Weltweite Analyse Deutschland belegt Platz neun bei der Lebensmittelverschwendung

Weltweit werden mehr als doppelt so viele Lebensmittel weggeworfen, wie bislang angenommen. Eine neue Studie zeigt, wo das Problem am größten ist.
Lebensmittelverschwendung weltweit: Das britische Überseegebiet Bermuda belegt Platz 1

Lebensmittelverschwendung weltweit: Das britische Überseegebiet Bermuda belegt Platz 1

Global landen doppelt so viele Lebensmittel im Müll, als bislang angenommen. Das berichten niederländische Forscher im Fachblatt "PLOS One" . Ihre Auswertung zeigt auch, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Wohlstand von Verbrauchern und der Menge an weggeworfenem Essen gibt: Je reicher die Menschen, desto mehr Lebensmittel verschwenden sie.

Im Jahr 2005 schätzte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), dass damals ein Drittel aller Lebensmittel im Müll landeten, obwohl sie eigentlich noch für den Verzehr geeignet waren. Diese Schätzung sei bis heute die Grundlage für viele Aussagen zur globalen Nahrungsmittelverschwendung, schreibt das Team um Ökonomin Monika van den Bos Verma von der Universität Wageningen.

Jeder Mensch in Deutschland wirft im Schnitt etwa 75 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr weg

Jeder Mensch in Deutschland wirft im Schnitt etwa 75 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr weg

Foto: Getty Images

Die Forscher haben aus Daten der FAO, der Weltbank und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ermittelt, wie viele Kalorien den Menschen in Staaten weltweit zur Verfügung stehen. Vom Kalorienangebot zogen sie den Kalorienverbrauch der Bevölkerung ab und erhielten einen Datensatz, der grob zeigt, wie groß der Lebensmittelüberschuss ist.

Je mehr Konsum, desto mehr Verschwendung

Im Ranking der größten Verschwender belegt Deutschland Platz neun: Auf jeden Deutschen entfällt demnach jeden Tag Lebensmittelmüll im Wert von 1415 Kilokalorien. Unter den Top Ten sind ausschließlich wohlhabende Regionen: Das britische Überseegebiet Bermuda belegt Platz 1 mit 1580 verschwendeten Kilokalorien pro Tag und Person. Die USA und die Kaimaninseln erreichen mit ebenfalls mehr als 1500 überschüssigen Kilokalorien pro Person und Tag ähnliche Werte - Platz zwei und drei. Darauf folgen Hongkong, Luxemburg, Norwegen, die Schweiz und die Vereinigten Arabischen Emirate. Platz zehn belegt Österreich.

Die Grafik unten zeigt die überschüssigen Kilokalorien pro Person und Tag für alle untersuchten Staaten.

Die Forscher haben ermittelt, dass die Menge der Abfälle ab einem täglichen Konsum im Wert von 6,70 Dollar (etwa 6,10 Euro) pro Kopf plötzlich deutlich steigt. Mit zunehmendem Wohlstand nimmt die Verschwendung ab diesem Punkt zunächst rapide zu, bei sehr reichen Staaten wird der Zusammenhang dann wieder geringer.

Inwiefern es innerhalb einzelner Länder Unterschiede im Umgang mit Lebensmitteln zwischen armen und reichen Haushalten gibt, verrät die Studie nicht.

Die oft zitierten FAO-Daten seien deutlich zu niedrig angesetzt, berichten die Autoren. Während sie für 2015 weltweit eine durchschnittliche Nahrungsmittelverschwendung von 214 Kilokalorien pro Kopf und Tag schätzte, liegt der Wert im neuen Modell bei 527 Kilokalorien - mehr als doppelt so hoch. Die Forscher glauben, dass die Unterschiede zwischen Arm und Reich sinken müssten, um Lebensmittelverschwendung einzudämmen.

Wichtige Einflussfaktoren nicht berücksichtigt

"Was wir aus den Ergebnissen lernen können, ist, dass die weggeworfene Menge eindeutig positiv mit dem Einkommen korreliert", sagt Matin Qaim von der Universität Göttingen, der nicht an der Studie beteiligt war. Tatsächliche Messungen aus den USA hätten ähnliche Ergebnisse ergeben wie das Modell. Allerdings: "In den USA werden tendenziell mehr Lebensmittel weggeworfen als in vielen anderen Ländern mit vergleichbarem Einkommen." Insofern sollten die globalen Schätzungen vorsichtig interpretiert werden. Auch wichtige Einflussgrößen wie Bildung, Umweltbewusstsein und kulturelle Faktoren würden nicht berücksichtigt.

Insgesamt überschätze die Studie den Zusammenhang zwischen Wohlstand und Verschwendung wahrscheinlich etwas, ebenso wie das Ausmaß der Lebensmittelverluste, sagt Achim Spiller, der ebenfalls an der Uni Göttingen forscht.

jme/dpa