Lichtmessung Blut-Untersuchung ohne Nadelstich

Wer sein Blut untersuchen lassen will, muss bisher einen schmerzhaften Nadelstich ertragen. Doch ein neuartiges Gerät schafft Abhilfe: Erstmals ist es gelungen, Blutwerte allein mit Hilfe von Licht so präzise zu messen wie mit einer klassischen Analyse.

Von Ulrich Jaeger


Aus der Zukunft ist die Errungenschaft schon bekannt. Im 23. Jahrhundert der TV-Kultserie "Raumschiff Enterprise" nutzt Bordarzt "Pille" McCoy den Lichtdetektor, um seine Patienten ohne Blutentnahme zu untersuchen.

Blutmessgerät "Haemospect": Lichtmessung statt Nadelstich
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Blutmessgerät "Haemospect": Lichtmessung statt Nadelstich

Zurück in der Gegenwart klappt das unblutige Kunststück jetzt offenbar auch. Der Physiker Holger Jungmann und der Mediziner Michael Schietzel haben ein Diagnosegerät entwickelt, das es erstmals erlauben soll, Blutwerte mit Hilfe von Licht exakt zu messen - frei vom Tort venendurchbohrender Kanülen.

Fachkreisen wird das etwa handgroße Gerät wird in dieser Woche auf der weltgrößten Medizinmesse "Medica" in Düsseldorf vorgestellt. Um Blutwerte zu messen, benötigt das kürzlich vom TÜV Rheinland zugelassene Lichtanalysegerät nur einen leichten Haut- oder Gewebekontakt. Dabei leitet ein Griffel über zwei Glasfasern weißes Licht ins Gewebe. Ein dritter Lichtleiter fängt das aus den durchleuchteten Schichten gestreute Licht auf und leitet es zur Analyse ins Handgerät.

Auf einem Monitor erscheinen daraufhin Angaben über den Hämoglobinanteil im Blut sowie Informationen darüber, wie viel Sauerstoff der Blutfarbstoff auf dem Wege aus der Lunge zu Geweben und Organen transportiert. Zudem gibt der Lichtmesser nach Angaben des Unternehmens auch Auskunft über den Durchmesser auch kleinster Blut führender Äderchen. Dabei vermag er zu ermitteln, wie wirksam dieses Kapillargeflecht seine jeweilige Umgebung mit Sauerstoff versorgt.

Viele unterschiedliche Anwendungen sind denkbar

Erste klinische Tests des Blutmessers wurden 2005 an 85 Neu- und Frühgeborenen im Kinderkrankenhaus von Münster durchgeführt und im Fachblatt "Pediatrics" veröffentlicht. Um die Sauerstoffversorgung der empfindlichsten aller Patienten zu überprüfen, wurden die entsprechenden Hämoglobinwerte sowohl durch Blutentnahme als auch mit Hilfe des Lichtgriffels ermittelt. Dabei hätten sich die per Lichtanalyse ermittelten Werte als ebenso zuverlässig erwiesen wie die im Labor aus Blutproben gewonnenen Hämoglobindaten. Allerdings betonten die Autoren des Artikels, dass es sich nur um eine Pilotstudie gehandelt habe und die Ergebnisse in weiteren Versuchen mit einer größeren Zahl von Probanden bestätigt werden müssten.

Heike Rabe, Mitautorin der Münsteraner Untersuchungen, hat ihre Studien am Klinikum der britischen Sussex University fortgesetzt. Die Erfahrungen mit nun gut 750 der Kleinstpatienten zeigten, so die Ärztin, dass die Blutmessung per Lichtstrahl für Früh- und Neugebornen "besonders gut geeignet" sei. Die bei Neugeborenen problematische Blutentnahme könnte künftig weitgehend entfallen. Zudem erspare die Lichttechnik den Kleinsten den Schmerz der Einstiche. Auch komme es so nicht zu den für Blutentnahmen "typischen Hautreizungen".

Doch als Einsatzgebiet des Geräts namens "Haemospect" sieht Mitentwickler Schietzel nicht nur die Früh- und Neugeborenenbetreuung. Der Mediziner, der bis 2004 die Tumorambulanz des Gemeinschaftskrankenhauses der Universität Witten/Herdecke leitete, sieht so unterschiedliche Behandlungsfelder wie die Versorgung von Verbrennungsopfern und die Betreuung von Bypass-Patienten als Einsatzfeld.

Ob nun ein Notfallpatient zu betreuen oder ein Verbrennungsopfer nach lebensrettender Hauttransplantation zu überwachen ist: Immer sei die Kontrolle der Sauerstoffversorgung des jeweils betroffenen Gewebes unverzichtbar, weil schon eine kurze Unterbrechung der Zufuhr des Lebensgases zu "schwerwiegenden Organschäden führen kann", so Schietzel.

Blutentnahme wird unverzichtbar bleiben

Davor bewahren Pulsoxymeter, die etwa Intensivpatienten an die Fingerkuppen geklemmt werden, nur unzureichend. Sie registrieren den Puls und ermitteln per Infrarotlicht-Messung den relativen Sauerstoffgehalt des Blutes. Doch die Detektoren haben auch Schwächen: Sie messen zwar die Sauerstoffversorgung, nicht aber den Anteil der tatsächlich im Blut vorhandenen Menge des Sauerstoffträgers Hämoglobin. Solange auch nur wenige rote Blutkörperchen den Sensor erreichen, suggeriert das Gerät einen hinreichenden Sauerstoffanteil. Da können aber bereits kritische O2-Versorgungswerte unterschritten sein.

Praktiker wie der Augsburger Chirurg Hubert Krause können sich vorstellen, dass die Blutwertmessung per Licht auch im Bereich der Gefäßchirurgie Anwendung findet. Etwa bei einem Bypass, der die ausreichende Durchblutung von Gliedmaßen sichern soll. Um zu prüfen, ob eine solche Umleitung von Adern die erhoffte Versorgung mit sauerstoffreichem Blut auch gewährleistet, seien Messungen unverzichtbar. Für Betroffene habe ein Lichtmessgerät den Vorteil, dass beliebig viele Daten gewonnen werden können, ohne den Patienten zu belästigen.

Über den Nutzen des Messgeräts aber, glaubt Krause, werde der medizinische Alltag entscheiden. Erst in der Hand von Praktikern werde sich das Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten zeigen. Zudem wird die Spektroskopie die Blutabnahme natürlich nicht komplett ersetzen können, da sie eben nur Hämoglobin- und Sauerstoffanteil sowie den Kapillardurchmesser erfassen kann. An der Ermittlung von Blutzuckerwerten arbeiten Jungmann und Schietzel derzeit, doch eine praktische Anwendung ist noch nicht in Sicht.

Für die Messung aller anderen Parameter - etwa Nieren- und Entzündungswerte oder Elektrolyte - wird der Patient auch weiterhin die Nadel zu spüren bekommen.



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