Londoner Studie Gebäude machen nicht krank

Viele Büroangestellte klagen über brennende Augen oder Kopfschmerzen und machen dafür Klimaanlagen oder ausdünstende Chemikalien verantwortlich. Eine neue britische Studie besagt etwas anderes: Schuld am "Sick-Building-Syndrom" sind nicht Gebäude, sondern Stress.


Es zieht, die Luft ist trocken, es juckt in den Augen - die Arbeit im Büro empfindet mancher Angestellter als Tortur. Mit dem sogenannten Sick-Building-Syndrom (SBS) beschäftigen sich Mediziner schon seit Jahren - und finden häufig keine eindeutige Ursache der Beschwerden. Bis zu 20 Prozent aller Büroarbeiter sollen angeblich unter SBS leiden. Häufig verschwinden die Beschwerden, sobald der Betroffene das Gebäude verlassen hat.

Stress im Büro: Schlimmer als schlechte Luft?
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Stress im Büro: Schlimmer als schlechte Luft?

Als Ursachen gelten meist Schadstoffe, die in Innenräumen vorkommen, veraltete Klimaanlagen und allgemein schlechte Luft. Britische Umweltmediziner glauben jedoch, dass diese Erklärungen falsch sind. Die Bezeichnung Sick-Building-Syndrom wäre demnach falsch - mit Gebäuden habe das Phänomen nur wenig zu tun.

In der Whitehall-Studie hatten Michael Marmot vom Londoner University College und seine Kollegen mehr als 4000 Angestellte in London befragt, die zwischen 42 und 62 Jahren alt sind und in 44 Bürogebäuden im Großraum London arbeiten. Die Auswertung ergab, dass vor allem Stress und schlechte Arbeitsbedingungen für die rätselhafte Bürokrankheit verantwortlich sind, berichtet die Zeitung "The Times".

Die Befragten mussten ausführlich angeben, wie oft sie in den vergangenen 14 Tagen unter typischen SBS-Symptomen wie Kopfschmerz, Husten, trockene Augen, Müdigkeit, Erkältung, einem trockenen Hals oder einer laufenden Nase gelitten hatten. Zusätzlich schauten sich die Forscher in den Büros der Betroffenen um und prüften Temperatur, Beleuchtung sowie die Mengen von Staub, Schadstoffen und Bakterien in der Luft, die Luftfeuchtigkeit und den Lärm. Außerdem befragten sie die Studienteilnehmer über den Stress im Büro und die sonstigen Arbeitsbedingungen.

Jeder siebte Mann und jede fünfte Frau litt unter fünf oder mehr typischen SBS-Symptomen, schreiben die Forscher im Fachblatt "Occupational and Environmental Medicine". Die Faktoren hohe Temperatur, geringe Luftfeuchte und hohe Konzentration von Bakterien und Staub in der Luft seien zwar mit dem Auftreten von SBS zusammengefallen, es handle sich dabei jedoch nur um schwache Beweise.

Schlechte Luftzirkulation und unakzeptabel hohe Werte von Kohlendioxid, Lärm sowie Pilzen und Chemikalien in der Luft hatten nach Aussage der Forscher nur wenig mit dem Auftreten der SBS-Symptome zu tun.

Als Hauptfaktoren erwiesen sich Stress und fehlende Unterstützung am Arbeitsplatz, erklärten sie. Das Auftreten der SBS-Symptome hänge weniger mit physikalischen Bedingungen zusammen als mit einem Arbeitsumfeld, in dem ein schlechtes psychosoziales Klima herrsche.

Wenn SBS in einem Gebäude häufiger auftrete, sollte das Management auch Ursachen prüfen, die über physikalische Kennwerte hinausgehen, empfehlen die Mediziner, etwa Arbeitsumfeld und -organisation sowie den Grad der Selbstbestimmtheit der Mitarbeiter.

hda



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