Legendäres Bauwerk Forscher enträtseln Alexanders Tyrus-Trick

Die Insel Tyrus galt als uneinnehmbar, bis Alexander der Große sie per Damm eroberte. Forscher fanden nun heraus: Der Eroberer hatte mächtige Unterstützung - von Mutter Natur.

Besuchen Touristen heutzutage das libanesische Tyrus, eine der ältesten dauerhaft besiedelten Städte der Welt, spazieren sie über das Ergebnis eines blutigen, militärischen Kraftakts: Der historische Stadtkern liegt heute vom Meer umfasst auf einem Felssockel und ist durch eine breite, sandige Landbrücke mit dem Festland verbunden. Noch vor zweieinhalb Jahrtausenden war er ein Eiland in rund einem Kilometer Entfernung zur Küste. Um die Stadt einzunehmen, ließ Alexander der Große im Jahr 332 vor unserer Zeitrechnung über sieben Monate hinweg einen 60 Meter breiten Damm aufschütten, um überhaupt an die als uneinnehmbar geltende Stadt heranzukommen.

Weil er mit dem Sieg über Tyrus den Untergang des persischen Großreichs einläutete, gilt die Insel vor der Levanteküste als wichtiger Schauplatz der Weltgeschichte - und der Wasserbau von Alexanders Truppen als legendäre Leistung. Doch Forscher rätselten bislang: Wie konnten spärlich ausgerüstete Soldaten mehrere Meter tiefem Wasser ihren Willen aufzwingen?

Eventuelle Reste des Bauwerks sind heute von einer rund acht Meter dicken Lage Sand und unzähligen Bebauungsschichten überlagert. Augenzeugenberichte gibt es nicht. Die ausführlichste Schilderung der Belagerung stammt vom Geschichtsschreibers Arrian - der von 95 bis 175 nach Christus lebte.

Erosion machte Insel vermeintlich uneinnehmbar

Der französische Geoarchäologe Nick Marriner von der Université Aix-Marseille in Aix-en-Provence berichtet nun in der Wissenschaftszeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" von Probebohrungen in Tyrus und Umgebung. Bis zu zehn Meter unter das heutige Meeresniveau drang er vor - ohne Reste des Dammes nachweisen zu können. "Wir fanden zwar zahlreiche Tonscherben, Keramikteile und Holzstücke", sagte Nick Marriner zu SPIEGEL ONLINE. "Aber es gibt keinen Beweis dafür, dass diese beim Bau verwendet wurden." War Alexanders legendäre Leistung nur ein Leichtbau? Hat er kein schweres, dauerhaftes Material verwendet? Spielte gar eine ganz andere Kraft die entscheidende Rolle?

Im Bereich der heutigen Landbrücke fand der Geoarchäologe zahlreiche Schalen von Muschelkrebsen (Ostracoda) im Sediment. Während in den älteren Schichten (um 6.000 vor Christus) noch Arten vorherrschten, die in geschützten Lagunen leben, dominierten zwei Jahrtausende später solche Spezies, die offene Küstengewässer bevorzugen. Die Forscher folgern: In prähistorischen Zeiten muss die Insel wesentlich länger gewesen sein, so dass sich zwischen ihr und dem Festland eine brackige, flache Lagune erstrecken konnte - ein Hinweis auf die wechselvollen Verhältnisse vor der libanesischen Küste.

Tiefe Rinne oder seichte Sandbank?

Die Felsen dort bestehen aus einem besonderen Sandstein, der im Libanon Hajar Ramli genannt wird. Er erodiert schnell. So könnte das Meer die schutzlose Küste umgeformt und den Strandsee fortgespült haben. Zur Zeit der Stadtgründung im dritten vorchristlichen Jahrtausend war die Insel dann wohl nur noch knapp einen Kilometer lang und wegen der Distanz zum Strand ein sicherer Ort. Daher ihr Ruf, uneinnehmbar zu sein.

Unsichtbar wuchs an der Ostseite der Insel jedoch eine Gefahr heran. Weil der Wind in dieser Küstenregion überwiegend aus Westen weht, lagerten sich zwischen Felssockel und Küste Sedimente ab, bedingt durch verringerte Wellenenergie und Wasserbewegung. In einer Computersimulation zeigen Marriner und seine Kollegen: Zwischen Insel und Festland entstand unter dem Wasserspiegel eine natürliche Landbrücke.

Der antike Historiker Arrian berichtete zwar, dass die maximale Wassertiefe nahe der Insel drei Faden (entspricht fünf bis sechs Metern) betrug, "doch wir haben keine Hinweise auf die Existenz einer solchen Rinne gefunden", betont Nick Marriner. Seinen Messungen zufolge dürfte die Meerenge schon zu Zeiten Alexanders nur noch ein bis zwei Meter tief gewesen sein. Das Meer bereitete den Griechen also den Weg zum Sieg über Tyrus - und zur Weltherrschaft.

Mutter Natur hatte das Schicksal der Stadt schon längst besiegelt. Alexanders Holzdamm beschleunigte den Anschluss von Tyrus an die Küste - und ermöglichte ein blutiges Gemetzel.

Das Schicksal der Stadt wäre damit bereits besiegelt gewesen, als sich Alexander entschloss, mit seinem Heer gegen Persien zu marschieren. Die phönizischen Städte an der Ostküste des Mittelmeeres - darunter auch Tyrus - waren dem persischen Herrscher Darius III. gegenüber tributpflichtig und dienten ihm als Marinebasis. Ihre Einnahme war somit für die Griechen von entscheidender strategischer Bedeutung. Die Städte Aradus, Byblos und Sidon ergaben sich ohne Widerstand den Eroberern und stellten ihre Flotten unter das Kommando Alexanders. Die Tyrener dagegen verschanzten sich auf ihrer vermeintlich sicheren Insel.

Anfangs konnten die widerspenstigen Städter ihre gut ausgerüsteten Kriegsschiffe gegen Alexanders Dammbauer einsetzen. Die Griechen hatten es nicht einfach. Sie mussten ungeschützt von Land aus arbeiten und massenweise Material heranschleppen. "Wahrscheinlich hat Alexander zumindest teilweise auf einheimische Fachkräfte zurückgreifen müssen", sagte Reinhard Stupperich vom Institut für Klassische Archäologie der Universität Heidelberg zu SPIEGEL ONLINE. "Bereits die mit ihm verbündeten Phönizier könnten bei der Beschaffung von geeignetem Baumaterial aus dem Hinterland behilflich gewesen sein" - und damit vor über 2000 Jahren die Form des heutigen Tyrus bestimmt haben.

Weicher Damm für schwere Kriegsmaschinen

Denn das Bauwerk, so die gängige Interpretation, blockierte parallel zur Küste verlaufende Meeresströmungen. So lagerten sich dort innerhalb von kurzer Zeit enorme Mengen Sand und Ton ab. Eine breite Landzunge entstand, später bildeten sich sogar Dünen. Die meisten nun gefundenen Sedimente stammten aus dem Fluss Litani, der etwa neun Kilometer nördlich von Tyrus ins Meer mündet. Wasserbauexperten glauben: Früher oder später wären das Material ohnehin hier gelandet.

"Es ist gut möglich, dass die Landbrücke auch ohne Alexanders Damm entstanden wäre", erklärt der Wasserbau-Spezialist Thijs van Kessel vom niederländischen Ingenieursbüro WL Delft Hydraulics. "Natürliche Ablagerungsprozesse können dazu ausreichen. Abgesehen davon wäre ein 'weich' konstruierter Damm bald wieder erodiert." Nur mit massiven Steinblöcken hätte Alexander seiner Ansicht nach einen dauerhafteren Einfluss auf die Küstenlinie nehmen können - darauf haben Marriner und seine Kollegen aber keine Hinweise gefunden.

Dem Großen ging es nicht um Landschaftsgestaltung, sondern um Eroberung. Erst nachdem eine Flottenverstärkungen eingetroffen war, konnten Alexanders Truppen den Damm - unter den Bedingungen der Belagerung musste alles schnell gehen, für Ewigkeitsarchitektur war keine Zeit - vollenden. Er diente einzig dem Zweck, schwere Kriegsmaschinen an die Mauern der widerspenstigen Insel heranzurollen und die Stadt endlich zu stürmen. Nun brach sich die Ungeduld von sieben Monaten in Wut Bahn: Den klassischen Quellen über das Gemetzel zufolge kreuzigten die Griechen 2000 tyrenische Krieger, 30.000 Einwohner wurden als Sklaven abgeführt.

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