Kreationisten in den USA Mit Gottes Wort gegen die Wissenschaft

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2. Teil: "Wir können den Stamm spalten": Wie die Kreationisten versuchen, die traditionelle Wissenschaft zu unterwandern - und wie ihnen Präsident Bush hilft


Lehrer wurden angewiesen, einen vier Absätze langen Text vorzulesen, demzufolge die Evolutionstheorie "kein Fakt" sei, "unerklärliche Lücken" aufweise und nicht die einzige Erklärung für die Entstehung des irdischen Lebens sei. Den Schülern wird außerdem ein Buch empfohlen, das Elemente von Intelligent Design enthält.

Fossil eines Trilobiten: Streit um das Alter der Erde und die Beweiskraft der Forschung
AP

Fossil eines Trilobiten: Streit um das Alter der Erde und die Beweiskraft der Forschung

Elf Eltern zogen daraufhin vor Gericht. Sie berufen sich auf das Urteil des Obersten Gerichtshofs von 1987. Ihr Argument: "Intelligent Design" sei nichts anderes als Kreationismus unter dem Deckmantel der Wissenschaft. Pikanterweise könnte ausgerechnet das Buch, das den Schülern in Dover zwangsweise empfohlen wird, diesen Vorwurf bekräftigen. Vergangene Woche sagte eine Philosophie-Professorin im Dover-Prozess aus, dass der Begriff "Kreationismus" aus den ersten Entwürfen des Buchs (Titel: "Of Pandas and People") nach dem Urteil von 1987 getilgt und schlicht durch "Intelligent Design" ersetzt worden sei. Der Streitfall könnte es nach Meinung von Beobachtern bis zum Obersten Gerichtshof in Washington bringen.

Die Speerspitze der modernen Kreationisten ist der Center of Science and Culture (CSC) des 1990 gegründeten Discovery Institute. Die Organisation hat nicht weniger zum Ziel als die Zerstörung der etablierten Wissenschaft selbst, die sie als "Quelle des Materialismus" verortet. "Wenn man die vorherrschende materialistische Wissenschaft als riesigen Baum betrachtet, soll unsere Strategie wie ein Keil funktionieren", heißt es in einem CSC-Papier mit dem Titel "The Wedge Strategy". "Der Keil ist zwar relativ klein, aber er kann den Stamm spalten, wenn er an seine schwächsten Stellen gelegt wird."

Dass die modernen Kreationisten fundamentalchristliche Sprache meiden, hat neben dem juristischen noch einen zweiten Grund, der für die Wissenschaft die eigentliche Gefahr darstellt. "Intelligent Design" soll in der Öffentlichkeit als alternative wissenschaftliche Theorie wahrgenommen werden.

Gefühlte Debatte um die Evolutionstheorie

Dieses Ziel haben die Kreationisten mittlerweile erreicht. Forscher können noch so lange das Gegenteil betonen: Die amerikanische Öffentlichkeit hat den Eindruck gewonnen, um die Plausibilität der Darwinschen Theorie tobe eine wissenschaftliche Debatte - und was für eine.

Dover-Prozess in Harrisburg (Pennsylvania), Verteidiger Richard Thompson: Kulturkampf um Intelligent Design in Schulen
AP

Dover-Prozess in Harrisburg (Pennsylvania), Verteidiger Richard Thompson: Kulturkampf um Intelligent Design in Schulen

Die Intelligent-Design-Anhänger nutzen die Offenheit des wissenschaftlichen Systems mit einer Chuzpe aus, die Vertretern des Forschungsbetriebs den Atem raubt. Sie machen sich insbesondere die Tatsache zunutze, dass selbst weithin anerkannte Fakten nach wie vor als "Theorie" gelten - etwa das heliozentrische Weltbild, demzufolge sich die Erde um die Sonne dreht.

Doch umgangssprachlich ist "Theorie" ziemlich gleichbedeutend mit "Hypothese", was die Intelligent-Design-Anhänger ausnutzen. Sie betonen, dass die Evolutionstheorie eben nur eine Theorie sei - wohl wissend, dass die Theorie in der Wissenschaft die höchste Form der Erkenntnis und die Hypothese nur eine Vermutung sein kann.

"Wir haben den Feind vollkommen unterschätzt", sagt Alan Leshner, Geschäftsführer der American Association for the Advancement of Science (AAAS), des größten Forschungsverbands der Welt. "Die Wissenschaft ist in der Defensive, da gibt es keinen Zweifel."

Viele Forscher haben zunächst überhaupt nicht auf die Intelligent-Design-Anhänger reagiert - mit dem Verweis, dass religiöse Konzepte nicht in die Wissenschaft gehörten und eine Diskussion damit überflüssig sei. Basta. Das aber war keine glückliche Taktik. "Unsere anfängliche Weigerung, mit den Intelligent-Design-Fans auch nur zu reden, hat arrogant gewirkt", räumt Leshner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ein. "Wir wurden auf dem falschen Fuß erwischt."

Ritterschlag vom Präsidenten

Bei ihrer Medienkampagne spielt den Intelligent-Design-Anhängern auch der angelsächsischen Fairness-Grundsatz in die Hände, demzufolge jede Meinung eine Chance erhalten sollte. Das hat etwa in der Klimadebatte bis heute zur Folge, dass in US-Zeitungen die Behauptung, ein vom Menschen beeinflusster Klimawandel finde nicht statt, oft gleichberechtigt neben der Meinung der überwältigenden Forschermehrheit steht.

AAAS-Geschäftsführer Leshner: "Wir haben den Feind unterschätzt"
AAAS

AAAS-Geschäftsführer Leshner: "Wir haben den Feind unterschätzt"

Intelligent Design wurde auf diese Weise von höchster Stelle geadelt. "Beide Seiten sollten anständig gelehrt werden", sagte US-Präsident George W. Bush - "damit die Menschen verstehen, worum es in der Debatte geht". Zum Horror der Forscherzunft nahm Bush nicht nur das Wort "Debatte" in den Mund, sondern sprach gar von "zwei unterschiedlichen Denkschulen".

Wissenschaftler stehen nun vor der sprichwörtlichen Wahl zwischen Pest und Cholera: Lassen sie sich auf eine Diskussion mit den Kreationisten ein, könnte das den Anschein erwecken, die Evolutionstheorie stünde zur Debatte. Tun sie es nicht, stehen sie in der Öffentlichkeit wahlweise als Drückeberger, Feiglinge oder dünkelhafte Snobs da.

Für den Fall, dass man nicht bald ein Mittel gegen die Attacke der religiösen Rechten findet, befürchtet so mancher US-Forscher einen Rückfall in mittelalterliche Zustände. "Dann droht ein neues dunkles Zeitalter", fürchtet auch Leshner.

Dennoch tun sich Wissenschaftler schwer, mit den Kreationisten in den Clinch zu gehen. "Wenn die Leute mich nach Gott fragen, empfehle ich einen Besuch in der Kirche gegenüber", sagt Neil deGrasse Tyson, der mit wissenschaftlichen TV-Sendungen in den USA zu Starruhm gelangte. "Intelligent Design ist ein Konzept der Ignoranz." Wer postuliere, dass ein höheres, unergründliches Wesen die Natur steuere, nehme in Kauf, "dass man keine Fragen mehr stellt". "Unter solchen Umständen hätte Isaac Newton nie gewagt, den Glauben an ein von Gott bewegtes Firmament in Frage zu stellen."

Warren Allmon rät derweil in seinem Leitfaden für Museumsführer, sich erst gar nicht auf eine Debatte über Gott und die Welt einzulassen. Besonders streitsüchtige Besucher solle man darauf hinweisen, dass ein Museum ein Ort der Wissenschaft sei - und keiner für philosophische, religiöse oder politische Diskussionen. Wenn auch das nichts mehr helfe, bleibe nur eines zu sagen: "Entschuldigen Sie, ich muss mal auf die Toilette."



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