Krümmel Gabriel rätselt über merkwürdiges Gedränge im AKW

Die Schichtleiter des Kraftwerks Krümmel dürfen nun doch befragt werden - der Betreiber Vattenfall lenkte ein. Für Verwunderung sorgen indes Gerüchte über einen Menschenauflauf im Kontrollraum während des Brandes. Umweltminister Gabriel fordert Aufklärung.


Berlin - Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte bei der Vorstellung des Jahresberichts des Bundesamts für Strahlenschutz, Vattenfall habe einer Befragung der Schichtleiter zugestimmt. Befragt werden sollen diejenigen, die während des Brandes auf dem Kraftwerksgelände am 28. Juni Dienst hatten. Bislang hatte das Unternehmen eine Befragung der Schichtleiter durch die Aufsichtsbehörden abgelehnt. "Ich bin froh, dass nun eine Verständigung erreicht worden ist", begrüßte Gabriel das Einlenken des Energiekonzerns. Er hob hervor, es gehe nicht um Schuldzuweisungen an die betroffenen Vattenfall-Mitarbeiter, sondern um die Aufklärung der Vorgänge an jenem Tag.

Unklar blieb zunächst, warum es zum Zeitpunkt des Brandes im Kontrollraum des Kraftwerks offensichtlich eine größere Menschenansammlung gab. Gabriel wollte entsprechende Berichte zunächst nicht bewerten. Der Vorgang werde aber untersucht. "Wenn es stimmt, dass 25 Leute auf der Warte waren, dann spricht das nicht für reibungslose Abläufe und die Einhaltung der vorgesehenen Verfahren", sagte der Minister. Dies sei dann eher ein Hinweis auf Kommunikationsprobleme im AKW Krümmel.

Ein Vattenfall-Sprecher bestätigte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, dass sich zum Zeitpunkt des Brandes 25 Menschen im sogenannten Schaltanlagen-Gebäude aufgehalten hätten, das lasse sich wegen eines Stechkarten-Systems eindeutig nachweisen. Ob all diese Personen tatsächlich in der sogenannten Warte, also der Kommandozentrale selbst, gewesen seien, sei aber "noch Gegenstand der Befragungen". Alle dort befindlichen Personen seien aber mit gutem Grund in dem Gebäude gewesen, nämlich entweder als Mitglieder der Stammbesatzung von 10 Personen, oder weil sie zur Unterstützung oder zum Abholen von Störfall-Instruktionen herbeigerufen worden seien.

Das Bedienungspersonal hatte nach einem Brand in einem Transformatorraum eine Schnellabschaltung des Reaktors eingeleitet, obwohl dies offensichtlich technisch nicht notwendig war, sondern vielmehr ein zusätzliches Risiko bedeutete. "Das muss man sehr präzise aufklären - bei dem Schadensrisiko, das in der Kernenergie besteht", sagte dazu Gabriel. Das Gespräch mit Vertretern der schleswig-holsteinischen Atomaufsicht und des Bundesumweltministeriums soll nun am Montag stattfinden.

"Das würde sich selbst Vattenfall nicht zutrauen"

Gabriel hatte zuvor nicht ausgeschlossen, dass Vattenfall nach der Pannenserie im Atomkraftwerk Krümmel die Betriebserlaubnis entzogen werden könnte. "Das prüft die Landesatomaufsicht in Kiel aus gutem Grund", sagte er der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse". Die für die Reaktorsicherheit in Schleswig-Holstein zuständige Sozialministerin, Gitta Trauernicht (SPD), hatte bereits angekündigt, keine Schritte gegen Vattenfall zu scheuen, und drohte dem Unternehmen mit dem Entzug der Betriebserlaubnis.

Laut der "Neuen Presse" wolle Gabriel den Überprüfungsergebnissen nicht vorgreifen, er glaube aber, "dass Vattenfall im eigenen Interesse gut daran täte, sich bei der Aufklärung der Vorgänge in seinen Atomkraftwerken kooperativer zu zeigen", hatte der Bundesumweltminister hinzugefügt und dabei auf "gravierende Fehler und Kommunikationsprobleme des Betriebspersonals in Krümmel" hingewiesen.

Der Minister zeigte sich überzeugt, dass die schleswig-holsteinische Atomaufsicht von sich aus Sorge tragen werde, dass vor Klärung aller Fragen ein Wiederanfahren nicht möglich sei. Gegebenenfall werde der Bund dies mit einer atomrechtlichen Weisung "selbstverständlich" verhindern. In diesem Fall trage der Bund auch das Prozessrisiko, falls Vattenfall Schadenersatz gelten mache. Gabriel unterstrich aber: "Im jetzigen Stadium auf die Idee zu kommen, den Reaktor wiederanzufahren. Das würde sich selbst Vattenfall nicht zutrauen."

Unterdessen wurde Bauarbeitern, die mit Arbeiten an dem schwedischen Atomkraftwerk Ringhals beschäftigt waren, vorgeworfen, in einem Hotel betrunken weibliche Reinigungskräfte belästigt zu haben. Ein Vattenfall-Sprecher erklärte heute dazu, die Alkoholkontrollen am Eingang zum Kraftwerksgelände seien nach dem Vorfall verstärkt worden. Die mit den Arbeiten betraute Fremdfirma sei aufgefordert worden, acht auffällig gewordene Arbeiter von den Bauarbeiten auszuschließen, teilte das Unternehmen weiter mit. Der Sprecher hob hervor, der Vorfall habe sich nicht auf dem Kraftwerksgelände ereignet.

cis/AFP/ddp



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