Globaler Report Luftverschmutzung verkürzt das Leben von Milliarden Menschen

Schadstoffe und Feinstaub beeinträchtigen die Gesundheit von Millionen Menschen laut einer Untersuchung stärker als Krankheiten oder Kriege. Dabei könnte die Politik leicht Abhilfe schaffen.
Menschen fahren auf dem Rad in Neu-Delhi

Menschen fahren auf dem Rad in Neu-Delhi

Foto: David Talukdar / ZUMA Wire / imago images

Das Leben in Großstädten birgt so einige Gefahren. Am schwersten dürften jedoch solche wiegen, an die man nicht als Erstes denkt: Laut einer neuen Untersuchung sind Menschen durch Feinstaub und Schadstoffe von Kraftwerken oder Autos gesundheitlich stärker beeinträchtigt als durch Verkehrsunfälle, Kriege oder Infektionskrankheiten wie HIV.

Eine neue Untersuchung von Wissenschaftlern um Michael Greenstone vom Energy Policy Institute der University of Chicago kommt zu dem Schluss, dass schlechte Luft das Leben von Milliarden Menschen auf der Erde im Schnitt um rund 2,2 Jahre verkürzt. Zwar ist die Lage in Deutschland, wo der Verlust an Lebenszeit weniger als drei Monate betrifft, im Verhältnis überschaubar. Doch in globalem Maßstab ergeben sich heftige Unterschiede: Im Norden von Indien verlieren die Menschen teils 9,5 Jahre ihres Lebens durch verunreinigte Luft. Im Schnitt sinkt die Lebenserwartung der Einwohner des Landes um fast sechs Jahre, zeigt eine von den Forschern entwickelte Weltkarte mit den Daten . Besonders betroffen sind mehr als 480 Millionen Menschen, die in weiten Teilen Zentral-, Ost- und Nordindiens leben.

Neu-Delhi war 2020 nach der Auswertung von Schweizer Forschern zum dritten Mal in Folge die am stärksten verschmutzte Hauptstadt der Welt. Dafür hatten sie die Luftqualität anhand der Konzentration lungenschädigender Partikel (PM 2,5) gemessen. Der aktuelle Bericht zeigt nun, dass sich die hohe Luftverschmutzung in Indien im Laufe der Zeit geografisch noch ausgeweitet hat, heißt es.

Zwar tragen in manchen Regionen auch natürlich auftretende Brände oder Wüstenstaub zur Verschmutzung bei. Aber zu den entscheidenderen Ursachen zählen die Forscher in Europa und Nordamerika vor allem die Verwendung fossiler Brennstoffe wie Öl und Kohle durch Autos oder Kraftwerke. In Afrika und Asien spielen auch offene Feuer eine Rolle. Gelangen die winzigen Partikel in die Luft, atmen Menschen sie ein. Im Organismus werden durch sie Entzündungsreaktionen ausgelöst, die Lungen- oder Herz-Kreislauf-Krankheiten begünstigen.

Warschau, Łodź und Mailand betroffen

In Europa ist vor allem der Osten betroffen, die größten Probleme herrschen in Polen, insbesondere in den Städten Warschau und Łodź. Auch Italiens Po-Ebene sowie Mailand sind stark verschmutzt. »Die Einwohner dort würden ein Jahr und zwei Monate Lebenszeit gewinnen, wenn die Feinstaubbelastung dem WHO-Richtwert entspräche«, heißt es. Für die Studie haben Greenstone und Kollegen den Air Quality Life Index (AQLI) entwickelt, der die Luftverschmutzung in ihren Einfluss auf die Lebenserwartung umwandelt.

Die Forscher betonen, dass die Coronakrise deutlich gezeigt habe, welchen Einfluss die Regierung auf die Entwicklung der Luftqualität haben könne. »Während eines wirklich beispiellosen Jahres haben einige Menschen, die es gewohnt sind, schmutzige Luft zu atmen, saubere Luft erlebt. Und andere, die an saubere Luft gewöhnt waren, haben schmutzige geatmet. Das zeigt, welche wichtige Rolle die Politik bei der Reduzierung fossiler Brennstoffe gespielt hat und spielen könnte – sowohl zur lokalen Luftverschmutzung als auch zum Klimawandel«, sagt Greenstone.

In China sei es in kurzer Zeit zu einer deutlichen Reduzierung der Umweltverschmutzung gekommen. Seit das Land 2013 ein entsprechendes Programm gestartet habe, sei die Feinstaubbelastung um 29 Prozent reduziert worden. In der Folge sei das Leben der Chinesen um etwa 1,5 Jahre verlängert worden – vorausgesetzt, diese Reduzierungen würden fortgesetzt. Das zeige, dass selbst in den am stärksten verschmutzten Ländern der Welt Fortschritte möglich seien.

Auch in Indien wurde 2019 ein nationales Programm für bessere Luftqualität ins Leben gerufen. Würden die Ziele eingehalten, könnte die Lebenserwartung des Landes um insgesamt 1,7 Jahre und die von Neu-Delhi um 3,1 Jahre erhöht werden, rechnen die Forscher vor. Das Programm zielt darauf ab, die Umweltverschmutzung in den 102 am stärksten betroffenen Städten bis 2024 um 20 bis 30 Prozent zu senken. Dazu sollen die Industrieemissionen und die Abgase von Fahrzeugen reduziert sowie strenge Vorschriften für Kraftstoffe und die Verbrennung von Biomasse eingeführt werden. Außerdem sollen bessere Überwachungssysteme eingeführt werden.

joe/Reuters
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