Landwirtschaft der Zukunft Wenn Wolkenkratzer Bauernhöfe werden

Von Gretchen Vogel

2. Teil: "Die Frage wird sein, ob wir überleben wollen."



In den Vorstellungen der Forscher und Planer wachsen die vertikalen Farmen dennoch in erstaunliche Höhen. Ein Gebäude mit 30 Geschossen könnte 50.000 Menschen mit Gemüse, Früchten, Eiern, Fisch und Hühnerfleisch versorgen, schätzt Dickson Despommier, Professor für öffentliches Gesundheitswesen der Columbia University in New York. Mit seinen Studenten entwickelt und verfeinert er seit einigen Jahren Pläne für wolkenkratzerförmige Bauernhöfe. In den oberen der 30 Geschosse würden demnach Hydrokulturen gedeihen, unten sind Hühnerfarmen und Fischbassins vorgesehen. Die Energie für solch einen Megahof will Despommier aus Windturbinen, Solarzellen und sogar Gezeitenkraft beziehen. "Am sinnvollsten wäre diese Technik in Gegenden, wo es viel erneuerbare Energie gibt", sagt er, "auf Island beispielsweise oder in Neuseeland."

Ein solcher vertikaler Bauernhof könnte in weiten Teilen als Selbstversorger funktionieren: Tiere würden Pflanzenreste fressen, Stickstoff und andere Düngemittel würden wiederum aus dem Tiermist gewonnen oder aus der Kanalisation der umgebenden Stadt. Von Despommiers Gruppe gibt es bereits Entwürfe: futuristische Hochhäuser, berstend voll mit Pflanzen und viel Platz für Zuchtvieh. Doch die Realität sei komplizierter, warnen Kollegen. Despommiers Ideen verlangten technologische Neuerungen, die es noch nicht gebe, sagt zum Beispiel Jan Broeze, der einst das Projekt in Rotterdam leitete: Ein mehrstöckiges Treibhaus bräuchte aufwendige Beleuchtung und Klimaanlagen. Und das Gebäude selbst müsse die Baukosten mit dem Ausstoß von Lebensmitteln erst einmal amortisieren – betriebswirtschaftlich kein Kinderspiel.

Gene Giacomelli, Direktor des Controlled Environment Agriculture Center an der University of Arizona in Tucson, arbeitet bereits an Lösungen für einige dieser Probleme. Er experimentiert mit Glasfaserkabeln, die Sonnenlicht mit dem benötigten Farbspektrum in das Innere des Gebäudes bringen. Auch Systeme, die Kohlendioxid, Sauerstoff und Luftfeuchtigkeit regeln, werden nötig sein. Giacomelli und seiner Gruppe kommt dabei zugute, dass sie bereits ein 300.000 Euro teures Treibhaus in einer der extremsten Gegenden der Welt entwickelt haben: am Südpol. Dort entstand ein Gewächshaus, das Antarktisforscher mit Lebensmitteln versorgt. Auch mit der Nasa wurde bereits verhandelt: über eine Biosphäre für den Mond.

Trotzdem seien Hochhaus-Bauernhöfe noch ein gutes Stück von der Realität entfernt, sagt Giacomelli. Er sehe in der ersten Phase nicht Neubauten, sondern existierende Gebäude, die in Teilen umfunktioniert werden. Dann stehen nicht so horrende Baukosten im Weg. Aber auch eine weitere Hürde müssen die Planer vertikaler Farmen noch überwinden: den öffentlichen Widerstand gegen die scheinbar industrialisierte Erzeugung von Nahrungsmitteln – jene Skepsis, die einst das Projekt in Holland scheitern ließ.

Caplow hält Kritikern entgegen: "Wir wollen nur Pflanzen, die heute irgendwo in Hydrokulturen wachsen, in die Städte umpflanzen." Und Peter Smeets, Agrarwissenschaftler der niederländischen Organisation TransForum, argumentiert: In einem traditionellen Bauernhof sei schließlich auch nichts weggeworfen worden. Diese Tradition habe erst aufgehört, als Dünger und Diesel dazukamen. Dennoch fürchtet auch Giacomelli, dass die Überzeugungsarbeit noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird – zumal die Produkte aus Hightech-Höfen in der Anfangsphase etwas teurer sein dürften als Erzeugnisse aus konventioneller Landwirtschaft. "Doch mit steigendem Ölpreis sehen die ökonomischen Bilanzen immer besser aus", sagt Giacomelli. "Unser ganzes billiges Essen basiert zurzeit auf niedrigen Transportkosten, billigem Wasser und billiger Energie für die Erzeugung von Düngern."

Der Ort, wo vertikale Farmen ihre ersten Prüfungen in der realen Welt bestehen müssen, wird wahrscheinlich China sein. Despommier arbeitet bereits mit Forschern der Chinesischen Akademie für Agrarwissenschaften an einem Demonstrationsobjekt vor den Stadtgrenzen Pekings. Das Ziel ist ein fünfgeschossiger Bauernhof mit mehreren Restaurants, in denen die Produkte des Hauses angeboten werden. Und in Dongtan bei Shanghai setzen Broeze, Smeets und Kollegen ihre in Rotterdam gescheiterten Planungen mit chinesischen Experten fort. Die Gestalter von Dongtan wollen die erste komplett nachhaltige Stadt errichten, mit neutraler Kohlendioxidbilanz und ohne Luftverschmutzung. Im Stadtgebiet sollen so viele Lebensmittel erzeugt werden, wie auf Äckern gleicher Fläche wachsen würden.

Die Erfahrungen in China werden die Haltung der Welt zur Landwirtschaft fundamental ändern, prophezeit der Planungschef in Dongtan, Peter Head: "Es wird keine Frage mehr sein, ob wir es ganz nett finden, urbane Landwirtschaft zu betreiben. Die Frage wird sein, ob wir überleben wollen."



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