Studie zur mentalen Fitness Ältere Menschen denken nicht langsamer – sondern genauer

Ab dem jungen Erwachsenenalter gehe es mit der Leistungsfähigkeit des Hirns bergab, heißt es oft. Das stimmt nicht, behaupten Forscher nun. Damit widersprechen sie früheren Befunden.
Senior beim Rätseln: nur gründlicher, nicht langsamer

Senior beim Rätseln: nur gründlicher, nicht langsamer

Foto: Monkeybusiness / Panthermedia / IMAGO

Es galt bisher als unumstößliche Gewissheit: Mit dem Alter ist man einfach nicht mehr so flott im Oberstübchen, die Denkgeschwindigkeit des Hirns lässt nach. Gestützt wurde diese Vorstellung durch etliche Befunde, die glauben machen konnten, dass Menschen ab einem Alter zwischen 20 und 30 Jahren bei der Bewältigung von kognitiven Aufgaben tendenziell langsamer werden. Die Kurve zur Leistungsfähigkeit des Gehirns zeigt vom jungen Erwachsenenalter an nur in eine Richtung: nach unten.

Doch nun lässt eine neue Studie von Wissenschaftlern um Mischa von Krause vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg andere Schlüsse zu. Denn laut der Untersuchung können Menschen bis zu einem Alter von 60 Jahren sehr wohl so schnell im Kopf sein wie jüngere. Die mentale Verarbeitungsgeschwindigkeit bleibt nahezu konstant. Wie ist das möglich?

»Laut unserer Analyse sind ältere Personen bis zum Alter von etwa 60 Jahren durchschnittlich vorsichtiger in ihren Entscheidungen und motorisch langsamer, aber nicht langsamer in ihrer mentalen Geschwindigkeit«, schreibt von Krause dem SPIEGEL. Das bedeutet: Ältere können zwar genauso schnell denken wie jüngere, aber sie wägen bei ihren Gedankengängen einfach mehr Faktoren gegeneinander ab und benötigen deshalb länger für eine Entscheidung.

Benachteiligt sind sie höchstens bei der Reaktionszeit, die ab einem Alter von etwa 20 Jahren zunimmt. Das könnte erklären, warum ältere Probanden in früheren Studien schlechter abschnitten als jüngere. Schließlich geht es in entsprechenden Tests auch darum, wie schnell eine bestimmte Antworttaste gedrückt wird.

Der Forscher räumt allerdings ein, dass sein Team zum Gehirn selbst nicht geforscht hat. Stattdessen verarbeiteten die drei Wissenschaftler einen großen Datensatz in einem mathematischen Modell, heißt es in der Arbeit im Fachjournal »Nature Human Behavior« . Er stammt von Tests mit fast 1,2 Millionen Probanden im Alter von zehn bis 80 Jahren, die Bilder und Wörter auf einem Bildschirm bestimmten Kategorien zuordnen mussten.

Ursprünglich wurde der Test entwickelt, um beispielsweise rassistische Klischees und Stereotypen aufzuzeigen. So mussten die Probanden per Tastendruck angeben, ob sie eine Person für schwarz oder weiß halten. Zudem sollten sie bestimmte Wörter wie beispielsweise »wundervoll« oder »schrecklich«, »Glück« oder »Hass« Kategorien wie gut oder schlecht zuordnen. Kognitiv stellte der Test die Teilnehmer zusätzlich vor Schwierigkeiten, indem sich Tastenkombinationen bei den Antwortmöglichkeiten veränderten.

Von Krause und Kollegen interessierte allerdings vor allem, wie die Menschen geantwortet hatten. Entscheidet jemand womöglich langsamer, weil er mehr Zeit für die Abwägung einer Antwort braucht? Dann sollte diese Person weniger Fehler machen. Diesen Faktor ermittelten die Experten aus dem Verhältnis der Reaktionszeit zur Fehlerquote einer Antwort mithilfe komplexer mathematischer Modelle.

Reaktionsgeschwindigkeit nimmt ab

Wie die Auswertung der Daten zeigte, antworteten ältere Menschen wie erwartet in der Regel langsamer. Die Reaktionsgeschwindigkeit stieg bis etwa 20 Jahre an, dann sank sie bis zum Alter von etwa 60 Jahren und danach noch stärker. Das, was die Forscher mentale Verarbeitungsgeschwindigkeit nennen – also das Tempo, mit der Informationen verarbeitet werden, um zu einer Entscheidung zu kommen – steigt bis zum Alter von 30 Jahren an. Die Fähigkeit bleibt dann recht zuverlässig auf einem gleichbleibenden Niveau erhalten, bis in etwa zum 60. Lebensjahr.

Unabhängige Forscher bewerten die Arbeit positiv: »Die Studie ist insofern beeindruckend, als sie sich auf eine sehr große Stichprobe und eine ausgefeilte mathematische und statistische Modellierung stützt«, kommentierte Michael J. Frank von der Brown University in Providence in den USA, der ebenfalls mit solchen mathematischen Modellen arbeitet. »Es wird zwar allgemein anerkannt, dass sich die kognitiven Fähigkeiten mit dem Alter verlangsamen, doch die genauen Gründe dafür sind umstritten.«

Eine Einschränkung der Studie bestehe darin, dass sich das Ergebnis nur auf einen einzigen kognitiven Prozess beziehe. Auch Rainer Alexandrowicz von der Universität Klagenfurt lobt die Methodik der Arbeit. Sie entspreche modernen Maßstäben, weil sowohl die verwendeten Daten als auch die Auswertungsmodelle frei verfügbar seien und deshalb leicht überprüft werden können.

Zudem lässt die Arbeit interessante Aussagen auch für die Lernfähigkeit von Menschen im Alter zu. Denn sie rüttelt an der bekannten Weisheit: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Und vielleicht verändert sie auch den Blick auf ältere Bewerber, wenn es um die Besetzung von Stellen auf dem Arbeitsmarkt geht.

mit Material von dpa
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