Kryptische Arznei-Infos Fachchinesisch tötet

Unklares Mediziner-Sprech ist für Patienten nicht nur ärgerlich, sondern potentiell tödlich. Wer Arzt-Anweisungen und Beipackzettel nicht versteht, landet statistisch gesehen deutlich früher im Grab, wie eine Studie ergeben hat. Die Höhe des Risikos hat selbst die Forscher schockiert.


Medikamenten-Beipackzettel zu verstehen ist manchmal eine Wissenschaft für sich. Das Gleiche gilt für Anweisungen des Arztes, besonders wenn er sie auf einen Zettel gekritzelt hat. Da überrascht es kaum, dass zahlreiche Menschen nicht in der Lage sind, die medizinischen Gebrauchsanleitungen zu durchschauen - und dieser "medizinische Analphabetismus" ist gefährlich, wie US-Ärzte jetzt im Fachmagazin "Archives of Internal Medicine" schreiben.

Medikamente: Der Inhalt der Beipackzettel lässt zahlreiche Patienten ratlos zurück
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Medikamente: Der Inhalt der Beipackzettel lässt zahlreiche Patienten ratlos zurück

1997 hatte ein Team um David Baker von der Northwestern University in Chicago dicke Fragebögen an 3260 Patienten verteilt. Sie sollten Fragen nach ethnischer Herkunft, Bildung und Einkommen beantworten. Außerdem wollten die Forscher wissen, ob die Probanden rauchen, Alkohol trinken oder Sport treiben und ob sie Diabetes, Asthma, Arthritis, Bluthochdruck, Krebs, Herzerkrankungen oder Depressionen haben. Zudem mussten die Teilnehmer - alle 65 Jahre oder älter - Texte über Gesundheitsthemen lesen, Dosierungen anhand von Tabletten-Etiketten berechnen und Arztanweisungen wiedergeben.

"Das Ausmaß hat uns schockiert"

Das beunruhigende Ergebnis: Jeder vierte Proband erwies sich als "medizinischer Analphabet", so die Forscher. 2003 überprüften sie dann, was aus den Teilnehmern geworden war. Die Zahlen sprechen für sich: Von den 815 Patienten, die inzwischen verstorben waren, befanden sich 39 Prozent in der Gruppe mit mangelhaftem Medizin-Verständnis. Auf die Gruppe der Patienten ohne Verständnisprobleme entfielen dagegen nur 19 Prozent der Todesfälle. Das Ausmaß des Unterschieds "hat uns schockiert", sagt Baker.

Wie viele Menschen der Gefahr des Nichtverstehens ausgesetzt sind, lässt eine Hochrechnung der US-weiten Erhebung "National Assessment of Adult Literacy" von 2003 ahnen. Mehr als 75 Millionen Erwachsene in den Vereinigten Staaten haben demnach nur eine grundlegende oder niedrige Fähigkeit, Texte über Gesundheitsthemen zu verstehen. 30 Millionen von ihnen sollen echte Analphabeten sein, die auch kurze, einfache Texte nicht lesen können.

Zwar seien Patienten jedes Alters vom Medizin-Analphabetismus betroffen, sagt Joanne Schwartzberg von der Amercian Medical Association, doch die Älteren seien überproportional vertreten: "Sie nehmen die meisten Medikamente und sind am häufigsten chronisch krank." Jüngst habe eine kleine Untersuchung gezeigt, dass eine intensive Aufklärung Patienten hilft, Medizin-Informationen besser zu verstehen. So sei die Zahl der Krankenhauseinweisungen und Todesfälle gesunken.

Mediziner fordern bessere Aufklärung

Auch Baker fordert nun Maßnahmen für eine bessere Gesundheitsvorsorge und Aufklärung von Medizin-Analphabeten: "Wir müssen eine klare Sprache benutzen." Der Fachjargon soll aus Patientengesprächen und Informationsbroschüren verschwinden. Unter Zucker etwa könne sich eine Durchschnittsperson mehr vorstellen als unter Glukose.

Außerdem will Baker Medizin-Informationen mit Bildern und Videoclips vermitteln. "Wenn ein Bild tausend Worte wert ist, dann ist vielleicht ein Film zehn Bilder wert." Die Diagnose Herzinsuffizienz könne etwa mit den Worten erklärt werden, dass das Herz nicht genug Blut pumpt. Noch verständlicher sei ein Film, der zeige, wie ein gesundes und ein versagendes Herz schlagen. "Das kann aber die Gespräche zwischen Ärzten Patienten nicht ersetzen", sagte Baker zu SPIEGEL ONLINE.

Eine weitere Forderung des Forschers: Ärzte müssen Informationen und Anweisungen so oft wiederholen, bis der Patient mit seinen eigenen Worten das Gesagte wiederholen könne und auf Nachfragen richtig antworte.

Deutsches Gesundheitsportal: Informationen auf drei Niveaus

Bakers Team entwickelt nun selbst Informationsmaterialien - in enger Zusammenarbeit mit Patienten. "Bei Asthma und Diabetes wissen wir nun, welche Worte verstanden werden. Aber es gibt noch Hunderte anderer Themen."

In Deutschland gibt es bereits ein Informationsportal, das sich um verständliche Medizin-Informationen bemüht: Gesundheitsinformation.de vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), das als Teil der Gesundheitsreform im Jahr 2004 gegründet wurde. Wechseljahre, Diabetes und Krebs: Diese und andere Gesundheitsthemen finden sich auf den Internetseiten - und das auf drei verschiedenen Verständnisniveaus, wie Redakteurin Sabine Keller erklärt. Die Rubrik "Kurze Antworten auf wissenschaftliche Fragen" geht speziellen Aspekten eines Themas nach. Zudem gibt es Videoclips, Schaubilder und ein Glossar für Fachbegriffe.

"Verlässliche Gesundheitsinformationen können sehr wohl etwas bewirken", glaubt Keller. Es gebe aber ein Problem: Gesundheitsmaterialien zu lesen und zu verstehen, sei eine Sache. "Die andere ist, wie man an die Informationen überhaupt herankommt."

fba



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