Kriegerische Herrscher Der Geist der Samurai

Im Jahr 1274 segeln die Mongolen mit einer gewaltigen Flotte nach Japan. Den Invasoren stellen sich gepanzerte Samurai entgegen: adelige Krieger, die nach alter Tradition mit Schwert und Bogen kämpfen. Doch gegen die Waffen und die neuartige Taktik der Angreifer haben sie keine Chance - bis ihnen die Götter zu Hilfe kommen.
Von Walter Saller

Schon seit Tagen starren die japanischen Wachen hinaus auf den leeren Spiegel der Bucht von Hakata. Schließlich entdecken sie ihn, den kleinen Punkt in der Ferne. Rasch wird er größer, breiter, und mit einem Mal können sie Mastbäume und Segel erkennen. Unzählige Schiffe gleiten an diesem 18. November 1274 in die Bucht an der Westküste der Insel Kyushu. Der Herrscher der Mongolen hat seine Drohung wahr gemacht. Kublai Khan hat seine Krieger geschickt.

Viele Jahrhunderte lang haben sich die Japaner auf den Schutz des stürmischen Meeres vor ihren Inseln verlassen, auf ihre schroffen Küsten und steilen Klippen. So hofften sie, vor Angriffen von außen sicher zu sein. Doch dieser natürliche Schutzschild ist nicht vollkommen. So bieten etwa die langen Sandstrände von Hakata Eindringlingen gute Landemöglichkeiten. Und eben diese Bucht soll nun zum Tor für Kublai Khan werden, der in Japan einfallen und das Kaiserreich erobern will.


Die Armada wirft Anker. Von Hügeln am Rand der Bucht spähen die Wachtposten hinunter aufs Meer. Etwa 300 große Schiffe zählen sie, glaubt man zeitgenössischen Berichten, und mehr als 400 kleinere: eine Stadt aus Kriegsschiffen und Lastkähnen, bevölkert von Seeleuten und Kämpfern.

Am Tag darauf greifen die Mongolen an. Ihnen stellt sich der japanische Kriegeradel entgegen: die Samurai.

Seit Jahrhunderten sind die gepanzerten Reiterkrieger die "Zähne und Klauen" des Kaiserhofes. Verdingen sich zudem als Palastwache, Leibwächter, Steuereintreiber oder Söldner mächtiger Fürsten. Im Jahr 792 hatte der damalige Herrscher seine Armee aus zwangsrekrutierten Bauern aufgelöst - zu teuer, zu unzuverlässig war sie ihm geworden. An ihre Stelle traten im Laufe vieler Jahrzehnte die Samurai. Sie sind adelige Kämpfer, viele von ihnen besitzen Ländereien. Sie sind lokalen Fürsten loyal ergeben, sie sind stolz, sie halten sich für unbezwingbar.

Denn in all diesen Jahren kämpfen die Samurai zwar in internen Fehden immer wieder gegeneinander, sonst aber gibt es auf japanischem Boden niemanden mehr, der den Reiterkriegern ernsthaft Paroli bieten könnte.

Bis zum 19. November des Jahres 1274. Tausende Samurai reiten an diesem Morgen den Mongolen in der Bucht von Hakata entgegen - ein jeder gepanzert, bewaffnet mit Pfeil und Bogen, mit Lanze und zwei Schwertern. Viele Krieger haben ihren Kopf durch Gesichtsmasken und gehörnte Helme geschützt. Die Meister des Bogenschießens aus dem Sattel feuern zunächst einen Hagel von Pfeilen gegen die Feinde ab.

Doch die ehrenvollste Form des Krieges ist für den japanischen Schwertadel der Zweikampf. Laut verkündet der ins Gefecht reitende Samurai seinen Namen, seinen Rang und seinen Stammbaum, um die Feinde aufzufordern, ihm einen würdigen Gegner zu stellen. Das ist die Art der Japaner, Krieg zu führen.

Die Truppen der Mongolen dagegen stürmen in geschlossener Formation vorwärts: in langen, gegürteten Mänteln und mit Lanzen. Die Versuche der Samurai, die Front der Feinde in Zweikämpfe aufzulösen, beantworten die kriegserfahrenen Soldaten des Khans mit Giftpfeilen - und Granaten. Wie gigantische Feuerwerkskörper explodieren die archaischen Bomben mitten unter den Samurai, versetzen Pferde und Reiter in Panik. Schwarzpulver als Mittel des Krieges kennen die Japaner nicht.

Neben den Donnerschlägen der Detonationen sind schon bald die Schreie der Verwundeten zu hören. Sand und Erde am Ufer färben sich rot. Unter schweren Verlusten müssen die Japaner, überrumpelt von der Taktik und den Waffen der Eindringlinge, zurückweichen ins Hinterland. Die Angreifer besetzen die Stadt Hakata und plündern sie. Spät in der Nacht nimmt der Himmel einen tiefroten Ton an. Hakata brennt.

Weit haben die Mongolen das Tor zu Japan aufgesprengt. Die Bucht von Hakata ist besetzt, das Heer der Samurai zerstreut, und bald werden die Soldaten des Großkhans wohl ostwärts ziehen. Um erst Heian, das spätere Kyoto, zu erobern, wo der Tenno Hof hält, der Kaiser. Und dann die Stadt Kamakura, wo der oberste Befehlshaber der Samurai residiert, der Shogun ("General"). Denn zu jener Zeit hat Japan zwei Zentren der Macht und zwei Herrscher. Nun aber wanken beide: der Tenno und der Shogun. Und das Inselreich ist bedroht wie nie zuvor in seiner Geschichte.

Doch nicht erst die Angst vor Kublai Khan hat den Kaiser dazu bewogen, die Macht mit dem Führer der Samurai zu teilen. Die Ereignisse, die zur Herrschaft der Shogune geführt haben, nahmen schon lange vor der mongolischen Invasion ihren Anfang.

85 Jahre zuvor, im späten Juli 1189, bringen Boten ein schwarz lackiertes, mit Sake gefülltes Holzgefäß nach Kamakura, einer Provinzstadt im Osten der Insel Honshu. In der Flüssigkeit schwimmt ein Kopf. Das abgetrennte und in Reiswein konservierte Haupt ist der Beweis: Minamoto no Yoshitsune ist tot. So endet die bittere Rivalität zwischen dem Volksliebling Yoshitsune und dessen älterem Bruder, dem Machtpolitiker Yoritomo. Yoshitsune, der kurz zuvor für seine Familie die Vorherrschaft unter den großen Kriegersippen der Samurai erkämpfen konnte, hat Selbstmord begangen - gejagt von den Häschern seines Bruders. Nun regiert Yoritomo über einen großen Teil des Reichs. Bald schon wird er der mächtigste Mann Japans sein.

Das 12. Jahrhundert ist geprägt von Fehden des Hofadels, von Bürgerkriegen der Samurai-Familien untereinander und Machtkämpfen zwischen amtierenden und abgedankten Kaisern. Es sind gnadenlose Auseinandersetzungen, denn Gefangene werden kaum gemacht: Geraten Samurai in einer Schlacht in aussichtslose Lage, begehen sie Selbstmord, viele durch seppuku, das "Aufschlitzen des Bauches" (auch harakiri genannt). Denn die Gefangennahme durch den Feind ist eine unsagbare Schande, die ein Krieger unter allen Umständen vermeiden muss.

Angesichts der chaotischen Verhältnisse im Land ringt sich der Kaiser schließlich zu einem Entschluss durch, der den Hof zu Heian dramatisch und dauerhaft schwächen wird. Denn mit der Wiederherstellung von Recht und Ordnung in allen Provinzen beauftragt der Tenno 1183 ausgerechnet den machthungrigen Yoritomo. Zum ersten Mal übernimmt so ein einziger Befehlshaber der Samurai die militärische Zuständigkeit für das gesamte Land. Zudem ist mit dieser Führungsrolle auch das Recht verbunden, eigenständig Ämter und Lehen zu vergeben.

Damit hat der Kaiser ein wichtiges Privileg verspielt: Nun kann Yoritomo in den nördlichen und östlichen Provinzen eigene Vasallen als Verwalter einsetzen und sich deren Loyalität durch die Verteilung von Pfründen und Ländereien sichern. Der Tenno hat Einfluss eingebüßt. Fern von Heian beginnt so in Kamakura die Herrschaft der Samurai über Japan. 1192 wird Minamoto no Yoritomo gar der prestigeträchtige Titel seii tai shogun verliehen: "Großer barbarenvertreibender General".

Rigoros erweitert der erste Shogun nun seine Machtbasis und baut Kamakura zur prunkvollen Residenz aus. Bis zum Verfolgungswahn misstrauisch, beseitigt er alle Rivalen - selbst Yoshitsune, seinen jüngeren Bruder, dessen Kopf am Ende in Sake schwimmt. Und auch nach Yoritomos Tod bestimmt die Militärregierung der Samurai unter dem neuen Shogun die Zukunft des Landes weitaus mehr als der Kaiser in Heian.

19. November 1274, Abend. Die Bucht von Hakata ist verloren. Aber diesmal begeht keiner der vor den Mongolen zurückweichenden Samurai Selbstmord. Denn die Krieger sind entschlossen, weiterzukämpfen. Trotz der Granaten. Trotz der hohen Verluste.

Auch der Samurai Takezaki Suenaga, der seine Verdienste im Kampf gegen die fremden Horden später aufzeichnen und illustrieren lässt, wird schwer verwundet. Und er büßt sein Pferd ein. In den Zeichnungen der von ihm bestellten Chronik leben die Schrecken des Krieges auf: trommelnde Mongolen, brennende Fahnen, blutende Pferde, Soldaten mit durchschnittener Kehle, auf Speere gespießte Köpfe. Und dazwischen, wieder und wieder, die Samurai, die Ritter des Fernen Ostens in ihren bizarren Panzern.

Wenigstens 23 Teile zählt die Rüstung eines Samurai. Vom Helm über die Maske und die Beinschienen bis hin zum Kopfsack, der zur Aufbewahrung für das abgetrennte Haupt eines Feindes gedacht ist. Ausladende Schulterplatten schützen die Seiten, mit Eisen verstärkte Matten den Unterleib des Kriegers. Borten verleihen seiner Rüstung Farbe: scharlachrot, purpurfarben, weiß, grün und auch blau. Die Helme sind gehörnt oder tragen ein fantastisches Geweih.

Jeder der berittenen Kämpfer wird von mindestens einem Fußsoldaten begleitet. Eingesteckt in das breite Gürtelband und mit der Schneide nach oben, trägt der Samurai zwei Schwerter, ein langes und ein kurzes. Dieses Schwerterpaar ist das Zeichen seines Status, das Symbol seiner Ehre. Nur Samurai oder Hofadelige dürfen die reich verzierten Klingen schmieden. Wieder und wieder wird dabei in einer geradezu religiösen Handlung ein zuvor breit geschlagener Metallstreifen gefalzt, ausgeschmiedet und erneut breit geschlagen, sodass das Schwert am Ende aus Tausenden Lagen hauchfeinen Stahls besteht.

Als der Brand der Hafenstadt Hakata den Nachthimmel über der Bucht rot färbt, haben sich die Samurai mit ihren Verletzten etwa 15 Kilometer ins Landesinnere von Kyushu zurückgezogen. Kyushu ist die westlichste der großen japanischen Inseln - Korea liegt nur 180 Kilometer entfernt. Von dort sind die Mongolen in See gestochen. Die Passage ist der kürzeste Weg nach Japan. Aber sie ist auch ein gefährlicher Streifen Meer, mit plötzlichen Stürmen und Flutwellen.

Die Samurai verschanzen sich. Boten mit der Nachricht von der Invasion der Mongolen sind unterwegs zum Kaiser und zum Shogun. Späher überwachen von den Hügeln an der Küste aus jede Bewegung der Feinde. Doch die Nachrichten, die im Laufe der Nacht auf den 20. November 1274 aus der Bucht von Hakata kommen, sind rätselhaft. Denn die Kundschafter der Samurai melden weder Kampfvorbereitungen der Mongolen noch die Errichtung von Befestigungen an Land. Im Gegenteil, die Vorposten berichten, dass sich der Feind zurückzieht. Außerdem melden sie, dass über dem Meer und in der Bucht ein stürmischer Wind aufgesprungen sei.

Was planen die Invasoren? Wollen sie sich vor nächtlichen Attacken schützen? Vor Angriffen der Samurai, die vertraut sind mit dem Gelände und im Schutz der Dunkelheit den Truppen am Ufer schmerzliche Verluste zufügen könnten? Oder will die gesamte Armada nach Südwesten segeln - dorthin, wo bereits kleinere Geschwader der Mongolen ankern und Landungstruppen die Küstendörfer in Brand gesteckt haben?

Heian und Kamakura, Kaiser und Shogun bestimmen die japanische Politik seit jenem Tag im Jahr 1192, als der Samurai Minamoto no Yoritomo endgültig die Regierungsgewalt übernommen hat. Die japanische Gesellschaft jener Zeit, das sind der Hofadel, die Priester und Mönche, die Handwerker, die Bauern. Und die Samurai - etwa fünf Prozent der Bevölkerung.

Religiös prägt eine Kombination aus Shintoismus, Buddhismus und konfuzianischen Prinzipien das Land. In ihrem Verständnis der Natur aber sind die Japaner Animisten. Alles ist beseelt: die Berge, die Wälder, die Flüsse. Und die Jahreszeiten spiegeln die Metamorphosen der göttlichen Natur. Die Tempel und Schreine, Holzbauten mit steilen Dächern zumeist, sind häufig von radikaler Schlichtheit - und zugleich Ausdruck raffinierter Feinsinnigkeit.

In der Zeit vor der Invasion der Mongolen steht die vorherrschende Samurai-Familie der Hojo im Zenit ihrer Macht. Viele Schlüsselstellungen im Staat sind mit loyalen Gefolgsmännern besetzt. Die Grundlage ihrer Herrschaft - die unbedingte militärische Treue der Vasallen - ist durch die Verteilung von Latifundien gesichert. Denn ein Samurai braucht ein Stück fruchtbaren Landes und das Einkommen daraus. Nur so kann er seinem Herrn jederzeit als Kämpfer dienen.

In dieser abgeschlossenen Welt tauchen Anfang des Jahres 1268 plötzlich koreanische Gesandte auf. Sie führen ein Sendschreiben aus Beijing mit sich. Eine Botschaft von Kublai Khan. Das Imperium der Mongolen umfasst bereits weite Teile Asiens und Osteuropas. Im Westen haben sie 1258 das Bagdad der Kalifen überrannt und geplündert. Im Osten hat Kublai Khan große Gebiete Chinas besetzt und 1264 seine Hauptstadt nach Beijing verlegt. Kurz zuvor ist auch das koreanische Königreich an die Mongolen gefallen. Nun plant der Großkhan die Eroberung Südchinas. Und die Unterwerfung Japans.

Vordergründig klingt der Tonfall seiner Botschaft so, als ginge es Kublai Khan nur um einen Aufruf zum Frieden und zur Völkerverständigung. Jenseits der diplomatischen Floskeln aber ist das Dokument überheblich und aggressiv. "Herr des Universums" nennt sich der Großkhan darin. Und das Schreiben endet mit einer kaum verhüllten Drohung. "Lasst uns herzliche Beziehungen pflegen", heißt es. "Denn wer will schon Zuflucht zu den Waffen nehmen?"

Die "herzlichen Beziehungen", die Kublai Khan den Japanern in seinem Brief fast wie eine Gnade in Aussicht stellt, sind nichts anderes als die Aufforderung zur Unterwerfung. Hojo Masamura, der Kopf der Militärregierung in Kamakura, beschließt, die Botschaft des Großkhans zu ignorieren. Mit leeren Händen wird die mongolische Gesandtschaft zurückgeschickt, hinausgeworfen aus Japan. Gleichzeitig ruft die Militärregierung ihre Vasallen und Lehnsmänner zu erhöhter Wachsamkeit auf.

Im April 1268 übernimmt ein neuer Militärherrscher die Regentschaft: Der 18-jährige Hojo Tokimune wird zum mächtigsten Mann im Staat. Sein in kriegerischen Angelegenheiten überaus erfahrener Vorgänger Masamura wird zum Stabschef ernannt. Auch in Heian trifft man Vorbereitungen für den Angriffsfall. An den bedeutenden Schreinen und in den großen Tempeln des Landes lässt der Hof Gebete sprechen, die das Kaiserreich vor den mongolischen Barbaren schützen sollen.

Mehrere weitere Gesandtschaften setzt der Großkhan in Marsch. Das offizielle Japan beachtet die Boten nicht - ganz so, als seien sie Geister; lästig zwar, aber unsichtbar. Im Oktober 1272 kommt gar ein hochrangiger mongolischer Diplomat nach Japan und fordert ultimativ binnen zweier Monate eine Antwort auf sein mitgebrachtes Schreiben. Der Gesandte wird ausgewiesen. Das ist nach den Gepflogenheiten der Zeit eine Kriegserklärung.

Die Mongolen verdanken ihren verblüffenden militärischen Erfolg dem rasanten Tempo ihrer Reitertruppen, ihrer unentwegten Mobilität sowie dem Überraschungsmoment. Ihre Kriegszüge gleichen Treibjagden: Der Feind wird eingekreist, gehetzt, niedergemacht. Doch was treibt den Großkhan, sich auf das Abenteuer Japan einzulassen? Denn mit der Eroberung des Kaiserreichs begibt er sich auf militärisch ungewohntes Terrain. Er hat es mit Schiffen zu tun und mit Inseln. Mit Gezeiten, Strömungen und Untiefen, mit Wellengang und Winden. Auch an eine Überrumpelung ist nicht zu denken. Denn Kublai Khan, der selbst über ein dichtes Netz von Agenten verfügt, weiß wohl, dass den Japanern der Bau einer Armada von fast 1000 Schiffen an der koreanischen Küste kaum verborgen geblieben sein dürfte.

Kublai Khan wagt das Seeabenteuer dennoch. Und so legt im November 1274, glaubt man Chroniken aus jener Zeit, an der koreanischen Küste eine gewaltige Flotte von etwa 900 Kriegsschiffen ab. Bemannt mit 15000 mongolischen und chinesischen Soldaten, 8000 Kriegern aus Korea und mehr als 7000 Seeleuten.

Zum ersten Mal in seiner Geschichte ist Japan von Fremden ernsthaft bedroht. Und nichts scheint die aggressivste und erfolgreichste Militärmacht jener Zeit mehr aufhalten zu können.

20. November 1274, früher Morgen. Der Sturm in der Bucht nimmt immer weiter zu. Die Naturgewalten drohen die Boote vom Anker zu reißen und an den Strand zu schmettern. Längst versuchen die Kapitäne der mit Soldaten schwer beladenen mongolischen Schiffe verzweifelt, aus der Bucht aufs offene Meer zu entkommen.

Mühsam schiebt sich die Flotte vorwärts durch aufklatschende Wellen. Sturzseen fluten herein, schlagen die Schiffe gegeneinander, lassen sie stampfen und beben. Dann beginnen die Wogen an den Kämmen zu brechen. Schon werden die ersten Schiffe von den riesigen Wellen in die Luft geschleudert, herumgewirbelt und überrollt von der See. Die Schreie der Ertrinkenden gehen unter im Brausen.

Als der Taifun abflaut und die Posten der Samurai hinausspähen in die Bucht von Hakata, ist die mongolische Flotte verschwunden. So als hätte es sie nie gegeben. Der Hof in Heian jubelt. Der Tenno und die Adeligen sind davon überzeugt, dass ihre Gebete an den Gräbern der kaiserlichen Vorfahren und in den Tempeln und Schreinen das Wunder bewirkt haben. Sie haben kamikaze heraufbeschworen, "göttliche Winde". Den Sturm, der die Mongolen vertrieben hat. Ergriffen danken die Aristokraten an diesen letzten Tagen des Novembers 1274 den japanischen Göttern.

In Kamakura, wo die Nachrichten von der mongolischen Invasion und von ihrem plötzlichen Ende fast zeitgleich eintreffen, bewertet man die Ereignisse dagegen realistischer. Der junge Militärherrscher Hojo Tokimune ist entschlossen, seine Verteidigungsstrategie zu ändern. Denn die traditionelle Kampfweise der Samurai, Mann gegen Mann, hat sich als verhängnisvoll erwiesen - und die unbefestigte Bucht von Hakata als militärisch nicht haltbar.

Da die Feldherren mit einem erneuten Angriff der Mongolen rechnen, geben sie kleine, wendige Boote in Auftrag, um in Zukunft angreifende Schiffe entern und in Brand setzen zu können. Zudem beschließen sie, die Küste vor Hakata in ein Bollwerk zu verwandeln. 50 Meter landeinwärts vom Strand beginnt eine gigantische Steinmauer zu wachsen. Sie ist 20 Kilometer lang.

Als die Überreste der mongolischen Armada nach dem Taifun an der südkoreanischen Küste eintreffen, bilanzieren die Angreifer die Verluste der gescheiterten Invasion: 200 Schiffe sind zerschellt und gesunken, viele weitere schwer beschädigt. Mehr als 13.000 Todesopfer hat das Unternehmen vermutlich gefordert.

Erst 1279 erteilt Kublai Khan dem unterworfenen König von Korea erneut den Befehl, 1000 Schiffe zu bauen. Zudem sind dem Großkhan nach seinem Sieg im südlichen China zahlreiche Lastkähne und Boote in die Hände gefallen. Nun entstehen zwei Kriegsflotten: eine an der südkoreanischen, eine zweite an der südchinesischen Küste.

Fast zwei Jahre dauert es, bis alle Schiffe umgerüstet oder gebaut sind, ehe man sie bemannt, bewaffnet und mit Proviant versorgt hat. Im Frühsommer 1281 stechen die beiden Flotten in See. Zehntausende Soldaten bevölkern die Doppelarmada: Mongolen, Chinesen, Koreaner. Manche Quellen sprechen gar von 140.000 Mann.

Am 23. Juni erreichen die koreanischen Schiffe Hakata - und stoßen auf die japanische Mauer. Die meisten chinesischen Schiffe laufen etwas weiter im Südwesten in einen Fjord ein, setzen dort starke Truppenkontingente ab. Doch die Japaner haben die Atempause nach dem ersten Angriff gut genutzt. Ihre neu gebauten, wendigen Boote sind ideal für Attacken auf die sperrigen und schwerfälligen Kriegsschiffe. Wie Piraten gleiten die Samurai heran, entern überraschend das Deck eines mongolischen Seglers, greifen die Wachmannschaften an und legen Brände mit Fackeln und Feuerpfeilen.

Der Hauptstoß der Mongolen im Sommer 1281 zielt wie sieben Jahre zuvor auf die Bucht von Hakata. Doch die bis zu 3,50 Meter breite und mehr als zwei Meter hohe Mauer, die der Uferlinie folgt, hält den fortwährenden Attacken stand. Wochenlang rennen die Soldaten von Kublai Khan vergeblich gegen das Bollwerk am Meer an.

Überall an der Westküste wird erbittert gekämpft. Durchbrüche und Löcher in der Front können die Samurai stets schließen. Die mongolischen Truppen erlangen trotz ihrer Überzahl nie die Oberhand. Am 15. August 1281 ziehen sich die Angreifer in der Bucht von Hakata plötzlich auf ihre Schiffe zurück - und legen ab. Die koreanischen Kapitäne haben die Zeichen diesmal richtig gedeutet: die Windstille, die Schwüle, die Farbe des Meeres, das Verhalten der Seevögel. Sie wissen, dass ein Taifun heraufzieht und dass sie sich deshalb weit entfernen müssen vom Strand.

Ob dagegen die Kapitäne der chinesischen Flotte, die im Fjord weiter südwestlich ankert, die Gefahr übersehen oder zu spät versuchen, gegen den Sturm und die einlaufende Flut offenes Wasser zu gewinnen, ist nicht bekannt. Jedenfalls wird diese Armada von der Wucht des Taifuns voll getroffen. Zwei volle Tage tobt das Unwetter. Dann ist fast die gesamte chinesische Flotte sowie ein erheblicher Teil der koreanischen vernichtet. Zum zweiten Mal haben die "göttlichen Winde" Japan gerettet.

Der Sieg ist vollkommen. Doch er kommt die Militärregierung in Kamakura und die dort vorherrschende Samurai-Familie der Hojo teuer zu stehen. Die Kassen sind leer - die Verteidigung des Landes hat alle Mittel verschlungen. Wie soll man jetzt die Krieger entlohnen? Die Militärregierung weist die Forderungen ihrer Vasallen zurück. Gleichzeitig müssen viele Samurai weiterhin Wachdienste entlang der Küsten leisten. Denn noch Jahre nach dem Tod von Kublai Khan im Februar 1294 ist eine dritte Invasion nicht auszuschließen.

Die Gefolgsmänner der Hojo sind anfangs erstaunt über die feindselige und unerbittliche Ablehnung ihrer Ansprüche, dann verletzt und zornig. Viele von ihnen hat der Krieg gegen die Mongolen wirtschaftlich ruiniert - denn sie mussten ja nicht nur ihre eigene Bewaffnung bezahlen, sondern auch ihre Fußsoldaten entlohnen. Allein das eherne Prinzip der absoluten Loyalität verhindert einen Aufstand der Samurai gegen die Hojo. Doch die Unzufriedenheit im Schwertadel wächst.

1284 stirbt der Militärherrscher Hojo Tokimune. Das Amt des Regenten von Kamakura fällt an seinen 14-jährigen Sohn. Ausgerechnet jetzt, da eine starke Führung nötig wäre, herrscht ein Kind. Die Machtbasis der Hojo beginnt zu bröckeln. Nach und nach wenden sich in einem Prozess, der mehrere Jahrzehnte andauert, führende Vasallen von ihnen ab. Denn die Familie kann die berechtigten Forderungen ihrer Gefolgsmänner nicht mehr erfüllen. Und verliert so ihre rechtliche und politische Integrität.

Ein kurzzeitiges Erstarken des Kaisertums wird im Jahr 1333 schließlich zum Auslöser eines Aufstands gegen das Hojo-Regime. Eine Koalition aus Gefolgsleuten des Kaisers, unabhängigen Provinzfürsten aus dem Westen Japans und unzufriedenen Vasallen der Hojo erhebt sich gegen die einst so mächtige Kriegersippe. Innerhalb kurzer Zeit wird Kamakura erobert, die Lage der Hojo ist aussichtslos. Schließlich zieht sich die Familie auf den Friedhof ihrer Ahnen zurück und begeht dort gemeinsam mit 800 Vasallen Seppuku.

Bald schon wird eine andere Samurai-Sippe die Geschicke des Landes an der Spitze der Militärregierung lenken: die Ashikaga. Und für weitere 500 Jahre werden Militärherrscher und nicht der Tenno das Kaiserreich regieren. Männer, die dem Weg des Samurai folgen. Jenem Weg der absoluten Selbstbeherrschung, der Treue und der Ehre, den spätere Generationen bushido nennen werden, den "Weg des Kriegers".

Gegen ausländische Gegner müssen die Samurai jedoch nicht mehr kämpfen: Japan bleibt bis zum 20. Jahrhundert von Angriffen fremder Mächte verschont. Auch die Mongolen, deren Imperium schon bald in verschiedene Einzelherrschaften zerfällt, versuchen nie wieder, das Inselreich zu erobern. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts lebt Japan in selbst gewählter Isolation. Aber dann zwingt 1853 ein amerikanisches Geschwader den Shogun zum Abschluss eines "Freundschaftsvertrags" im darauffolgenden Jahr - und löst damit indirekt auch den Niedergang des Shogunats aus. Viele Samurai wehren sich gegen diese erzwungene Öffnung des Landes. Durch Attentate auf die verhassten "Langnasen".

Doch ihre Attacken sind am Ende vergebens. Ebenso wie die Luftkämpfe jener Piloten, die in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs mit ihren Kampfflugzeugen Selbstmordangriffe gegen die Flotte der Amerikaner fliegen. Um als Kamikaze die feindlichen Schiffe zu versenken. Als "göttliche Winde".