Moralisches Dilemma Liebe Leserin, lieber Leser,


als die Überreste von Boomer in die staubige Erde der US-Militärbasis in Taji, Irak, hinabsanken, schossen seine Kameraden 21-mal in den Himmel. Boomer war als Held gestorben. Er war stets der Erste, der sich in unbekanntes Gebiet vorwagte, um versteckte Bomben aufzuspüren und zu entschärfen. Jeden Tag hatte er sich für seine Kameraden in Gefahr gebracht, bis er selbst von einer Explosion getroffen wurde. Zum Abschied pinnten seine Gefährten zwei Orden an seine metallischen Überreste.

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Heft 9/2019
Radikal, frei, einzigartig: Karl Lagerfeld

Boomer war ein Roboter. Genauer ein MARCbot.

Der Militärroboter gleicht einem ferngesteuerten Spielzeug-Truck, an dem ein Schwenkarm mit Kamera angebracht ist. Etwa tausend MARCbots waren während des Irakkriegs im Einsatz. Das Modell kostet etwa 19.000 Dollar - vergleichsweise günstig für einen Roboter - und ist eigentlich leicht zu ersetzen. Für die Soldaten war Boomer nicht nur eine Maschine, er war ein Freund.

Auch Wissenschaftler interessieren sich für die ungewöhnliche Beziehung zwischen Mensch und Roboter. "Das Beispiel zeigt eindrücklich, wie die rapide technologische Entwicklung die Bedeutung technischer Geräte erhöht hat", schrieben Forscher vor Kurzem im Fachblatt "Social Cognition". Sie fragten sich: Wie weit würden Menschen gehen, um einen Roboter zu schützen?

Sophia the Robot
Gareth Brown / Blow Up Studios

Sophia the Robot

Sie konfrontierten deshalb 135 Studierende aus den Niederlanden mit einem moralischen Dilemma: Würden sie einen Einzelnen in Lebensgefahr bringen, um eine Gruppe Menschen zu retten, die sonst schwer verletzt oder gar sterben würde?

Die Probanden mussten mehrere Szenarien durchspielen, in denen der potenzielle Retter mal ein Mensch war, mal ein humanoider Roboter und mal ein Roboter, der eindeutig als Maschine zu erkennen war. Außerdem erfuhren die Probanden in einigen Fällen in kurzen Geschichten mehr über die Retter. So wurden die Maschinen beispielsweise als intelligente, mitfühlende Wesen beschrieben.

"Je menschenähnlicher die Roboter waren, insbesondere je mehr man ihnen Gefühle zusprach, desto weniger waren die Versuchspersonen geneigt, den Roboter zu opfern", sagt Psychologe Markus Paulus von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Einige waren sogar bereit, mehrere Menschen zu opfern, damit der Roboter unversehrt bleibt. "Das weist darauf hin, dass dem Roboter eine Art moralischer Status zugesprochen wurde", so Paulus. Er warnt deshalb davor, Roboter immer menschenähnlicher zu machen. Das könnte ihre Aufgabe konterkarieren, den Menschen zu schützen. Was würden wohl Boomers Kameraden dazu sagen?

Herzlich

Ihre Julia Köppe

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r.voelckel 23.02.2019
1. Irrelevant
Ganz einfach. Solange das Gehirn synthetisch ist, wird der Roboter geopfert. Typisch Kindchenschemahypothese : man setzt auf Alexa einen Kinderkopf und schon gehört er zur Familie. Einfach albern
taglöhner 23.02.2019
2.
Zitat von r.voelckelGanz einfach. Solange das Gehirn synthetisch ist, wird der Roboter geopfert. Typisch Kindchenschemahypothese : man setzt auf Alexa einen Kinderkopf und schon gehört er zur Familie. Einfach albern
Das ist überhaupt nicht einfach. Etwaiges Bewusstsein ist davon unabhängig, wie das Gehirn synthetisiert wurde.
blödbacke 23.02.2019
3. Ich sag nur: Data
Als STTNG-Zuschauer der ersten Stunde kennt man die Antwort.
KuGen 23.02.2019
4. Kein Roboter hat....
....ein Eigenbewusstsein. Deshalb ist bei jedem rational und moralischen Menschen die Antwort klar.
Mr T 23.02.2019
5.
Noch nicht...
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