Lebenserwartung "Barriere nicht in Sicht"

Wie alt kann ein Mensch werden? Im Interview spricht Jim Oeppen, 53, britischer Gastforscher am Rostocker Max-Planck-Institut für demografische Forschung, über die steigende Lebenserwartung.


Lebenserwartung der Deutschen
DER SPIEGEL

Lebenserwartung der Deutschen

SPIEGEL:

Seit 1840 werden die Menschen immer älter. Mit jedem Jahr stieg die Lebenserwartung um drei Monate. Geht das immer so weiter?

Oeppen: Forscher glaubten schon mehrfach, der Mensch habe seine Altersbarriere erreicht. Doch die zahlreichen Prognosen erwiesen sich noch jedes Mal als falsch: Die vermeintliche Höchstgrenze wurde jeweils wenige Jahre später von irgendeinem Volk durchbrochen. Auch jetzt stoßen wir noch nicht an die biologische Altersbarriere.

SPIEGEL: Wie wollen Sie das wissen?

Oeppen: Wenn die Lebenserwartung sich tatsächlich einem Maximum annähern würde, dann müsste sich der Zuwachs verlangsamen. Das tut er aber nicht.

Demograf Oeppen
Duke University

Demograf Oeppen

SPIEGEL: Werden wir bald alle hundert Jahre alt?

Oeppen: Wenn der Zuwachs so bleibt, dann wird die durchschnittliche Lebenserwartung in 60 Jahren tatsächlich einhundert Jahre betragen.

SPIEGEL: Worin sehen Sie die Gründe für das immer länger werdende Leben des Menschen?

Oeppen: Wohlstand, Ernährung oder Medikamente spielen eine Rolle. Es gibt aber keinen Einzelfaktor, der einen großen Einfluss hätte.

SPIEGEL: Die moderne Medizin und die Arzneimittelindustrie schreiben sich gern auf die Fahnen, sie verlängerten das Leben.

Oeppen: Sicherlich leisten sie einen Beitrag. Der Zuwachs an Lebenserwartung begann aber schon zu einer Zeit, als es Hightech-Medizin und Pharmafirmen noch nicht gab.

SPIEGEL: Was bedeutet Ihre Prognose für die Politik?

Oeppen: In bisherigen Planungen zur Bevölkerungsentwicklung könnte die Lebenserwartung als viel zu gering veranschlagt sein. Falsche Vorhersagen führen dazu, dass tief greifende, aber notwendige Änderungen in der Politik verschoben werden.



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