Krümmel und Brunsbüttel Atomaufsicht knöpft sich Vattenfall vor

Das Atomkraftwerk Krümmel geht bis auf Weiteres nicht ans Netz. Das Bundesumweltministerium hat die Entscheidung darüber an sich gezogen, die Landesministerin droht Vattenfall sogar mit einem Entzug der Betriebserlaubnis - jetzt wurde ein neuer Zwischenfall in Brunsbüttel bekannt.


Berlin/Kiel - Es war kein guter Tag für Vattenfall. Als hätte die Krisensitzung mit den Aufsichtsbehörden zum schweren Zwischenfall im Atomkraftwerk Krümmel nicht gereicht, gab es heute die nächste Problemmeldung aus dem Partnerkraftwerk Brunsbüttel. In Rohren entstehe zunehmend Wasserstoff, musste der Stromkonzern den Behörden mitteilen - 2001 hatte eine Wasserstoffexplosion in einem Rohr in Brunsbüttel schwere Schäden verursacht. Die schleswig-holsteinische Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD), zuständig für die Atomaufsicht des Landes, reagierte rasch und ließ die Öffentlichkeit über einen "weiteren Fehler am Reaktor des Kernkraftwerks Brunsbüttel" informieren. Die Leitung müsse jetzt gespült, die Leistung des Reaktors zwischenzeitlich reduziert werden.

Brand im Krümmel (am 28. Juni): Unbefriedigendes Fachgespräch im Ministerium
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Brand im Krümmel (am 28. Juni): Unbefriedigendes Fachgespräch im Ministerium

Diese Anweisung konnten die Atom-Aufseher dem Vattenfall-Geschäftsführer Bruno Thomauske gleich direkt mitteilen - denn er war wegen der Krümmel-Krisensitzung ohnehin in Trauernichts Ministerium. In Anbetracht der technischen Pannen und Kommunikationsfehler der vergangenen zwei Wochen dürfte es sich um eine Art Rapport gehandelt haben. Angereist waren auch Vertreter des Bundesumweltministeriums und externe Gutachter. Thema: Vattenfalls Fehler nach dem Transformator-Brand am Kraftwerk Krümmel vor zwei Wochen. Ergebnis: Der Konzern ist keineswegs aus dem Schneider - im Gegenteil.

  • Erstens will die Reaktoraufsicht jetzt die Zuverlässigkeit von Vattenfall prüfen und schließt einen Entzug der Betriebserlaubnis für Vattenfall nicht mehr aus. "Ich werde in Absprache mit dem Bundesumweltministerium alle mir zur Verfügung stehenden Instrumente ausschöpfen", sagte Trauernicht. Eine Erlaubnis kann dann widerrufen werden, wenn eine Genehmigungsvoraussetzung weggefallen ist und nicht in angemessener Zeit Abhilfe geschaffen wird. Trauernicht: "Wenn die rechtliche Prüfung zu diesem Ergebnis kommt, dann würde ich keinesfalls zögern, dieses zu tun." Auch die Fachkunde der Vattenfall-Betreibergesellschaften werde geprüft.

  • Zweitens teilte das Bundesumweltministerium in Berlin mit, ohne seine Zustimmung werde es kein Wiederanfahren des Reaktors Krümmel geben. Eine ausdrückliche eigene Genehmigung sei in Fällen von "besonderer, auch sicherheitstechnischer Bedeutung" möglich, sagte Ministerialdirigent Dieter Mayer nach dem Gespräch.

Wurden in dem Krisengespräch wenigstens alle Unklarheiten ausgeräumt? "Ganz und gar nicht", sagte Trauernichts Sprecher Oliver Breuer auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Die technischen Abläufe seien sehr detailliert besprochen worden, außerdem die Informationspolitik von Vattenfall und die Kommunikationsstruktur in Krümmel. "Dabei sind sehr detaillierte Fragen gestellt worden, die von Vattenfall nicht zur Zufriedenheit aller beantwortet werden konnten." Die Experten hätten heute nicht mal mit den direkt Handelnden aus dem Kraftwerks-Leitstand sprechen können - obwohl sie dies ausdrücklich wollten.

"Wir haben verstanden"

Vattenfall-Chef Thomauske verwahrte sich nach dem Krisengespräch gegen die Forderungen des Bundesumweltministeriums. Dieses sei nicht dafür zuständig, Genehmigungen zum Wiederanfahren des Reaktors zu erteilen. Allerdings habe auch Vattenfall "höchstes Interesse" daran, mit der Atomaufsicht alle offenen Fragen abschließend zu behandeln. Das sei Voraussetzung für ein Wiederanfahren.

Thomauske kündigte an, meldepflichtige Ereignisse würden künftig nicht nur der Aufsichtsbehörde, sondern unverzüglich auch der Öffentlichkeit mitgeteilt und im Internet veröffentlicht. "Wir haben verstanden, dass die Öffentlichkeit schnellere und umfassendere Informationen erwartet." Tatsächlich wurde Vattenfall allerdings nicht nur vorgeworfen, zu spät an die Öffentlichkeit gegangen zu sein - sondern auch, die Aufsicht nicht schnell genug informiert zu haben: Trauernichts Ministerium kritisiert, Unregelmäßigkeiten würden zu spät gemeldet.

Erst am Wochenende hatte es wieder einen solchen Vorfall gegeben: Beim Wiederanfahren des abgeschalteten Kernkraftwerks Brunsbüttel vor einer Woche kam es zu zwei Störungen; das Reaktorwasserreinigungssystem wurde ungewollt kurzzeitig abgesperrt. Vattenfall habe das meldepflichtige Ereignis trotz expliziter Nachfrage zunächst verschwiegen und die Aufsicht erst am Freitagnachmittag informiert, teilte Trauernichts Ministerium mit - und die Öffentlichkeit dann erst am Sonntag.

Allerdings ist auch das schleswig-holsteinische Ministerium in der Kritik. Obwohl Informationen über die Pannen in den AKW Krümmel und Brunsbüttel vorlagen, soll es selbst die Öffentlichkeit erst nach Tagen informiert haben. Dass heute Vertreter des Berliner Umweltministeriums bei Trauernicht in Kiel am Tisch saßen, könnte als Zeichen des Misstrauens den schleswig-holsteinischen Behörden gegenüber gewertet werden.

Unterdessen wurde bekannt, dass es Veränderungen in der Pressestelle von Vattenfall Nuclear Energy in Hamburg geben soll: Nach einem Bericht des "Hamburger Abendblatts" vom heutigen Dienstag soll ab Mitte Juli eine neue Sprecherin - die bislang beim Hamburger Senat beschäftigt war - für das Unternehmen arbeiten. Mit dieser Personalie sorgt Vattenfall für Verwirrung, weil das Unternehmen ebenfalls mitteilt, der bisherige Sprecher Ivo Banek bleibe - und sei auch weiterhin für Anfragen zur Kernenergie zuständig. In den Tagen nach dem Unfall hatten sich Hamburger und Berliner Pressesprecher von Vattenfall teilweise widersprochen. Generell stand das Unternehmen wegen seiner Kommunikation in der Kritik.

stx/AFP/AP/dpa



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