Lebensmittel Bestrahlte Froschbeine für Krautland

Die Deutschen mögen kein bestrahltes Essen, und viele Froschschenkel essen sie auch nicht. Nun dürfen erstmals bestrahlte Beinchen ins Land - Kritiker fürchten, das könne ein Präzedenzfall sein. Wissenschaftler hingegen finden die Bestrahlung gut.
Von Gesa Maschkowski

Gebacken oder gebraten, oft mit Knoblauchsauce serviert und von Gourmets als Delikatesse geschätzt: Ganz anders als bei den Franzosen, die wegen ihrer Liebe zu diesem einen Gericht von ihren englischen Nachbarn als frogs geschmäht werden, hat es der Froschschenkel bei den Deutschen schwer. Im Moment jedenfalls verzehren die Deutschen nach Angaben des Statistischen Bundesamts 11,2 Tonnen Froschschenkel pro Jahr - insgesamt. Umgerechnet sind das nicht einmal 0,2 Gramm pro Kopf.

Eine Genehmigung für die niederländische Firma Klaas Puul aus Volendam zur Einfuhr von Tiefkühlfrostschenkeln in das Land des Rot-, Blau- und Sauerkrauts wäre da keine Nachricht wert - würde nicht im Schreiben des Bundesamtes für Verbraucherschutz (BVL) ein Reizwort auftauchen: bestrahlt.

Mit ionisierender Strahlung kann man Lebensmittel keimfrei machen. Diese Erkenntnis ist schon älter als 100 Jahre und wird in vielen Ländern auch routinemäßig eingesetzt. Doch bestrahlt, das klingt nach Verstrahlung, nach Radioaktivität, Atom und Ungemach. Das ist zwar falsch, aber sicher dennoch ein Grund für die Bestrahlungsskepsis - auch in anderen europäischen Ländern. In Deutschland ist die Abwehrhaltung besonders stark. "Das ist vermutlich psychologisch bedingt", sagt Matthias Wolfschmidt von Foodwatch. "Die Leute kennen Strahlen vom Röntgen. Sie haben verinnerlicht, dass sie so wenig wie möglich mit Strahlen in Berührung kommen sollen und tun alles um das zu vermeiden - auch bei Lebensmitteln." Außerdem sei für Verbraucher schwer kalkulierbar, was die Bestrahlung anrichtet.

Vor fünf Jahren gab die EU-Kommission die Diskussion um bestrahlte Lebensmittel verloren. Damals ging es um die Frage, ob mehr Lebensmittel zur Bestrahlung zugelassen werden, als nur getrocknete Kräuter und Gewürze. Das waren bis zu diesem Zeitpunkt die einzigen Lebensmittel, die bestrahlt und entsprechend gekennzeichnet vermarktet werden durften. Am Ende der Debatte siegten die Bestrahlungsgegner: Die Liste wurde erst einmal nicht erweitert und jede Nation durfte ihre eigene Bestrahlungspraxis beibehalten. Die Franzosen und Belgier etwa nutzen das Verfahren auch zur Entkeimung von Geflügelfleisch, Garnelen - und von Froschschenkeln. Allerdings wurde nie abschließend geklärt, ob die europäische Liste nun endgültig ist oder noch mehr Lebensmittel eine Zulassung bekommen.

Unbedenklichkeit von Wissenschaftlern bescheinigt

Die Deutschen bestrahlen, wenn überhaupt, für den Export - sind dafür aber Europameister bei der Fahndung nach unerlaubt bestrahlten Lebensmitteln: Sie ziehen 70 Prozent aller europäischen Proben, finden aber nur wenig. Im Jahr 2004 testete die amtliche Überwachung weit über 4000 Lebensmittel. In weniger als zwei von 100 Verdachtsproben wurde unzulässige Bestrahlung nachgewiesen, darunter waren asiatische Fertiggerichte und auch ein paar tiefgefrorene bestrahlte Froschbeine. Klaas Puul darf das jetzt ganz offiziell, dank der Ausnahmegenehmigung des Berliner Bundesamts.

"Ein Antrag, diese Lebensmittel auch in Deutschland zu vertreiben, kann nur abgelehnt werden, wenn es gesundheitliche Bedenken gibt", sagt Klaus-Werner Bögl, zuständiger Abteilungsleiter im BVL. "Die Forschung hat aber keine Hinweise für Risiken geliefert, die eine Ablehnung des Antrags rechtfertigen." Drei renommierte wissenschaftliche Organisationen haben den bestrahlten Froschschenkeln gesundheitliche Unbedenklichkeit bescheinigt: die Welternährungs- und die Weltgesundheitsorganisation (FAO und WHO), der wissenschaftliche Lebensmittelausschuss der EU. Schließlich gab es auch grünes Licht vom Bundesinstitut für Risikobewertung, das nicht unbedingt als industriefreundlich gilt. Dem Import von bestrahlten Froschbeinen aus Holland steht damit formal nichts mehr im Wege.

"Ich finde diese Genehmigung sehr bedauerlich", sagte Hiltrud Breyer zu SPIEGEL ONLINE. Die grüne Europaabgeordnete setzt sich seit Jahren gegen eine Ausweitung der Lebensmittelbestrahlung ein. "Durch Bestrahlung können schwarze Lebensmittel weiß gewaschen werden", sagt sie. Generell ist dieser Verdacht nicht abwegig: Schon bei niedriger Dosierung zerstört die Bestrahlung Mikroorganismen, dem Produkt selbst jedoch merkt man die Bestrahlung ohne aufwendige Analyse nichts an. Es ist also durchaus möglich, einer Ladung keimverseuchten flüssig-Eis durch Bestrahlung wieder zu einem akzeptablen Hygienestatus zu verhelfen.

Kritiker fordern bessere Hygiene bei Produktion

Um dieser Form von Missbrauch vorzubeugen, schrieb die Kommission gleich zweimal in die europäische Bestrahlungsrichtlinie hinein, dass Lebensmittelbestrahlung kein Ersatz für gute Hygiene- und Gesundheitsmaßnahmen sein darf. Das klingt gut, ist für die Kritiker aber unbefriedigend. Außerdem verpflichtet die EU ihre Mitgliedstaaten zu Bestrahlungskontrollen, deren Ergebnisse jährlich an die Kommission gemeldet werden müssen.

Ohnehin will Verbraucherschutz-Beamter Bögl das Missbrauchsargument nicht gelten lassen. Er verweist auf das Verfahren, mit dem auch Milch haltbar gemacht wird: "Dann müsste man ja auch der Pasteurisierung, die der Keimreduktion dient, unterstellen, durch die Behandlung sollen verdorbene Lebensmittel nachträglich geschönt werden", sagt er. "Das wäre absurd."

Für Kritikerin Breyer geht es um mehr. Die Hygienestandards müssten schon bei der Produktion der Lebensmittel verbessert werden und nicht im Nachhinein durch Bestrahlung, fordert sie. Damit unterstützt sie das wichtigste Argument der Bestrahlungsgegner. Hat doch die EU-Kommission im Zuge der BSE-Krise selbst beschlossen, die Lebensmittelsicherheit vom Acker bis zum Teller zu verbessern und nicht erst am Ende der Lebensmittelkette.

Im Fall von Froschschenkeln allerdings hat Bestrahlung durchaus Sinn, denn an der für Deutschland exotische Delikatesse haften von Natur aus Salmonellen und andere Fäkalkeime. Eine chemische Konservierung ist verboten, und bei Haltbarmachung durch Erhitzen wird das zarte Fleisch zäh. Bestrahlte Froschbeine müssten mit Hinweisen wie "Bestrahlt" oder "mit ionisierenden Strahlen behandelt" gekennzeichnet werden. Nur, werden sie je in deutsche Mägen gelangen?

Bestrahlte Gewürze verkauften sich einfach nicht

Die Erfahrung mit bestrahlten Gewürzen, die seit Ende 2000 in Deutschland verkauft werden dürfen, ist indes kein gutes Omen für den holländischen Händler: Sie sind nach mehreren Testläufen wieder vom Markt verschwunden. "Bestrahlte Froschschenkel, das können sie nicht verkaufen", sagte der Einkaufsleiter eines großen süddeutschen Delikatessengroßhandels spontan. Er handelt mit frischen Froschschenkeln aus Frankreich und mit billigen, tiefgefrorenen aus Südostasien, garantiert unbestrahlt. Andreas Krämer, Pressesprecher der Rewe-Gruppe (Rewe, Minimal, Toom, Penny), sieht das ähnlich. Zu SPIEGEL ONLINE sagte er: "Bei unseren Eigenmarken sehen wir da im Moment keinen Bedarf - und kaum Akzeptanz bei den Verbrauchern."

"Ich hoffe, dass das kein Testballon war für die Zulassung weiterer Lebensmittel", sagt die Grüne EU-Parlamentarierin Breyer. Auffällig ist etwa, dass Belgien die Zahl der Lebensmittel, die bestrahlt werden dürfen, in den letzten drei Jahren von elf auf 23 erhöht hat. Dem BVL liegen momentan nach eigenen Angaben keine weiteren Anträge auf Einfuhrgenehmigungen für Bestrahltes vor.

Die Geschäftsleiterin der deutschen Niederlassung von Klaas Puul, Brigitte Hüller, antwortete auf die Frage nach dem tieferen Sinn ihres Einfuhrantrags ganz schlicht: "Weil wir sie in Deutschland verkaufen wollen." - Da dürfte sich nicht bloß die Bestrahlungsempfindlichkeit als Herausforderung entpuppen, sondern auch die nicht eben üppige Froschbein-Begeisterung in Deutschland.

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