Lebenserwartung Bei 100 Jahren ist Schluss

Die medizinische Versorgung wird besser, der Lebensstil gesünder - deutlich länger werden die Menschen in absehbarer Zeit dennoch nicht leben. Bis die Lebenserwartung die Grenze von 100 Jahren ereicht, könnten noch Jahrhunderte vergehen.

Von Alexander Stirn


San Francisco - Das zumindest meint Jay Olshansky von der University of Chicago. Zusammen mit seinen Kollegen hat der Wissenschaftler Veränderungen der Sterblichkeitsrate in den Jahren 1985 bis 1995 untersucht und Hochrechnungen für die Zukunft angestellt. Basierend auf Olshanskys Daten erreicht die durchschnittliche Lebenserwartung in Frankreich und Spanien die Grenze von 100 Jahren erst im 22. Jahrhundert. Amerikaner müssen dafür sogar bis zum 26. Jahrhundert warten - falls es, so der US-Forscher, überhaupt einmal so weit kommt.

"Der menschliche Körper wurde einfach nicht für einen derart langen Gebrauch konstruiert", sagt Olshansky. Nachdem Menschen das Ende ihrer Fortpflanzungsfähigkeit erreicht haben, werden sie - zumindest aus einer evolutionsbiologischen Perspektive - nutzlos. Oder, wie es der Mediziner formuliert: "Die Garantiezeit der lebenden Maschinen ist abgelaufen." Unabwendbare Abnutzungserscheinungen sind die Folge, so Olshansky auf der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Sciences (AAAS) in San Francisco. Die detaillierten Ergebnisse der Untersuchung sollen in der kommenden Ausgabe des US-Wissenschaftsmagazins "Science" veröffentlicht werden.

Alter Mann in den USA: "Die Garantiezeit ist abgelaufen"
AP

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Zwar werde die Lebenserwartung auch in Zukunft steigen, die Entwicklung verlangsame sich aber zunehmend. "Weder ein Zaubertrank noch irgendwelche Hormone werden daran etwas ändern", meint Olshansky. Ein erneuter "Quantensprung" in punkto Lebenserwartung erscheint daher nur möglich, wenn es Biomedizinern gelingt, entsprechend kontrolliert in den Alterungsprozess einzugreifen. Das allerdings ist derzeit noch nicht absehbar.

Eine Auffassung, die auch Leonard Hayflick vertritt: Der renommierte Anatomie-Professor war bereits vor rund 40 Jahren darauf gestoßen, dass sich normale menschliche Zellen nur in begrenztem Umfang teilen und sich schließlich nicht weiter vermehren. Mediziner sprechen von "Seneszenz". Obwohl Hayflicks Theorie umstritten ist und neuere Forschungen auch somatischen Zellen Unsterblichkeit attestieren, bleibt der Kalifornier bei seiner Einstellung: "Genauso wie der nagelneue Mercedes irgendwann Probleme macht, ist der Mensch nach 30 bis 35 Jahren biologisch am Ende."

Selbst wenn alle Krankheiten heilbar wären, könnte die Lebenserwartung - in den US derzeit 76 Jahre - nur um maximal 15 Jahre verlängert werden, meint Hayflick. Alles andere seien "nicht haltbare Behauptungen von schlecht informierten Menschen".

Auch in die Gentechnik setzt der Altmeister der Altersforschung keine große Hoffnung. In den zurückliegenden Monaten hatten Forscher immer wieder für Schlagzeilen gesorgt, nachdem sie auf "Altersgene" gestoßen waren und die Lebensdauer von Würmern oder Fliegen teils drastisch verlängern konnten. Hayflick meint dagegen lapidar: "Gene haben mit dem Alterungsprozess nichts zu tun."

Die Chancen sollen nach eigenen Angaben nicht besonders groß sein, gegen einen späten Tod hätte aber selbst Hayflick nichts einzuwenden. Auf die Frage, wie lange er denn leben wolle, antwortete Hayflick in San Francisco: "100 Jahre bei voller körperlicher und geistiger Leistung - und danach tot umfallen."



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