Krebsdiagnose Tumoren auf Knopfdruck erkennen

Ein neues Verfahren könnte die Früherkennung von Krebs revolutionieren. Leipziger Forscher benötigen angeblich nur einen Abstrich, um das Stadium eines Tumors zuverlässig zu ermitteln. Manchem Patienten könnte so die Chemotherapie erspart bleiben.

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Gestreckte Zellen: Elastizität verrät Krebs
Uni Leipzig

Gestreckte Zellen: Elastizität verrät Krebs

Die Streckbank gehörte zu den brutalsten Folterinstrumenten des Mittelalters. Menschen wurden an Füßen und Armen gefesselt und mit Seilwinden auseinander gezogen, um ihnen Geständnisse abzuringen. Eine ähnliche Technik wollen Physiker von der Universität Leipzig jetzt im Kampf gegen Krebs einsetzen. Auf die Folterbank kommen allerdings nicht etwa Gotteslästerer oder Hexen, sondern menschliche Zellen. Da Krebszellen deutlich weicher sind als gesunde Zellen, können sie auf diese Weise leicht identifiziert werden.

Jede Zelle wird einzeln mit einem Infrarotlaser bestrahlt und dabei gedehnt. Entartete Zellen, die ihre ursprüngliche Funktion und damit auch ihre stabile Form verloren haben, setzen dieser Dehnung dabei weniger Widerstand entgegen als gesunde Zellen, die meist ein recht festes inneres Gerüst besitzen. Diesen Unterschied können die Forscher genau messen.

Gleichzeitig verrät das Dehnungsverhalten der Zellen, wie weit die negativen Mutationen bereits fortgeschritten sind und ob ein Tumor bereits Metastasen gebildet hat. Je leichter sich die Zellen dehnen lassen, desto wahrscheinlicher ist die Ausbreitung.

Messung vollautomatisch

"Das ist wie im Gemüsemarkt", erklärt der Physiker Jochen Guck im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Man nehme die Zellen quasi in die Hand wie Tomaten aus dem Regal, anstatt sie nur anzuschauen wie bei der bisherigen Tumorerkennung.

Pilotanlage zur Krebsdiagnose: Zellen anhand ihrer Elastizität unterscheiden
Uni Leipzig

Pilotanlage zur Krebsdiagnose: Zellen anhand ihrer Elastizität unterscheiden

Bei einem Krebstest in Kliniken wird entweder ein größeres Gewebestück entnommen, in feine Scheiben geschnitten und unter dem Mikroskop untersucht. Oder aber ein erfahrener Arzt schaut sich bei einem Abstrich entnommene Zellen unter dem Mikroskop an, die zuvor eingefärbt wurden, um veränderte DNS zu identifizieren. Die Arbeit erfordert eine Menge Erfahrung, relativ viel Zeit und liefert nicht immer die richtigen Ergebnisse.

Das Team von Jochen Guck und Josef Käs will mit gerade mal 50 Zellen bei dem neuen Krebsschnelltest auskommen. Ein Abstrich im Mundraum genüge, um Krebs in der Schleimhaut schnell zu erkennen. "Unsere Messung ist komplett automatisch", erklärt Guck, "da muss kein Spezialist sitzen." Das Ganze sei als Routineuntersuchung denkbar - etwa einmal im Jahr beim Zahnarzt. Erste klinische Vorstudien an der Uniklinik Leipzig verlaufen laut Guck "hervorragend".

Experten von der Charité Berlin und dem Krebsforschungszentrum Heidelberg reagierten mit gewisser Skepsis auf das neue Diagnoseverfahren. Sie wollen erst die Ergebnisse klinischer Studien abwarten.

Zahnarztbesuch: Bald auch inklusive Krebsdiagnose?
DDP

Zahnarztbesuch: Bald auch inklusive Krebsdiagnose?

Für das Leipziger Forscherteam liegen die Vorteile des Verfahrens auf der Hand: Krebs wird frühzeitig erkannt, Operationen entfallen. Auch die Suche nach Metastasen wird deutlich vereinfacht, da schon am Primärtumor festgestellt werden kann, ob Tochtergeschwülste vorhanden sind oder nicht. Vielen Krebspatienten könnten so überflüssige Chemotherapien nach der operativen Entfernung eines Tumors erspart werden.

Test für eine Handvoll Euro

Das Verfahren könnte nicht nur zur Früherkennung von Krebs in Mund und Rachen dienen. Eine Forschergruppe aus Grenoble will die Streckbanktechnik auch in der Lungenkrebsdiagnose einsetzen. Das, was ein Patient aushustet, könnte für die Laseruntersuchung ausreichen, hoffen die Forscher, die eng mit den Leipziger Physikern zusammenarbeiten.

Derzeit sucht die Gruppe von Käs und Guck nach Partnern in der Industrie für das Verfahren. "Für eine Handvoll Euro kann man den Test durchführen", glaubt Guck. Das Gerät selbst wird nach seiner Schätzung einige zehntausend Euro kosten. Eine relativ spät begonnene Krebstherapie ist wesentlich teurer.



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