SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

10. Februar 2019, 18:37 Uhr

Liebe und Scheidung

Wenn Gefühle zur Gefahr werden

Eine Kolumne von

Die Regierung denkt darüber nach, das Sorgerecht für Geschiedene endlich zu modernisieren. Das ist gut so - erfordert aber auch, dass wir mit einem von Romanciers und Werbung genährten Irrglauben aufräumen.

" Was Du romantische Liebe nennst, haben Typen wie ich erfunden, um Nylonstrümpfe zu verkaufen ."
Don Draper, "Mad Men"

Das Wort "Liebe" ist Teil des Problems. Es ist einfach nicht trennscharf, es wird so unterschiedlich verwendet, dass das zu permanenter Verwirrung führt. Und zum Teil zu großem Unglück.

Wenn im Neuen Testament von "Liebe" die Rede ist, hat das wenig mit dem zu tun, was das gleiche Wort in Filmen mit Jennifer Aniston bezeichnet. Dann gibt es auch noch die bedingungslose Zuneigung und das Bedürfnis, den anderen zu unterstützen, etwa in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, oder zwischen Geschwistern. Die aber hat, hoffentlich, mit romantischer Liebe nichts zu tun.

Es gibt "Liebe" zwischen Freunden, "Liebe" als gesellschaftliches Heilskonzept, Nächstenliebe und so weiter. Etwa in den vergangenen dreihundert Jahren aber ist die Vorstellung entstanden, dass die romantische Liebe zwischen zwei Sexualpartnern die reinste, erstrebenswerteste, aufregendste Form von allen ist.

Das schönste Beispiel für die Ehe von Liebe und Kommerz

Tatsächlich stimmt es nicht, dass erst Werber und Vermarkter die romantische Liebe erfunden haben, wie Don Draper in "Mad Men" behauptet. Aber die Drapers der Welt haben in den vergangenen 100 Jahren doch einiges dazu beigetragen, dass sie zu dem unerfüllbaren Glücksversprechen von heute wurde.

Der kommende Woche anstehende Valentinstag gilt in den USA nicht zu Unrecht als "Hallmark Holiday", benannt nach dem größten Grußkartenhersteller. Liebe bringt heute sehr viel Geld.

Mein Lieblingsbeispiel dafür ist der Verlobungsring: Als der Quasi-Monopolist De Beers in den Dreißigerjahren auf einem wachsenden Berg zunehmend schwer verkäuflicher Diamanten saß, ersann die New Yorker Agentur N.W. Ayer eine großangelegte, langjährige Marketing- und PR-Kampagne, komplett mit Influencern (damals nannte man sie engaged socialites) und Prominenten.

Das Ziel wurde erreicht: den Diamantring als einzig legitimes Symbol der unvergänglichen Liebe zu etablieren: "A Diamond is forever".

Romantische Liebe ist nicht ewig - zum Glück

Die De-Beers-Kampagne ist die perfekte Illustration der Illusion: Romantische Liebe ist eben nicht ewig, und das ist auch gut so. Verheiratete Paare mit Kindern, die noch die gleichen Prioritäten setzen wie frisch verliebte Teenager, würden diese Kinder womöglich verhungern lassen. Romantisch verblendete Menschen tun manchmal sehr irrationale, manchmal gefährliche Dinge - siehe Romeo und Julia.

Viele Jahrhunderte lang galt Verliebtheit als krankhafte Verirrung, die das soziale Gefüge und die wirtschaftliche Stabilität der Familie in Gefahr brachte. Ehen wurden zu sehr konkreten Zwecken geschlossen - Nachwuchs, Stabilität, familiäre Verknüpfungen, gut zueinander passende Besitztümer. Romantische Liebe galt als gefährlicher Irrläufer, der ganze Dorfgemeinschaften ins Unglück stürzen konnte. Ich bin froh, dass das nicht mehr so ist, verstehen Sie mich nicht falsch - aber wir übertreiben es mittlerweile ein bisschen.

Dass die romantische Liebe das höchste der Gefühle sei, redeten uns erst Romanschriftsteller wie der große Aufklärer Jean-Jacques Rousseau ein ("Julie oder Die neue Heloise"), dann Vermarkter, dann Hollywoodstudios und Popsongschreiber. Die erste Zielgruppe waren immer jene Kreise, in denen existenzielle Bedrohungen wie Verhungern nach einem langen Winter nicht mehr so im Vordergrund standen. Bis heute endet die Heldenerzählung der Liebenden in der Regel mit dem gemeinschaftlichen Untergang - oder dem Vollzug der Gemeinschaft.

Rousseau, Hollywood und Whitney Houston

Tatsächlich aber geht die eigentliche Arbeit nach dem Happy End eben erst los. Paare, denen es nicht gelingt, den Eros der ersten Jahre in eine Philia zu verwandeln, eine freundschaftlich-partnerschaftliche Zuneigung, die auf Austausch, Verständnis, gegenseitiger Unterstützung und vor allem viel Arbeit basiert, haben es schwer.

Wer mit den Erwartungen an sein Liebesleben herangeht, die Jane Austen und "Dirty Dancing" geweckt haben, wird vermutlich scheitern. Tatsächlich zeigt eine Studie, dass Paare, die sich später scheiden ließen, sich zu Beginn der Ehe oft besonders verliebt fühlten und benahmen.

Womit wir beim Titelthema des aktuellen SPIEGEL wären: Der Frage, wie das Leben von Eltern und Kindern organisiert werden sollte, wenn die Eltern sich trennen. 2017 lag die Scheidungsrate in Deutschland bei knapp 38 Prozent. Das ist schon ganz gut, in Belgien sind es 70 Prozent.

Vielen gelingt der Übergang vom Eros zur Philia eben nicht, und dann leiden nicht nur die Erwachsenen, sondern vor allem die Kinder. Bei Scheidungskindern leiden oft schulische Leistungen, Selbstbild und soziale Beziehungen, sie sind häufiger verhaltensauffällig und weniger anpassungsfähig.

Scheidung kann eine gute Idee sein

Sich scheiden zu lassen kann, wenn es einfach nicht funktioniert, trotzdem eine gute Idee sein - gerade Ehen mit ständigen heftigen Konflikten zwischen den Eltern sind für Kinder, wenig überraschend, ziemlich schädlich. Und für die Eltern natürlich auch.

Die emotionale Überfrachtung moderner Ehen aber dürfte ein zentraler Baustein der Problemlage sein: Wer seine Erwartungshaltung aus romantischen Komödien ableitet, muss fast zwangsläufig enttäuscht werden, und dann kann die überbordende Liebe im schlimmsten Fall in blanken Hass umschlagen. Das wussten schon die Stoiker, und jeder Familienrichter oder Scheidungsanwalt kann darüber nächtelang Gruselgeschichten erzählen.

Hilfe vom Profi

Manche Elternpaare sind im Scheidungsprozess ähnlich irrational unterwegs wie zur Zeit der ersten Verliebtheit, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Deshalb ist es - nachweislich - gut, sich in diesem Fall Unterstützung in Form eines Mediators zu besorgen.

Und weil das gesellschaftliche Zusammenleben heute zum Glück vielfältiger und die Rollenverteilung weniger festgelegt ist als früher, ist es gut, wenn der Staat endlich auch - aber nicht nur! - das sogenannte Wechselmodell unterstützt, bei dem sich beide Eltern die Kinderbetreuung gleichmäßig aufteilen. Das aber erfordert halbwegs kühle Köpfe - und das Eingeständnis, dass die romantische Liebe eben doch nicht das höchste der Gefühle ist.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung