht ausreichend in Entscheidungen einbezogen. 26 bis 69 Prozent der Eltern waren völlig unzufrieden und fühlten sich überhaupt nicht einbezogen in Entscheidungsprozesse. "Unter hohem wirtschaftlichem Druck vernachlässigt die akut-stationäre Krankenhausversorgung möglicherweise die kommunikativen Aspekte der Arzt-Patient-Eltern-Beziehung", sagt Friedrich Wilhelm Schwartz vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover. Die ärztliche Vorgehensweise orientiere sich offenbar mehr an "technischen" Aspekten und richte sich hauptsächlich auf die medizinische Qualität aus, so Schwartz.

hei

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.