Psychologie Wie sich Lügner entlarven lassen

Pulsmesser, Gesichtsbeobachtung, Hirnscans: Forscher suchen seit langer Zeit nach einer Methode, um Lügen zu entlarven. Doch vermutlich braucht es gar keine komplizierte Technik, sondern nur die richtigen Fragen.

DPA

Als Othello in dem gleichnamigen Stück von Shakespeare seine Frau Desdemona voller Eifersucht fragt, ob sie einen anderen liebt, bricht diese in Tränen aus. Sie verneint vehement, doch Othello sieht in ihrer Reaktion nur eine Bestätigung seines Verdachtes: Desdemona weint, weil sie lügt. Er tötet sie daraufhin - ein großer Fehler.

Fakt ist: Wenn Menschen durch reines Zuhören und einander Anschauen versuchen, eine Lüge zu erkennen, könnten sie genauso gut eine Münze werfen. So häufig liegen sie falsch. Und tatsächlich: Was Othello als Anzeichen für eine Lüge empfindet, ist nur Desdemonas große Furcht davor, als Lügnerin abgestempelt zu werden.

Forscher suchen seit Jahrzehnten nach einem Weg, um Lügen zu erkennen. Jahrelang gingen sie wie Othello davon aus, dass Lügner so nervös sind, dass ihre Mimik und Gestik sie auffliegen lässt. Mindestens 50 Bewegungen wurden immer wieder analysiert.

Die Augen abwenden, sich an die Nase greifen, mit Händen und Beinen zappeln: Können Handlungen wie diese einen Lügner entlarven?

Eine umfassende Übersichtsarbeit von US-Psychologen fällte 2003 ein vernichtendes Urteil. Nur 14 der 50 vermeintlich verräterischen Regungen entpuppten sich als aussagekräftig. Dazu zählt, wenn eine Person während einer Erzählung ihre Lippen zusammenpresst, ihr Kinn anhebt oder in höherer Stimmlage spricht.

"Der Effekt ist jedoch sehr gering, kaum wahrnehmbar sogar", zog ein britisch-schwedisches Forscherduo in einer erneuten Studienschau 2012 als Fazit. Ob jemand nun auf jene Hinweise in der Mimik und Gestik setzt oder ins Blaue hinein rät: Der Unterschied sei in etwa so deutlich wie der Größenunterschied zwischen 15- und 16-Jährigen Mädchen. Hauchdünn.

Der Verhaltensforscher Paul Ekman propagierte dennoch, dass das Gesicht unwillentlich die Gefühle von Menschen preisgebe - und deshalb ein guter Lügenindikator sei. In Sekundenbruchteilen zeigen sich seiner Theorie zufolge nicht kontrollierbare, minimale Gesichtsregungen. Ein umfassendes Sicherheitsprogramm für Personal an US-amerikanisches Flughäfen gründet darauf, ebenso wie die Krimiserie "Lie to Me".

In Forscherkreisen beäugt man Ekmans Ansatz jedoch kritisch. "Es gibt sehr wenige Studien dazu. Und die wenigen, die gemacht wurden, zeigen, dass die sogenannten Mikroexpressionen nicht bei allen Menschen auftreten und auch nicht bei allen Emotionen widerspiegeln", sagt die Psychologin Kristina Suchotzki von der Universität Würzburg. Seit Jahren erforscht sie Lügen und untersucht, wie man diese erkennt. Eine bestimmte Emotion, sagt sie, müsse zudem nicht gleich ein Anzeichen für eine Lüge sein - wenn sie denn wirklich im Gesicht abzulesen ist.

Auch die moderne Technik hat Forscher und Ermittler noch nicht viel weitergebracht. In Polizeiverhören, bei Jobbewerbungen und in TV-Shows: Noch heute werden Menschen an sogenannte Lügendetektoren geklemmt, um ihre Aussagen zu überprüfen. Die Geräte nehmen den Puls auf, messen den Blutdruck oder analysieren, wie schweißig die Hände sind.

Leugnet zum Beispiel ein Verdächtiger eine Tat, so die Annahme, reagiert sein Körper unwillentlich mit Anzeichen von Angst und Nervosität. Der Puls steigt und die Person kommt ins Schwitzen. Aber auch Unschuldige sind bekanntlich nervös, wenn sie etwa bei Gericht verhört werden. Herzschlag und Schweißdrüsen liefern deshalb keine ausreichenden Indizien.

Mit dem Aufschwung der Neurowissenschaften kam schließlich die Hoffnung auf, den Ursprung von Unwahrheiten im Gehirn ausfindig machen zu können. Auch das blieb ohne Erfolg. "Es gibt nicht diesen einen Ort im Gehirn, an dem Lügen stattfindet", erklärt Suchotzki. Vielmehr sei es ein komplexes Verhalten, an dem viele Vorgänge im Kopf beteiligt seien, die auch für andere Aufgaben im Leben wichtig sind.

Seit einiger Zeit besinnen sich Lügenforscher stattdessen wieder auf eine offensichtliche Quelle zurück: auf Gespräche. Die Idee dahinter: Lügen ist eine intellektuelle Höchstleistung. "Während jemand, der die Wahrheit erzählt, einfach auf sein Gedächtnis zurückgreift, müssen Lügner zunächst die Erinnerung daran, wie es wirklich war, unterdrücken. Dann legen sie ihre Geschichte darüber und müssen sich diese auch noch merken", erklärt Psychologin Suchotzki. Das sei anstrengend.

Ermittler von der Polizei nutzen das aus. Sie lassen Tatverdächtige zum Beispiel die Geschichte rückwärts erzählen. Die gedankliche Anstrengung kostet so viel Energie, dass Lügner bei dieser Aufgabe eher und deutlich sichtbarer ins Stolpern kommen. Sie denken zum Beispiel viel länger nach oder machen mehr sprachliche Fehler, berichtet die American Psychological Association. Meist mangele es zudem an detaillierten Informationen.

Auch die Aufforderung, noch mehr über den Vorfall oder das Alibi zu berichten, bringt Lügner ins Wanken, ebenso wie unerwartete Fragen. Sicherlich hat sich ein Räuberpärchen das gemeinsame Alibi gut überlegt. Sie waren zur Tatzeit in einem Restaurant weit entfernt vom Tatort essen. Aber können beide das Lokal auch bis ins Detail aufzeichnen? Wissen sie, wo sich die Damentoilette befindet und welche Personen an dem Tag gearbeitet haben?

Mithilfe der gedanklichen Überlastung decken Lügendetektive bestenfalls zwei von drei falschen Aussagen auf, wie eine Auswertung von 14 Untersuchungen ergab. Besser als ein Münzwurf, aber noch immer ernüchternd. "Es gibt nicht den einen Schlüssel, mit dem man Lügen knackt. Keine Methode kann 100-prozentige Sicherheit geben", fasst Psychologin Suchotzki zusammen. Weder für Profis noch für Laien.

Immerhin gibt es eine gute Nachricht: So viel wird gar nicht gelogen. Am Tag gehen uns im Schnitt nur ein bis zwei Flunkereien über die Lippen, den meisten sogar deutlich weniger. Das ergab eine Studie von Suchotzki und Kollegen. "Deshalb sind wir Menschen vielleicht auch so schlecht darin, Lügen zu erkennen. Sie begegnen uns einfach zu selten, als dass wir gute Strategien entwickelt hätten, um sie zu entlarven", sagt die Psychologin.

Othello hätte es sicherlich gutgetan, das zu wissen.



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