Länger leben Älter werden dank mehr Bildung

Das Rezept für ein langes Leben besteht aus vielen Zutaten - und ist nach wie vor rätselhaft. Forscher glauben allerdings, einem wichtigen Faktor auf der Spur zu sein: Je mehr Bildung ein Mensch genießt, desto besser seine Chancen auf hohes Alter. Darauf deuten mehrere Studien hin.


Die Rand-Corporation ist eine Mischung aus Forschungszentrum und Think-Tank, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Beratung der US-Streitkräfte gegründet wurde. Mittlerweile arbeitet die Nonprofit-Organisation ebenso mit anderen staatlichen Institutionen und auch mit der Wirtschaft zusammen. Alles in allem keine Umgebung, in der Menschen für einfache Erklärungen oder gar süße Träume anfällig wären - wie etwa den süßen Traum vom längeren Leben.

Schulkinder: Bildung gerät als lebensverlängernder Faktor in den Fokus der Bevölkerungsforschung
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Schulkinder: Bildung gerät als lebensverlängernder Faktor in den Fokus der Bevölkerungsforschung

Doch James Smith, der als Medizinökonom bei Rand arbeitet, sagte der Zeitung "New York Times": Ein paar Jahre Schulunterricht erhöhten sowohl die Lebenserwartung als auch die Chancen auf Gesundheit im Alter.

"Wenn Sie mich fragen, was Gesundheit und Lebenserwartung beeinflusst, dann würde ich Bildung ganz oben auf die Liste setzen", sagte auch der Medizinökonom Michael Grossmann von der City University of New York der Zeitung.

In jeder Gesellschaft, soviel steht fest, gibt es Gruppen, die länger leben als der Durchschnitt - und als andere Gruppen. In den USA leben Reiche durchschnittlich länger als Arme, Weiße länger als Schwarze. Allerhand Einflüsse sind von Forschern auf ihre möglichen lebensverlängernden Effekte hin abgeklopft worden: die Herkunft, das Ernährungsverhalten, sogar regelmäßige Gottesdienst-Besuche.

Gewisse mögliche Zusammenhänge fanden die Forscher so auch: Das Rauchen ist der Länge des Lebens statistisch gesehen arg abträglich. Viele und enge soziale Bindungen scheinen das Leben hingegen ebenso zu verlängern wie ein möglichst großer Grad an Selbstbestimmung im Beruf.

Scheinbarer Zusammenhang - oder Ursache und Wirkung?

Sporadisch schaffen es Berichte über solche isolierten Zusammenhänge in die Medien, oft nach dem Muster "Merkmal X geht mit gesteigerter Lebenserwartung einher". Zusammenhänge dieser Art - sogenannte Korrelationen - sagen nur leider noch nichts darüber aus, ob es sich über einen Kausal- oder nur einen Scheinzusammenhang handelt. Konkret gefragt: Ist es wirklich die Schulbildung, die ursächlich zur höheren Lebenserwartung führt?

Eine Doktorandin der Columbia University, Adriana Lleras-Muney, war es, die 1999 auf eine Möglichkeit stieß, das zu überprüfen. Da sich bei der Frage nach dem Lebensalter von Menschen Laborexperimente verbieten, da Simulationen zwangsläufig unzureichend sind und weil man im echten Leben unmöglich alle störenden Einflüsse im Rahmen einer Untersuchung abschirmen kann, mangelt es Forschern an geeigneten Daten.

Doch Lleras-Muney las zufällig von einer Änderung in der Schulpflicht mehrerer US-Staaten vor beinahe 100 Jahren: Damals mussten die Kinder von einem Schlag auf den anderen länger zur Schule gehen. Kein anderer Einflussfaktor änderte sich dermaßen schnell für so viele Menschen. Die Wirtschaftswissenschaftlerin fing an, Register mit alten Meldedaten zu wälzen. Vor zwei Jahren, im Januar 2005, veröffentlichte sie im Fachmagazin "Review of Economic Studies" ihr eindeutiges Ergebnis: Die Lebenserwartung im Alter von 35 Jahren veränderte sich um anderthalb Jahre, wenn sich der Schulbesuch in der Kindheit um nur ein Jahr verlängert hatte. Das ist zwar noch kein Kausalzusammenhang, aber immerhin ein starker statistischer Zusammenhang.

Statistischer Zusammenhang - doch die Gründe sind offen

Forscher aus Schweden, Dänemark, England und Wales wiederholten diese Untersuchung mit Daten aus ihren Heimatländern und bestätigten den Befund.

"Überraschendes Geheimnis über das Älterwerden: Zur Schule gehen", titelte die "New York Times" entsprechend. Nicht alle befragten Forscher teilen allerdings diese Sicht der Daten: Victor Fuchs, ein Medizinökonom der Stanford University, fragte nach dem Warum: Wie genau sollte mehr Schulbildung zu längerem Leben führen?

Das können auch die Verfechter eines Bildung-Methusalem-Zusammenhangs bestenfalls mit Hypothesen beantworten. Sowohl Lleras-Muney als auch Smith wiesen auf Bildung als begünstigenden Faktor für gesundes Verhalten hin: So hingen der Bildungsgrad und die Fähigkeit zum Vorausdenken miteinander zusammen.

Smith sieht den Schlüssel in der Fähigkeit, vorausschauend zu planen und entsprechend zu leben. Wenn jemand nur im Moment leben könne, so Smith, sei dies "das Allerschlimmste für die Gesundheit".

Ein Plus an Bildung könnte sich als die langfristig beste einzelne Investition in Gesundheit und Lebenserwartung der Bevölkerung herausstellen. Zumal Bildung - statistisch gesehen - mit den netten Nebeneffekt einhergeht, dass sie den Wohlstand fördert.

stx



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