Betrügerjagd Schau mir in die Augen, Lügner!

Manche glauben, es genau zu wissen: Wer lügt, der schaut im Fall der Fälle nach rechts oben; wer sich an die Wahrheit hält, blickt eher nach links oben. Alles Quatsch, sagen britische Forscher nun. Lügen lassen sich eben nicht am Blick erkennen.
Pokerspielerin Sandra Naujoks (2009): Können diese Augen lügen? Vermutlich schon.

Pokerspielerin Sandra Naujoks (2009): Können diese Augen lügen? Vermutlich schon.

Foto: Z5327 Soeren Stache/ dpa

Cambridge - Man glaubt, wie so oft, die Sache aus Kino und Fernsehen zu kennen: Lügner verraten sich am Blick. Und wer nur genau genug hinsieht, der kann sie überführen. Alles schon tausendmal gesehen. "The Mentalist" oder "Ocean's Eleven" lassen grüßen.

Aber von wegen! Lügner, das scheint eine aktuelle Studie zu belegen, lassen sich eben doch nicht so einfach entlarven. "Viele Menschen glauben, dass bestimmte Augenbewegungen ein Zeichen der Lüge sind, und diese Behauptung wird sogar in Kommunikationsschulungen gelehrt", erklärt Caroline Watt von der University of Edinburgh. "Unsere Forschung bestätigt dies nicht und legt nahe, dass es an der Zeit ist, diesen Ansatz aufzugeben."

Die These, dass sich Lügner durch ihre Augenbewegungen verraten, geht zurück auf die umstrittene Technik NLP, das sogenannte Neurolinguistische Programmieren. In Kommunikationskursen lernen Teilnehmer, die Verhaltensweisen ihres Gegenübers anhand bestimmter Regeln zu analysieren. NLP zufolge lügt ein Mensch, der nach rechts oben blickt, während eine Person mit Blick nach links oben die Wahrheit spricht.

In einem ersten Experiment testeten die Forscher nun 32 Rechtshänder. Bei ihnen sollten diesen Annahmen zufolge die Lüge und der Blick nach rechts eng verknüpft sein. Einige Probanden wurden aufgefordert, zu einem bestimmten Sachverhalt zu lügen, während andere die Wahrheit sagen sollten. Die Videoauswertung der Interviews hinsichtlich kurzer und längerer Blicke nach links und rechts oben ließen keinen Zusammenhang zwischen Wahrheitsgehalt der Aussage und Blickrichtung erkennen, schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift "PLoS ONE" .

Die 32 Videos aus dem ersten Studienteil wurden in einem weiteren Schritt von 50 Laien eingeschätzt. Dabei war nur ein Teil der Gruppe über die Lügentheorie informiert: Sie schnitt aber nicht deutlich besser oder schlechter ab als die Gruppe ohne Vorwissen.

Um das Lügen unter Realbedingungen zu untersuchen, ließen Watt und ihr Team auch Videos echter Vermisstenmeldungen analysieren. 26 von 52 Videos zeigten Lügner. Besonders oft nach rechts oben blickten diese aber nicht.

"Die Augenbewegung hat zwar mit geistiger Anstrengung zu tun, etwa dem Abrufen von Wissen oder dem Rekapitulieren einer Geschichte", erklärt Michael Niedeggen, Psychologie-Professor an der FU Berlin, "sie ist aber nicht spezifisch für Lügen". Da das Abrufen wahrer Sachverhalte eigentlich keine besondere geistige Aktivität erfordern dürfe, sei die Annahme entstanden, dass vor allem Lügner die Augen verdrehten.

Und so geht die Suche nach verräterischen Signalen also weiter, mit denen sich Lügner unbewusst verraten sollen: Veränderung des Blutflusses im Gesicht, Ausrutscher im Schriftbild und so weiter. Am Ende lassen sich Betrüger vielleicht am ehesten dadurch überführen, dass man ihnen das Lügen besonders schwer macht.

chs/dpa
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