Kreativitätsforschung Macht nur Fleiß das Genie zum Genie?

Fleiß, Geduld und Zeit - mehr braucht es nicht für eine geniale Erfindung. Das behauptet ein Forscher der Universität Bern. Andere Wissenschaftler machen vor allem mangelhafte Selektionsmechanismen im Hirn für die Geistesblitze verantwortlich. Für sie steht das Genie wortwörtlich an der Grenze zum Wahnsinn.


Einstein: Genies angeblich anfälliger für Geisteskrankheiten
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Einstein: Genies angeblich anfälliger für Geisteskrankheiten

Leinfelden - Für Einstein war es Intuition, andere nennen es Kreativität, schöpferische Kraft oder Inspiration - das gewisse Etwas, das ein Genie von einem Normalsterblichen unterscheidet. Die Suche nach diesem Etwas hat in der Vergangenheit bereits merkwürdige Blüten getrieben. So schnitt ein amerikanischer Pathologe nach Einsteins Tod dessen Gehirn in 240 Würfel, ohne jedoch dem Ursprung seiner Genialität auf die Spur zu kommen. Lenins Gehirn wurde zu diesem Zweck sogar in 30.000 Schnitte zerlegt - ebenfalls erfolglos.

Auch heute noch beschäftigen sich Wissenschaftler mit der Frage, warum bestimmten Menschen Dinge einfallen und anderen nicht. Für Gerd Graßhoff, Professor für Wissenschaftstheorie von der Universität Bern, ist die Sache klar: Fleiß, Geduld und Zeit - mehr braucht es nicht, um eine geniale Entdeckung zu machen.

Einsteins Hirn: Der mathematisch-logische Hirnbereich ist größer als normal
AP

Einsteins Hirn: Der mathematisch-logische Hirnbereich ist größer als normal

Graßhoffs These: Wenn alle möglichen Lösungen eines Problems systematisch getestet und ausprobiert werden, führt das automatisch zum Durchbruch. Um das zu beweisen, hat der Wissenschaftler sogar ein Computerprogramm entwickelt, das nach diesem Prinzip wissenschaftliche Entdeckungen nachvollziehen kann, berichtet das Magazin "Bild der Wissenschaft" in seiner Januar-Ausgabe.

Computern fehlt das Zufalls-Prinzip

Glaubt man dagegen anderen Wissenschaftlern wie dem amerikanischen Kreativitätsforscher Dean Simonton, kann ein Computer niemals eigene kreative Ideen entwickeln. Dazu fehlt ihm nämlich das nach Ansicht von Simonton wichtigste Moment - der Zufall. Der bestimmt schließlich schon, welchen Ideen, Theorien und Gedankenmodellen ein Wissenschaftler während seines Studiums begegnet. Wenn diese Ideen dann im Kopf herumschwirren, ist es ebenfalls Zufall, welcher Gedanke auf welchen stößt. Bildet sich dabei die richtige Kombination, kann daraus eine neue geniale Idee entstehen.

Lenin: Auf der Suche nach der Genialität zerlegten Forscher sein Hirn in 30.000 Schnitte
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Lenin: Auf der Suche nach der Genialität zerlegten Forscher sein Hirn in 30.000 Schnitte

Einer solchen zufälligen Gedankenkollision ist unter anderem die Erfindung der Post-Its, der kleinen, selbsthaftenden gelben Notizzettel zu verdanken. Im Kopf ihres Erfinders Art Fry stieß dabei ein aktuelles Problem - nämlich dass ihm beim Singen in der Kirche ständig die Lesezeichen aus dem Gesangbuch fielen - mit einem Wissensfragment zusammen. Er erinnerte sich an das misslungene Experiment eines Kollegen, der statt eines Superklebers eine Substanz hergestellt hatte, mit der Papier an etwas angeheftet und ebenso leicht wieder gelöst werden konnte.

Frys Idee: Wenn nun dieser Klebstoff direkt am Papier angebracht würde, erhielte man Lesezeichen, die von selbst an der Seite haften und anschließend spurlos wieder abgelöst werden könnten. Dieses Konzept war so genial, dass die kleinen gelben Helfer heute aus keinem Büro mehr wegzudenken sind.

Intelligenz macht noch kein Genie, Aufnahmefähigkeit schon

Welche Faktoren dem Zufall auf die Sprünge helfen können, wissen die Kreativitätsforscher dagegen noch nicht genau. Hohe Intelligenz gehört nur bedingt dazu, hat Simonton bei seiner Arbeit festgestellt. Ein gewisser Schwellenwert sei natürlich nötig, damit überhaupt die Grundkonzepte zum Beispiel in der Physik erfasst werden könnten. Aber alles, was darüber liege, bringe keinen weiteren Kreativitätsschub, sagt er.

Auch eine eigensinnige und verschrobene Persönlichkeit, wie sie vielen Genies nachgesagt wird, scheint nur mittelbar mit der Schöpfungskraft zusammenzuhängen. Arroganz und Feindseligkeit beispielsweise machen nicht an sich kreativer. Sie verbessern nur die Forschungsbedingungen, indem sie helfen, sich im Wettbewerb um Fördergelder durchzusetzen. Eine Portion Eigensinn dagegen ist nötig, damit ein Wissenschaftler festgefahrene Gedankenwege überhaupt verlassen und alte Vorstellungen über Bord werfen kann.

Gehirn-Modell: Hält jeder Wissenschaftler den Schlüssel zur Genialität in den eigenen Händen?
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Eine Eigenheit kreativer Menschen konnten die Wissenschaftler aber doch identifizieren: In ihren Gehirnen gibt es viel mehr verschiedene Assoziationen zu jedem Gedanken als bei weniger Begabten. Das liegt einerseits daran, dass viele erfolgreiche und innovative Menschen sehr kontaktfreudig sind und sich im Gespräch mit anderen immer wieder neue Ideen und Anregungen holen.

Andererseits kann das Unterbewusstsein kreativer Menschen häufig sehr schlecht Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden - ihr Gehirn nimmt einfach alles nahezu ungefiltert auf. Dadurch haben diese Menschen viel mehr Informationen zur Verfügung, aus denen sich neue und fruchtbare Gedankenkombinationen bilden können. Im Gegenzug sind ihre Gehirne durch den fehlenden Filter aber auch sehr viel schneller überlastet. Die Folge können psychische Störungen wie beispielsweise Schizophrenie sein - eine Krankheit, die ebenfalls durch schlechtere Reizfilter gekennzeichnet ist.

Ilka Lehnen-Beyel, ddp



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