Neue Lesegewohnheiten In F-Form durch Texte springen

Das Internet hat das Lesen verändert, viele hüpfen durch die Texte - neue Gewohnheiten haben sich etabliert. Verlernen wir, uns in Themen zu vertiefen?
Laptop und Zeitung: Mehr Menschen finden Zugang zum Lesen

Laptop und Zeitung: Mehr Menschen finden Zugang zum Lesen

Foto: Corbis

Man nimmt einen Roman, schlägt ihn auf, liest die erste Zeile, springt zum nächsten Absatz, liest dort die ersten Worte und überfliegt den Rest des Kapitels nur noch am linken Textrand. So könnte die Zukunft des Lesens aussehen, befürchten Wissenschaftler.

Der dänische Webseiten-Forscher Jakob Nielsen hat in zahlreichen Studien die Blickbewegung von Menschen beim Betrachten von Webseiten analysiert. "Sie tun es nicht. Sie scannen nur die Seiten", so lautete seine Antwort . Internetseiten würden nicht Wort für Wort gelesen, sondern der Blick fährt in Form eines F über den Text : Er wendet sich der ersten Zeile zu, springt zu einem späteren Absatz, um dort zumeist ebenfalls nur eine Zeile lang zu verharren, und durchforstet dann nur noch die Anfangsworte der Zeilen.

Eine Studie von deutschen Informatikern unterfüttert Nielsens Daten. Der Web-Leser ist ein Sprunghafter. Die Informatiker zeichneten das Verhalten von 25 Probanden über mehrere Wochen auf. Knapp jeder vierte der mehr als 137.000 Webseitenaufenthalte dauert weniger als vier Sekunden, die Hälfte blieb unter zehn Sekunden. Nur jeder zehnte Aufruf einer Webseite dauerte länger als zwei Minuten .

In Befragungen geben junge Leser zu , dass sich ihr Leseverhalten in den vergangen Jahren verändert hat. Etwa, dass sie in Texten eher von Stichwort zu Stichwort hüpfen und ausgewählte Passagen lesen, als den gesamten Text von vorne nach hinten durchzugehen - vor allem, wenn sie diesen auf einem Bildschirm und nicht auf Papier vor sich haben.

Abdriften im Internet

Dazu kommt, dass am Bildschirm zahlreiche Ablenkungsmöglichkeiten vom linearen Lesen abhalten, fand die Linguistin Naomi Baron, vom College of Arts & Science der American University in Washington, in einer aktuelleren Untersuchung unter Studenten heraus. Neun von zehn Studienteilnehmern gaben an , dass sie ins Web abdriften, während sie auf dem PC, ihrem E-Book-Reader, einem Tablet oder dem Handy eigentlich einen Text lesen. Nur einer von 100 tat das bei der Lektüre von gedruckten Worten.

Das Springen von Abschnitt zu Zwischenüberschriften weiter zu Links oder gefetteten Wörtern beunruhigt die US-amerikanische Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf vom Center for Reading and Language Research an der Tufts University. Sie befürchtet, durch das verbreitete Schnelllesen im Internet würde das vertiefte Lesen verlernt.

"Meine größte Sorge ist, dass viele neue und auch einige ältere Leser angesichts der digitalen Fülle an unmittelbaren Informationen, die immer weniger intellektuelle Anstrengung erfordern und enthalten, weder die Zeit noch die Motivation haben, die möglichen Bedeutungen von dem, was sie lesen, zu durchdenken", erklärt sie in einem Essay für die Harvard University .

Vorteile des Digitalen

Und da die Fähigkeit zu lesen keine angeborene sei, sondern durch Training erlernt würde, könne sie sich auch schnell verändern, so die Theorie von Wolf. Wer früh im Leben überwiegend online liest, werde in Multitasking oder schnellen Aufmerksamkeitswechseln bestärkt, statt darin, etwas vertieft zu reflektieren. "Wir züchten da vielleicht eine Kultur heran, die so an Ton- und Gedankenhäppchen gewöhnt ist, dass sie in ihren Mitgliedern weder kritische Analysen noch das Nachdenken fördert", schreibt die Leseforscherin im Fachjournal "Educational Leadership" .

Grund zu allzugroßer Sorge sieht der Leseforscher Sascha Schroeder vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin nicht. "Tatsächlich wissen wir sehr wenig darüber, was beim Lesen im Gehirn abläuft und ob die neuen Medien und Leseplattformen überhaupt etwas verändern. Das sind bislang vor allem Spekulationen", betont Schroeder. Das muss auch Wolf zugeben: "Niemand hat wirkliche Beweise dafür, wie die Leseverarbeitung in jungen, online- oder leseaffinen Gehirnen abläuft", schreibt sie.

"Für den Leseprozess an sich scheint es zumindest egal zu sein, auf welcher Oberfläche sich der Text befindet", sagt Schroeder. Experimente zeigen: Die Menschen bevorzugen weiterhin Papier, lesen darauf auch schneller , aber den Text vom Bildschirm verstehen sie genauso gut wie vom Blatt .

Schroeder sieht in den neuen Geräten sogar eine Chance - für all jene, die bislang wenig gelesen haben. "Wenn die Technik fortschreitet und zum Beispiel die Abstände zwischen den Zeilen oder den Buchstaben auf den E-Book-Readern veränderbar werden, dann profitieren davon all jene, denen das Lesen von herkömmlichen Schriftformen schwerfällt", sagt er. Die digitale Welt ermögliche generell mehr Menschen einen Zugang zum Lesen.

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