Christian Stöcker

Krieg und Hunger Die Bomben fallen, die Kurse steigen

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Russland bombardiert Kornspeicher, Felder und Häfen. Eine globale Hungerkatastrophe wird so weiter verschärft – und Agrarkonzerne verdienen kräftig. Längst ist klar, was man anders machen müsste.
Rakete in einem Getreidefeld bei Kiew: »Ernährungsunsicherheit ist eine Hauptfolge von Kriegen«

Rakete in einem Getreidefeld bei Kiew: »Ernährungsunsicherheit ist eine Hauptfolge von Kriegen«

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Maxym Marusenko / NurPhoto / Getty Images

Rückblickend liest sich dieser Forschungsbericht aus dem Jahr 2021  wie eine düstere Prophezeiung. »Konflikte haben direkte negative Auswirkungen auf Ernährungssysteme«, heißt es darin. »In den meisten bewaffneten Konflikten des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts haben Kriegsparteien Nahrung als Waffe eingesetzt und Nahrungsmittelsysteme absichtlich zerstört, anhaltende Ernährungsunsicherheit ist deshalb eine Hauptfolge von Kriegen.«

Der Bericht stammt vom Stockholm International Peace Research Institute (Sipri). Der Zusammenhang zwischen Krieg und Hunger ist so eng, dass Fachleute, die sich sonst mit weltweiten Militärausgaben  befassen, sich längst für Landwirtschaft interessieren.

Es ist klar, dass Russland in der Ukraine gezielt Felder und Getreidespeicher angreift und zerstört . Hinzu kommt, dass es für die normale Frühjahrssaat in der Ukraine bereits zu spät ist. »Wir haben sehr fruchtbaren Boden, aber auch ein Klima, das die Regeln festlegt«, hat Oleg Ustenko, Wirtschaftsberater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, schon Anfang März in einem Gastbeitrag für die »Financial Times«  geschrieben.

Die Welt ist auf diese Instabilität nicht vorbereitet

Der Hunger, den Russland mit Absicht auslöst, wird aber nicht nur die Bevölkerung der Ukraine treffen. »Die Russische Föderation und die Ukraine gehören zu den wichtigsten Produzenten landwirtschaftlicher Güter weltweit«, heißt es in einem Warnschreiben  der Food and Agriculture Organization (FAO) der Uno von Ende März. Zusammengenommen exportierten die beiden Länder vor dem Krieg etwa die Hälfte allen global hergestellten Sonnenblumenöls und 14 Prozent allen Weizens. Dazu kommen 19 Prozent der Gersten- und vier Prozent der Maisproduktion.

Außerdem ist Russland einer der weltgrößten Exporteure von Nitratdünger. Die Preise steigen, und der Anbau von Weizen und anderen Regionen wird überall teurer.

In vielen Ländern herrscht schon jetzt Lebensmittelknappheit aufgrund von akuten klimabedingten Dürreperioden , anderen bewaffneten Konflikten und der Covid-Pandemie. Mancherorts, etwa im Jemen, gibt es längst Hungersnöte. »Viele der am stärksten betroffenen Staaten sind außerdem von Russland und der Ukraine abhängig, was ihre Lebensmittelversorgung betrifft«, schrieb kürzlich die Konfliktforscherin Caroline Delgado , eine der Autorinnen des eingangs zitierten Berichts.

Dazu gehören zum Beispiel Syrien, Äthiopien und Afghanistan. Und ebenso Länder wie der Libanon und Ägypten, in denen es zwar keine aktuellen Kriegshandlungen, aber sehr viele junge Menschen gibt. Viel Protestpotenzial also. In Somalia drohte schon vor dem russischen Angriff eine Hungersnot, jetzt ist sie quasi garantiert.

Die Welt ist auf die Instabilität, die an diversen Stellen gleichzeitig auf sie zukommt, nicht vorbereitet.

Die katastrophale Hitzewelle in Indien mit Temperaturen von bis zu 50 Grad kommt auf alles andere noch obendrauf . Die Ernten werden auch dort kleiner ausfallen, die Preise steigen schon heftig.

Ein globaler Rückschritt, den wir selbst nicht wahrnehmen

In  mehreren  Ländern  hat es bereits Massenproteste wegen rasant steigender Nahrungsmittel- und Spritpreise gegeben, aber das dürfte erst der Anfang sein. Zur Erinnerung: Die französische Revolution  von 1789, die russische Revolution von 1917 und auch der »arabische Frühling« von 2011  waren alle nicht zuletzt Folgen von akuter Nahrungsmittelknappheit. Wenn die Leute auf einmal nicht mehr genug zu essen haben, werden sie wütend .

Besonders beklemmend ist diese globale Katastrophe mit Ansage, weil die Menschheit eigentlich schon einmal auf einem besseren Weg war. Bis 2014 sank die Zahl der Menschen, die weltweit von Unterernährung betroffen sind, Jahr für Jahr, trotz wachsender Weltbevölkerung. Seitdem aber steigt sie wieder an. Schon 2020 waren laut FAO  zwischen 720 und 811 Millionen Menschen von Hunger betroffen, das heißt, sie wussten oft nicht, wo die nächste Mahlzeit herkommen würde, mussten manchmal ganze Tage ohne Essen auskommen und gelten als »unterernährt«.

2014 waren es etwa 200 Millionen Hungernde weniger als 2020 – immer noch mehr als 600 Millionen, aber eben deutlich weniger als jetzt. Ein globaler Rückschritt ist im Gang, doch wir hier in den Industrienationen erleben ihn nicht selbst.

Kriege um landwirtschaftliche Ressourcen?

2021 und 2022 dürften die Zahlen weiter steigen, denn Pandemie, Klimakrise und Krieg wirken jetzt auf katastrophale Weise zusammen. Raj Patel lehrt an der University of Austin in Texas. Der Ernährungsexperte und Aktivist hat in einem lesenswerten Interview  gerade gesagt, er erwarte zunehmende Konflikte sowohl innerhalb der betroffenen Länder als auch zwischen Staaten: »Die Leute werden nicht unbedingt Grenzen überqueren und Säcke voller Getreide, Weizengarben oder Nüsse stehlen, man wird eher Kämpfe um die Ressourcen sehen, die industrielle Landwirtschaft erst möglich machen.« Kriege um Wasser also, Saatgut, Dünger oder eben Land.

Das »International Panel of Experts on Sustainable Food Systems« (Ipes Food), eine Art spendenfinanzierter, international besetzter wissenschaftlicher Welternährungsrat, dem auch Patel angehört, weist auf die Rolle der Nahrungsmittelspekulation  in der heraufziehenden globalen Krise hin: »Exzessive Spekulation mit Lebensmitteln« müsse eingedämmt, die Transparenz der Märkte gesteigert werden.

Das Geschäft globaler Getreidehändler läuft

Tatsächlich ist ein gewaltiger Teil der globalen Ernährungsprobleme eine direkte Folge globaler Handelssysteme – und der Aktivitäten von Unternehmen, die mit Weizen, Mais und anderen Lebensmitteln handeln. »Als am 25. März russische Granaten auf die Weizenterminals im Hafen von Mariupol fielen, stiegen die Aktienkurse von Archer Daniels Midland und Bunge auf ein Allzeithoch«, schrieb Ernährungsforscher Patel in einem lesenswerten, wütenden Gastbeitrag  für den »Boston Review«, »und wenn sie an der Börse wären, wäre mit Dreyfus und Cargill  das Gleiche passiert.«

Tatsächlich begann der stetige Anstieg der Aktienkurse der beiden erstgenannten Agrarkonzerne bereits am 24. Februar – dem Tag der russischen Invasion also. Beide Unternehmen haben seitdem mehr als ein Viertel an Börsenwert dazugewonnen. Wenn es für die Hungernden der Welt eng wird, läuft für die globalen Getreidehändler das Geschäft erst so richtig gut.

Der Nahrungsmittel-Expertenrat Ipes Food empfiehlt als schnelle Intervention deshalb, betroffene Länder, die an akuter Nahrungsmittelknappheit leiden, direkt zu unterstützen, »auch durch Schuldenerlass«. Die Nahrungsmittelproduktion müsse vielfältiger, Handelsströme müssten neu strukturiert werden. Und verletzliche Nationen sollten sich Getreidevorräte und Notfallpläne zulegen.

Getreide ist wie Öl oder Stahl: überall gleich

Es hat seinen Grund, warum man Weizen aus der Ukraine – aus Händlersicht! – problemlos, aber eben für viel mehr Geld durch Weizen aus Kanada ersetzen kann: Es wird sowieso überall das Gleiche angebaut. Für die Zwischenhändler ist das enorm praktisch.

In vielen afrikanischen Ländern etwa war aber Weizen vor der Kolonialisierung weder heimisch noch ein normaler Teil der lokalen Ernährungsweise. Das Weißbrot brachten erst die Kolonialherren mit. Die globale Homogenisierung der Lebensmittelversorgung ist für alle praktisch, die mit Nahrungsmitteln genauso handeln wollen wie mit Öl oder Stahl. Sie erweist sich in Zeiten globaler Krisen als Schritt in die falsche Richtung – ein Problem, vor dem Fachleute schon seit langer Zeit warnen .

Im unter anderem von der Welthungerhilfe verantworteten, peer-reviewten »Global Hunger Index 2021 « heißt es: »Regierungen und Spender müssen klimaresiliente und diversifizierte Anbaumethoden sowie lokale Märkte stärken.« So könnten zudem lokale Arbeitsplätze geschaffen werden.

Pilzprotein statt Rind

Ein weiterer wichtiger, ja unverzichtbarer Schritt auf einer Welt mit weniger oder, irgendwann, ganz ohne Hunger, wäre ein Umdenken auch hier bei uns, in den Industrienationen. Zum Beispiel, weil wir mit unserem übermäßigen Fleischkonsum buchstäblich dafür sorgen, dass andere im Zweifel weniger zu essen haben: Weltweit wird vielerorts Tierfutter angebaut, um damit Rinder zu füttern, die dann wiederum nicht nur Unmengen an Wasser verbrauchen, sondern in ihren Verdauungstrakten auch noch das Treibhausturbogas Methan erzeugen.

Nun hat Fleisch den Vorteil, sehr proteinreich zu sein, aber eben auch den Nachteil, dass die massenhafte Fleischproduktion der Spezies Homo sapiens massiv dazu beiträgt, die Biosphäre zu zerstören. Zudem verschwenden wir wertvolle Anbaufläche für Tierfutter. Man könnte mit der gleichen Ackerfläche viel mehr Menschen ernähren, baute man dort Menschennahrung an.

Das nächste große Problem: Für das ganze Land, das man für all das Futter braucht, werden weiterhin Wälder abgeholzt, in der Amazonasregion zum Beispiel. Und Wälder abzuholzen, erzeugt noch mehr CO₂. Anschließend wird von den verschwundenen Bäumen natürlich auch kein CO₂ mehr gebunden. Der Regenwald kippt deshalb bereits. Im April 2022 wurde gerade ein neuer Allzeit-Abholzungsrekord  aufgestellt.

Eine hoffnungsvolle Studie zum Schluss

Ein Forscherteam um Forian Humpenöder vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung hat in einer soeben in »Nature« erschienenen Arbeit  gezeigt, wie es anders ginge: Ersetzte man nur 20 Prozent unseres Pro-Kopf-Verbrauches an Rindfleisch durch ein proteinreiches, pilzbasiertes Lebensmittel, könnte man die durch die Fleischproduktion verursachte Entwaldung um die Hälfte reduzieren und den globalen Methanausstoß um elf Prozent senken. Fünfzig Prozent weniger Entwaldung für ein Fünftel weniger Steaks und Burger!

Ersetzte man sogar 50 Prozent des Rinder-Proteins durch die pilzbasierte Alternative, könnte man die Entwaldung um 80 Prozent zurückdrängen. Das sei kein Allheilmittel gegen den Klimawandel, sagte Humpenöder in »Nature« , aber nützlich wäre es schon: Immerhin würde es nicht nur Methan- und CO₂-Ausstoß sowie Entwaldung reduzieren, sondern auch noch, wenn auch in geringerem Ausmaß, Düngerverbrauch, Lachgasemissionen und Wasserverbrauch.

Lauter Schritte in die richtige Richtung also. Und davon brauchen wir möglichst viele, möglichst schnell.

Den Hunger besiegen und die Klimakrise aufhalten, das geht gut zusammen – es passt nur nicht zu manchen derzeit sehr lukrativen Geschäftsmodellen.