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Hirnscans: Buntes aus dem Oberstübchen

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Kritik an Neuroscans "Hirnforscher sollten nicht überreizen"

Hirnscans sind in der Neurowissenschaften inzwischen allgegenwärtig - doch welchen Erkenntniswert haben die bunten und medienwirksamen Bilder? Der Psychopharmakologe Felix Hasler wettert im Interview gegen die Arroganz mancher Kollegen.

SPIEGEL: Herr Hasler, die Hirnforschung feiert fast wöchentlich neue Erfolge. Was haben Sie daran auszusetzen?

Hasler: Welche Erfolge meinen Sie denn? Immer wieder liest man: Der freie Wille ist eine Illusion. Oder: Liebe lässt sich im Hirnscan erkennen, wie angeblich auf dem Bild unten. Und im SPIEGEL  sagte vor kurzem der Hirnforscher David Eagleman: "Ich glaube, dass die Neurowissenschaft heute erst am Anfang einer neuen kopernikanischen Revolution steht." Das alles ist schon sehr gewagt.

SPIEGEL: Warum das?

Hasler: Einige Hirnforscher reklamieren umfassende Welterklärungsansprüche, dabei sind ihre empirischen Daten zu komplexen Bewusstseinsvorgängen kaum belastbar. Die Wiederholbarkeit vieler Studien ist gering. Gerade bei der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) liegt die Überschneidung der Bildgebungsdaten bei Messwiederholung oft unter 30 Prozent. Kaum ein anderer Wissenschaftszweig würde damit durchkommen. Aber die Öffentlichkeit lässt sich gerne vom Neuroglamour blenden.

SPIEGEL: Ihre Kritik ist nicht ganz neu. Schon vor zehn Jahren bezeichnete der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner von der ETH Zürich den exzessiven Gebrauch bildgebender Verfahren in der Hirnforschung als "Cyber-Phrenologie" .

Hasler: Stimmt! Neu scheint mir allerdings, dass sich die Neurokritik gerade breit und interdisziplinär formiert, zum Beispiel im Netzwerk der "Critical Neuroscience". Allein in Berlin gab es in den letzten drei Jahren ein halbes Dutzend hirnforschungskritische Tagungen.

SPIEGEL : Aber Hirnscans ermöglichen erstaunliche Einblicke ins Denkorgan.

Hasler: Selbstverständlich. Aber es gibt auch viel Stagnation. Seit 30 Jahren versucht beispielsweise die biologische Psychiatrie, mit bildgebenden Verfahren psychische Krankheiten wie Schizophrenie oder Depression im Gehirn zu lokalisieren. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Bislang ist es nicht möglich, auch nur eine einzige psychische Störung aufgrund von Hirnscans zu diagnostizieren. Und trotz immensem Aufwand ist es der pharmazeutischen Industrie nicht gelungen, in den vergangenen drei Jahrzehnten auch nur ein einziges Medikament gegen psychische Störungen zu entwickeln, das auf einem neuen Wirkmechanismus beruht.

SPIEGEL: Sie haben gerade mit Ihrem Buch "Neuromythologie"  in der Schweiz einen Eklat ausgelöst. In Ihrer Polemik sprechen Sie der Hirnforschung die Deutungsmacht ab. Die kritisierten Forscher attestieren Ihnen im Gegenzug einen Mangel an Verständnis von Neurowissenschaften. Als Beleg nennen sie Durchbrüche wie die Entdeckung der Ionenkanäle und Einblick in die Funktion von Nervenzellen.

Hasler: Die ETH-Neurowissenschaftler, auf die Sie anspielen, gehen in ihrer Replik  auf meinen Artikel in der "NZZ am Sonntag" gar nicht darauf ein, worum es mir geht. Kein Mensch bestreitet, dass Erkenntnisse über Ionenkanäle und Synapsen wichtig sind für das Verständnis des Gehirns. Aber ich kritisiere die Überinterpretation. Renommierte Hirnforscher wie der Biologe Gerhard Roth beschränken sich in ihren Vorträgen eben nicht auf Ionenkanäle und Synapsen. Sondern sie erklären zum Beispiel gleich den freien Willen zu einem Hirngespinst. Aber so etwas geben die empirischen Hirnforschungsdaten nicht annähernd her.

SPIEGEL: Sollten sich Forscher auf das Naheliegende beschränken?

Hasler: Nein, aber sie sollten ihr Blatt nicht überreizen. Schon allein die schier unglaubliche Neuroplastizität des Gehirns spricht doch gegen die Suche nach klar umrissenen Regionen für komplexe kognitive Funktionen. Denken Sie zum Beispiel an das MRT-Bild eines siebenjährigen Mädchens, dem im Alter von drei Jahren die komplette linke Großhirnhälfte entfernt wurde. Vier Jahre nach dem Eingriff lebt das Mädchen ein ganz normales Leben; zurückgeblieben sind einzig Verkrampfungen der linken Extremitäten. Oder denken Sie an den Fall des Mathematikstudenten mit einem IQ von 126, bei dem per Zufall festgestellt wurde, dass etwa 95 Prozent seines Schädelraumes aus mit Wasser gefüllten Hirnventrikeln besteht. Das veranlasste den britischen Kinderarzt John Lorber zu seiner provokativen Frage, die sogar im Wissenschaftsmagazin "Science" aufgegriffen wurde: "Ist Ihr Gehirn wirklich notwendig?" 

SPIEGEL: Läuft derartige Polemik nicht Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten?

Hasler: Es ist eher anders herum: Wenn sich die Neurowissenschaft nicht von ihren überzogenen Welterklärungsansprüchen verabschiedet, bekommt sie ein Glaubwürdigkeitsproblem. Besonders die funktionelle Magnetresonanz-Tomografie wird überschätzt. Diese misst Hirnaktivität ja nicht direkt, sondern über ein Stellvertretersignal, eine Veränderung des Blutflusses. Aber schon die Grundannahme einer verstärkten Durchblutung bei neuronaler Aktivierung ist nicht immer erfüllt. Gerade Laien, die nichts von diesen Problemen wissen, sind durch die bunten fMRT-Bilder leicht zu beeindrucken. Man spricht gerne vom "Christmas-Tree-Effekt".

SPIEGEL: Sie erwähnen die "experimentelle Ironie" als probates Mittel der Wissenschaftskritik. Was meinen Sie damit?

Hasler: Das ist ein Begriff meines Kollegen Daniel Margulies. Das bekannteste Beispiel ist der "Salmon of Doubt", der Lachs des Zweifels. Forscher legten einen Lachs in einen MRT-Scanner und zeigten ihm Bilder von Menschen im sozialen Umgang, so wie es in Studien der "sozialen Neurowissenschaften" typischerweise gemacht wird. Die Psychologen fanden in ihrer fMRT-Studie  tatsächlich ein paar "blobs", Regionen mit erhöhter Aktivität im Lachsgehirn. Der Witz dabei: Der Lachs im Scanner war tot. Die Forscher konnten in ihrer Persiflage zeigen, dass man immer etwas findet, wenn man es unterlässt, die statistischen Daten in einer bestimmten Art und Weise zu korrigieren. Viele Kollegen fühlten sich ertappt. Die Lachsstudie hat bewirkt, dass diese Korrektur nun fast immer gemacht wird. Experimentelle Selbstironie ist sehr heilsam bei akutem Neuroglamour.

Das Interview führte SPIEGEL-Redakteur Hilmar Schmundt
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