Mysteriöses Schiffsunglück "La Boussole" gibt ihre Geheimnisse preis

Seit mehr als 220 Jahren liegen die Segelschiffe des Entdeckers Lapérouse am Riff einer kleinen Südseeinsel. Nun präparieren Archäologen die Überbleibsel fürs Museum. Können sie das Geheimnis des Untergangs lösen?

Association Salomon

Aus Neukaledonien berichtet


Aus dem Schatz am Riff haben die Korallen bizarre Kunstwerke erschaffen: Goldmünzen aus Spanien und Russland, edles Silberbesteck, mit Wappen verziert, eine wuchtige Kanone - alles von Schalen aus Kalk überwuchert.

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Heft 24/2012
Obamas missglückte Präsidentschaft

In einem wilden Tropensturm, irgendwann im April des Jahres 1788, waren die Gegenstände an Bord des Segelschiffes "La Boussole" auf den Meeresboden hinab gesunken - zusammen mit hundert Seeleuten und ihrem Kapitän Jean-François de Lapérouse. "Fast zwei Jahrhunderte sah es so aus, dass die Dinge für immer verschollen bleiben", sagt Véronique Proner.

Doch nun liegen die stummen Zeugen dieser Schifffahrtskatastrophe vor ihr, in einem Wasserbad - und sie sind angeschlossen an Kabel. Mit Strom, das ist der Trick der Archäologin, befreit sie die metallenen Preziosen aus dem steinernen Griff der toten Korallen. Die Kalkkruste löst sich wie von Geisterhand ab und hinterlässt glänzende Flächen aus Gold, Silber und Bronze.

Die Französin steht in einem Labor, untergebracht in einer Lagerhalle mitten im Hafengelände von Nouméa, der Hauptstadt der französischen Überseekolonie Neukaledonien. Sie ist Konservatorin, und ihre Aufgabe ist es, die Gegenstände dieser wohl größten Entdeckungsfahrt des untergehenden französischen Königreiches zu präparieren. "Bis zum Ende des Jahres wollen wir unsere Arbeit so weit abgeschlossen haben, dass wir die Gegenstände endlich ausstellen können", sagt die zierliche Frau mit den kräftigen braunen Haaren.

Eines der größten maritimen Mysterien der Neuzeit

Es wäre dann, als würde eine lange, tragische Reise zu Ende gehen. Begonnen hatte sie am 1. August 1785 im Hafen von Brest. Lapérouse und seine zwei Schiffe verschwanden später scheinbar im Nichts. Die unglückselige Expedition verwandelte sich in eines der größten maritimen Mysterien der Neuzeit: Suchtrupps wurden entsandt, unter anderem jener des Seefahrers Jules Durmont D'Urville. Der hatte von Gerüchten gehört, dass Eingeborene der Südsee-Insel Vanikoro mit Schwertern und Pistolen gesichtet worden seien. Die Rede war auch von zwei gekenterten Schiffen.

So berühmt wurde das Geheimnis von Lapérouse, dass Jules Verne ihm ein ganzes Kapitel in seinem Fantasy-Roman "20.000 Meilen unter dem Meer" gewidmet hat. "Vanikoro", so heißt es, und darin steuert Kapitän Nemo sein legendäres Unterwasserschiff "Nautilus" zu jener Stelle, wo die Wracks des unglücklichen Lapérouse lagen. "Dieses Korallengrab ist eine ruhige Gruft, und gebe der Himmel, dass ich mit meinen Gefährten nie ein anderes bekomme", ließ Jules Verne seinen ähnlich tragischen Helden Nemo sagen.

Heute kümmert sich ein Verein um die Erforschung der katastrophalen Seereise, finanziert Tauchfahrten und die Konservierung der dabei geborgenen Gegenstände. Der Mann von Véronique Proner, Raymond, leitet die Association Salomon. Als Taucher war er dabei, als vor sieben Jahren die wohl größte Bergungsfahrt nach Vanikoro aufbrach, angeführt von einem Schiff der französischen Marine. "Der wohl erhabenste Moment", erinnert sich der Franzose, "war, als ich in dem Schutt aus abgestorbenen Korallen auf ein Graphometer gestoßen bin", also ein Gerät zur Winkelmessung auf dem Meer.

Raymond Proner ist Kapitän des Forschungsschiffs "Alis", das vom französischen Institute de Recherche pour le Développement (IRD) betrieben wird. Er interessiert sich besonders für die Umstände des Untergangs. Sieben Jahre später ist er wieder zurück am Schauplatz des Untergangs, zusammen mit Geologen, die auf Vanikoro nach Spuren eines rätselhaften Absinkens dieser Insel suchen. (Mehr zu diesem Thema lesen Sie im aktuellen SPIEGEL).

Proner steht auf der Brücke der "Alis", tief über eine Karte gebeugt. Sie zeigt das Riff, das die Südsee-Insel umgibt. In verschiedenen Farben sind die Wassertiefen dargestellt. "Die haben wir damals mit einem Sensor bestimmt", sagt der Kapitän und tippt auf eine Lücke im Riff, die das Schiff gerade durchsteuert.

"Leider hat Lapérouse diese Passage nicht finden können", sagt Proner. Die Eingeborenen haben berichtet, dass ein schäumender Zyklon damals über Ozeanien hinweggefegt ist. "Als die Männer die Insel im schäumenden Meer entdeckten, war es schon zu spät", sagt Proner, "da war das Riff schon zu nah, und der Orkan peitschte sie weiter zum Gürtel aus Korallen."

Stammesführer im NYPD-Shirt

Lapérouse versank augenblicklich mit seinem Schiff und den mehr als hundert Mann Besatzung. Das zweite Schiff versuchte sich durch eine Passage im Riff noch hindurch zu retten. "Doch die erwies sich als zu flach", erzählt Proner. Das hölzerne Schiff verbiss sich in den Korallen, aber immerhin konnte sich die Mannschaft noch retten.

Jetzt ist Proner keine Seemeile entfernt von dieser Stelle. Er hat sich mit einem Motorboot absetzen lassen am Strand der zu den Salomonen gehörenden Insel. Das Dorf Païou steht an der Stelle, wo die Gestrandeten vor über 200 Jahren ihr Lager aufgeschlagen hatten. Der Stammesführer Daniel erwartet den Kapitän der "Alis" bereits. Er trägt ein T-Shirt des New-York-Police-Department, das sich auf den seltsamen Wegen des internationalen Altkleiderhandels bis nach Vanikoro verirrt hat, einer Insel ohne Strom, Telefon oder regelmäßigem Fährverkehr, die nur ein Viertel der Fläche Rügens misst.

In seinem Dorf ist die Geschichte von Lapérouse noch lebendig. Die Melanesier erzählen sich, wie der Zyklon die Schiffe zerteilt hat, wie ein Teil der Mannschaft sich am Strand gerüstet hat für eine Rückfahrt mit einem der geretteten Beiboote. Doch die Schiffbrüchigen haben es nie geschafft auf eine, der damals schon von Kolonialmächten besiedelten Inseln, etwa Neukaledoniens oder der westlicher gelegenen Inseln der Salomonen.

Gemeinsam mit Stammesführer Daniel spaziert Proner zu dem Gedenkstein, den die Franzosen an dieser tragischen Stelle ihrer Kolonialgeschichte errichtet haben. "Er musste versetzt werden, weiter weg vom Meer", berichtet Daniel. Die mitreisenden Geologen sind darüber nicht sonderlich überrascht. Sie vermuten, dass Vanikoro absinkt und die See noch höher steigt - was zusätzlich zum Anstieg des Meeresspiegels im Zuge des Klimawandels kommt.

Noch immer finden die Bewohner Vanikoros an dieser denkwürdigen Stelle Stücke aus der Expedition Lapérouse. Nur auf eines sind sie bislang nicht gestoßen: Irgendein Stück Papier, gar ein Buch, wo die Unseligen ihre Erlebnisse niedergeschrieben hätten. "Dabei bleiben doch so viele Geheimnisse über das Schicksal der beiden Schiffe unentschlüsselt", sagt Kapitän Proner. In einer Holzschachtel könnte es stecken, oder in einem Glasbehältnis. "Aber es scheint fast so, als sollte die Nachwelt nicht mehr über dieses Mysterium erfahren", sagt Proner.



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