Liebe im Erbgut Per Gentest zum Traumpartner

Speed-Dating, Internet-Chat, Blind Dates: Alles Schnee von gestern. Eine Schweizer Firma will Paare jetzt anhand ihrer genetischen Ausstattung zusammenführen. Die Chancen auf tollen Sex und treue Liebe seien dann besonders hoch - Wissenschaftler teilen diese Ansicht nur sehr bedingt.

Die Affäre beginnt ganz unromantisch: Sie sitzen allein zuhause, kratzen mit einem Bürstchen an Ihrer Wangenschleimhaut herum, stecken den nassen Stab samt Ihrer DNA in das Entnahmeset und schicken es an ein Labor in der Schweiz. Dort wird Ihr Erbgut ein bisschen entschlüsselt und wenig später haben Sie einen Umschlag im Briefkasten, in dem eine Nummer mit zehn Ziffern steckt - das ist Ihre ID.

Damit gehen Sie jetzt im World Wide Web auf die Suche: nach einem Menschen, der sich so allein wie Sie ein paar Zellen aus dem Mund geschrubbt hat und ebenfalls eine ID hat. Nach einem Geschöpf also, das genetisch kompatibel ist mit Ihnen. Nach einer Person, mit der Sie aufregenden Sex, eine treue Partnerschaft und kerngesunde Kinder haben werden.

So zumindest stellt sich das Zürcher Unternehmen GenePartner die Liebe in der Zukunft vor. Seit Juli 2008 bietet die Firma Menschen auf Partnersuche ihre Hilfe an, denn "Liebe ist kein Zufall" - so das Motto der Schweizer Macher. Die GenePartner-Formel "misst die genetische Kompatibilität zwischen zwei Individuen und macht eine präzise Voraussage zu der Stärke ihrer Basis für eine lang andauernde und erfüllte harmonische Partnerschaft." So steht es auf der Firmen-Website .

"Wer Mitte 30 ist und Kinder haben möchte, darf keine Zeit verschwenden", findet Tamara Brown, Molekulargenetikerin und Geschäftsführerin von GenePartner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Man sollte von Anfang an wissen, ob man biologisch überhaupt zusammenpasst und sich die Mühe lohnt." Der kleine Konzern hat ein großes Vorbild: die Bostoner Firma Scientificmatch.com . Der Konzern durchforstet ebenfalls das Erbgut seiner Kunden und verspricht guten Sex und viel Treue.

Schweiß riecht attraktiv

Eine harmonische Partnerschaft mit Hilfe einer DNA-Analyse voraussagen? Laut GenePartner und Scientificmatch funktioniert das folgendermaßen: Im Speichel auf dem Bürstchen kleben zahlreiche Zellen mit unzähligen Informationen. Interessant für das Labor ist vor allem eine: die Struktur des sogenannten Haupthistokompatibilitäts-Komplexes (MHC). Hinter dem komplizierten Namen verbirgt sich eine Reihe von Genen, die bestimmte Oberflächenproteine auf Zellen herstellen. Diese sogenannten HLA-Antigene (Human Leukocyte Antigen) spielen eine wichtige Rolle bei der körpereigenen Abwehr - und möglicherweise auch bei der Partnerwahl. Daher entscheiden die Firmen anhand der DNA-Analysen ihrer Mitglieder: Unterschiedliche MHC-Typen passen gut zusammen, bei ähnlichen - Hände weg!

Das vage Konstrukt fußt auf der wissenschaftlich fundierten Erkenntnis, dass die MHC-Gene beeinflussen, wie ein Mensch riecht, und wie das Gegenüber den Geruch beurteilt. Claus Wedekind von der Universität in Lausanne hat das in mehreren Studien genauer untersucht: Er ließ Männer drei Tage und Nächte lang dasselbe T-Shirt tragen, ohne dass sie sich waschen, Deo oder Parfum benutzen durften. Dann ließ er Frauen an den T-Shirts riechen. Danach mussten sie beurteilen, ob sie den Geruch attraktiv, abstoßend oder uninteressant fanden.

Von allen Probanden hatte Wedekind DNA-Proben entnommen, die MHC-Gene analysiert und sie anschließend mit dem Erbgut der T-Shirt-Träger verglichen. Das erstaunliche Resultat: Der Duft eines Mannes erschien den Probandinnen umso attraktiver, je stärker sich seine MHC-Gene von ihren unterschieden. "Andere MHC-Typen riechen besser", fasst Wedekind seine Arbeit zusammen.

Gentest bei der Partnersuche bald Standard

Zudem beeinflusst die MHC-Ausstattung eines Paares offenbar auch seine Nachkommen: Untersuchungen an Hutterern, einer sehr eng in Siedlungsinseln zusammenlebenden Glaubensgemeinschaft, haben gezeigt, dass zwei Menschen mit ähnlichen MHC-Genen länger brauchen, um ein Kind zu zeugen und die Frau häufiger frühzeitige Fehlgeburten hat. Einige Wissenschaftler gehen zudem davon aus, dass ein Kind mit einer großen MHC-Vielfalt eine bessere Immunabwehr hat. "Mit dieser Aussage wäre ich sehr vorsichtig", sagt Claus Wedekind  im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Auch bei der Frage, warum wer welchen Geruch mag, hält sich der Forscher zurück: "Wir wissen überhaupt nicht, wie unterschiedlich zwei Menschen sein müssen, damit sie einander attraktiv finden und eine Schwangerschaft funktioniert."

GenePartner ist der wissenschaftlichen Gemeinde demnach offenbar einige Schritte voraus: Das Unternehmen weiß anscheinend ganz genau, wer biologisch zusammenpasst und wer nicht. "Unsere Labore suchen nach Unterschieden und Vielfalt der HLA-Antigene und nach Komponenten, die unser Geheimnis bleiben", erklärt Geschäftsführerin Brown. Das Ergebnis erhält der Kunde dann theoretisch per Mausklick. Zwei rote Punkte: Schlechte Chancen. Zwei grüne Punkte: "Diese Kombination ist eine gute Basis für eine starke Langzeit-Beziehung." Schlappe 199 Dollar (rund 155 Euro) will GenePartner für seine Leistungen haben, mit der Kunden allerdings praktisch noch kaum etwas anfangen können. Denn für die bislang 300 stolzen Besitzer einer ID, die ihren Traumpartner per Genanalyse finden wollen, gibt es bislang noch keine Plattform im Internet. "Die Leute nehmen ihre ID mit und können einander in jeder anderen Partnerbörse suchen", so Brown. Dass die Wahrscheinlichkeit, einen der 299 anderen GenePartner-Kunden im Internet zu finden, verschwindend gering ist, stört Brown nicht: "Der Gentest wird bei der Partnersuche in Zukunft Standard sein, dann gibt es dieses Problem nicht mehr", prophezeit sie.

Genetisches Argument für eine Trennung

Außerdem habe das Unternehmen auch schon mehrere DNA-Vergleiche gemacht - allerdings nicht für Singles, sondern für Paare. 299 Dollar (rund 230 Euro) kostet es, wenn ein Paar wissen will, ob es "eine gute Basis für ein bereicherndes und erfülltes gemeinsames Leben" hat, heißt es auf der Website. Brown fallen zudem noch andere Anwendungsgebiete ein: Wenn sich eine Frau etwa nicht zwischen zwei Männern entscheiden könne, würde ihr eine Genanalyse helfen, den richtigen zu finden. "Ein Paar, das ständig streitet, aber dennoch zusammenbleibt, könnte mit dem DNA-Test endlich ein starkes Argument für eine Trennung bekommen."

Auf das eigene Gefühl ist also kein Verlass? Nicht ganz, schränkt die Molekulargenetikerin ihre gewagten Thesen ein: Es gebe natürlich auch eine soziale Komponente und es könne durchaus vorkommen, dass ein Mensch mit "sehr großen sozialen Fähigkeiten" sogar ein erfülltes Liebesleben mit einem ähnlichen MHC-Typen habe. "Wir wollen für unsere Kunden aber mehr", so Brown, "wir wollen sozial und biologisch passende Paare."

Brown selbst trägt die ID 1150021-88. Vor ihrer Ehe hat sie sich und ihren Mann testen lassen. "Ich war mir zwar sicher, dass wir auch genetisch gut zusammenpassen, aber ich wollte es vom Labor einfach bestätigt haben", erzählt sie. Hätte ihr Mann allerdings einen ähnlichen MHC-Typ gehabt, hätte sie das auch nicht von einer Ehe abgehalten. Brown: "Ich wusste ja, dass unsere soziale Komponente sehr gut funktioniert."

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