Linguistik Indoeuropäische Ursprache kam aus Anatolien

Die indoeuropäische Ursprache entstand in anatolischen Bauerndörfern. Forscher haben mit einer Methode aus der Biologie nachgewiesen, dass die große Sprachfamilie mit bis zu 9800 Jahren älter ist als bisher vermutet und sich gemeinsam mit der Landwirtschaft verbreitete.

Von Hans-Arthur Marsiske


Ruine des Turms zu Babel: Die Sprachverwirrung begann in Anatolien
DPA

Ruine des Turms zu Babel: Die Sprachverwirrung begann in Anatolien

Die indoeuropäische Sprachfamilie ist eine der größten der Welt: Zu ihr gehören zahlreiche Sprachgruppen, unter anderem Keltisch, Germanisch, Slawisch, Romanisch, Griechisch, Iranisch, Indisch, Baltisch, Armenisch, Hethitisch und Thrakisch. Trotz intensiver Forschung haben sich die Linguisten bislang jedoch nicht darauf einigen können, wer der Urahn dieser Sippe ist und wann genau sie gegründet wurde.

Zum Ursprung der indoeuropäischen Sprachen gibt es zwei Theorien. Ein Teil der Wissenschaftler glaubt, Hirten und Reiter des so genannten Kurganvolks hätten sie etwa 6000 vor Christus vom südlichen Russland und der Ukraine aus in mehreren Schüben nach Europa und in den vorderen Orient gebracht. Dagegen steht die so genannte Anatolische Bauernhypothese: Sie geht davon aus, dass sich die indoeuropäischen Sprachen 8000 bis 9500 Jahre vor Christi Geburt zusammen mit der Landwirtschaft von Anatolien, der heutigen Türkei, aus verbreiteten.

"Stammbaum" verriet Sprachentwicklung

Das Hauptproblem lag bisher darin, dass Sprachforscher keine Möglichkeit hatten, absolute Zeitpunkte für die Sprachentstehung zu bestimmen. Russell Gray und Quentin Atkinson von der University of Auckland gelang es jetzt jedoch, einen zeitlich eingeordneten Stammbaum mit 87 indoeuropäischen Sprachen zu entwickeln. Mit einem Verfahren aus der Biologie haben sie die Familienbande der Sprachen statistisch untersucht: Sie bestimmten die Verwandtschaftsgrade und Abstammungsfolgen anhand von Ähnlichkeiten in den "Genen".

Karte der heutigen Türkei: Anatolische Bauern sprachen als Erste die indoeuropäische Sprache
DER SPIEGEL

Karte der heutigen Türkei: Anatolische Bauern sprachen als Erste die indoeuropäische Sprache

Wie die Forscher in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature" schreiben, erfolgte die erste Aufspaltung aus der gemeinsamen indoeuropäischen Ursprache vor 7800 bis 9800 Jahren - viel zu früh, um mit den Wanderungen des Kurganvolkes erklärt zu werden. Das deckt sich überraschend gut mit der Theorie, nach der sich die indoeuropäischen Sprachen zusammen mit der Landwirtschaft ausbreiteten, die vor 8000 bis 9500 Jahren in Anatolien ihren Anfang nahm.

Mit Hilfe modernster Rechenverfahren wie etwa der Markovketten-Monte-Carlo-Methode schlossen Gray und Atkinson aus dem Prozentsatz gemeinsamer so genannter Cognate, wann zwei Sprachen sich aus einem gemeinsamen Vorfahren entwickelten.

Suche nach gemeinsamen "Genen"

Cognate sind Worte in verschiedenen Sprachen, die auf Grund von Gemeinsamkeiten in Klang, Form und Bedeutung deutlich auf einen gemeinsamen historischen Ursprung verweisen - wie etwa Feuer, das im Englischen fire, im Französischen feu und im Spanischen fuego heißt. Wichtig ist dabei, dass es sich um Worte handelt, die grundlegende, von jeder Sprache erfasste Konzepte reflektieren und nicht etwa zufällige geographische Gegebenheiten.

Umstritten ist allerdings, ob solche Ähnlichkeiten Rückschlüsse auf zeitliche Entwicklungen erlauben. Kritiker wenden unter anderem ein, dass Unterschiede im Entwicklungstempo der Sprachen und die direkte Übernahme von Begriffen aus anderen Mundarten die Schätzungen verfälschten.

Gray und Atkinson aber glauben, mit ihrer Methoden diese Probleme gelöst zu haben. Zusätzlich sicherten sie ihre Analyse durch die Entfernung zweifelhafter Cognate ab, bei denen nicht sicher war, ob sie auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgingen oder direkt aus einer Fremdsprache entlehnt waren. Dies habe, schreiben sie, wahrscheinlich zu einer Unterschätzung des Alters der indoeuropäischen Sprachenfamilie geführt.

Die Studie von Gray und Atkinson werde zweifellos die alten Debatten neu beleben, vermutet David B. Searls, Bioinformatiker aus Pennsylvania, in einem kommentierenden "Nature"-Artikel. "Aber zur gleichen Zeit", fordert er, "sollte sie noch mehr wechselseitige Ideenbefruchtung zwischen denen anregen, die die miteinander verschlungenen Entwicklungsbäume des Lebens und der Sprache erforschen."



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