"Made in Germany" Wie deutsche Produkte die Welt eroberten

Der Aufdruck "Made in Germany" sollte ursprünglich Kunden in Großbritannien und den USA vor Produkt-Kopien aus dem Deutschen Reich warnen. Doch der Schuss geht nach hinten los: Das Siegel wird bald zum unverkennbaren Qualitätsmerkmal der immer besseren deutschen Waren.
Von Insa Holst und Peter Bräunlein

Nun kann nur noch London helfen. Die Fabrikanten und Handwerker in der britischen Stahlwarenmetropole Sheffield sind aufgebracht: Berühmt sind ihre Waren, in aller Welt begehrt wegen ihrer hochwertigen Verarbeitung und langen Lebensdauer. Doch immer weniger Menschen kaufen die Messer, Scheren, Feilen, Sägen und Rasierklingen aus Sheffield. Sie greifen zu billigen Nachahmerprodukten, die Händler in zunehmender Zahl anbieten.

Die Hersteller aus dem Ausland verwenden keinen teuren Gussstahl, sondern Gusseisen; sie geben maschinengearbeitete Feilen als handgemacht aus; und statt die Klingen durch Hämmern besonders zu härten, was eine dauerhafte Nutzung ermöglicht, sorgen sie nur für eine gefällige Oberfläche und Form.

Am schlimmsten jedoch ist: Auf ihren Waren geben die fremden Konkurrenten Sheffielder Firmen als Hersteller an. Zwar sind deren Namen leicht abgeändert, doch unaufmerksamen Kunden fällt der Betrug nicht auf - zumal auf vielen Kopien der Schriftzug "Sheffield made" prangt.

Der Ruf der Stahlwarenproduzenten ist beschädigt, ihre Gewinne sinken deutlich. Verzweifelt wenden sie sich an die britische Regierung.

Die meisten Imitate stammen aus Deutschland - das jedenfalls behaupten viele Betroffene. Und nicht nur in Sheffield stöhnen die Industriellen: Eine schwere Handelskrise erschüttert Großbritannien. Viele Firmen gehen pleite, immer größer wird die Furcht, die führende Handelsmacht der Welt könnte ihre Märkte an Konkurrenten verlieren - etwa an das Deutsche Reich.

1886 reagiert London. Das Parlament richtet eine Kommission ein, die die Ursachen des Handelsniedergangs untersuchen soll. Sie bestätigt die Anschuldigungen: Deutsche Hersteller schleusen tatsächlich billige Plagiate in das Königreich sowie die Kolonien in Übersee.

Noch wenige Jahre zuvor galt die deutsche Wirtschaft als rückständig. Auf die Britische Insel exportierten Händler vor allem Nahrungsmittel wie Zucker, Kartoffeln und Gerste, dazu Musikinstrumente, Stickereien, Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald - Handarbeitsprodukte, die sich wegen der niedrigen Löhne günstig produzieren und verkaufen ließen.

Den deutschen Herstellern von Maschinen, Metallwaren und anderen massenhaft gefertigten Produkten aber gelang es nicht, die im Ausland gefragte Qualität zu liefern: Vielen fehlte das technische Wissen und das nötige Kapital, um die dazu notwendigen Maschinen zu kaufen.

Deshalb haben viele deutsche Industrieprodukte in aller Welt einen miserablen Ruf. "Billig und schlecht" seien die Exponate seines Heimatlandes, urteilt selbst ein deutscher Preisrichter auf der Weltausstellung in Philadelphia 1876.

Und doch gewinnen die deutschen Hersteller im Ausland neue Kunden: Um die Käufer zu täuschen und zugleich die Preise der Konkurrenten unterbieten zu können, kopieren etliche von ihnen ausländische Qualitätsartikel und deklarieren die Plagiate als britische, französische oder gar amerikanische Ware, so etwa die Schmieden in Solingen, wo seit dem Mittelalter Schneidwerke gefertigt werden.

1883 schließen in Paris Staaten mehrerer Kontinente ein Abkommen zum Patent- und Markenrecht, das unter anderem Strafen für die Produktion falsch beschrifteter Waren vorsieht. Die Vertreter des Deutschen Reichs aber weigern sich, an der Konferenz teilzunehmen.

Denn aus Deutschland werden immer mehr Fertigwaren exportiert; Kaufleute gründen Großhandelshäuser, Speditionen entstehen, Industrielle richten Exportabteilungen ein und schließen sich zu Kartellen zusammen, um gemeinsam neue Absatzmärkte zu erobern.

Neufassung des "Merchandise Marks Act" von 1862


In Großbritannien fordert man nun Schutzzölle. Doch das Parlament blockt ab: Seit 1846 die Kornzölle aufgehoben worden sind, herrscht im Empire Freihandel - und mit dieser Wirtschaftspolitik will die Regierung nicht brechen. Sorgt doch das freie Spiel von Angebot und Nachfrage dafür, dass die Bürger Brot und andere Lebensmittel zu günstigen Preisen erhalten.

So gelangen weiterhin falsch deklarierte Messer, Scheren, Feilen auf die Insel - bis die "Königliche Kommission zur Untersuchung der Handels- und Industriekrise" 1886 ihren Abschlussbericht vorlegt und das Parlament zum Handeln drängt.

Die Abgeordneten in London einigen sich auf einen Kompromiss: Der britische Binnenmarkt bleibt für Importe offen - ausländische Hersteller aber sollen einfacher identifiziert werden können.

Am 23. April 1887 verabschiedet das Parlament eine Neufassung des "Merchandise Marks Act" von 1862: Ob aus Frankreich, aus den USA oder aus dem Deutschen Reich - auf allen Importartikeln, die aufgrund ihrer Namen und Warenzeichen mit englischen Fabrikaten verwechselt werden könnten, muss künftig ein Hinweis auf das Urheberland stehen, mit den Worten: "Made in..."

Das Siegel soll Kunden vor billigen Fälschungen warnen und den Kauf heimischer Produkte fördern.

Die deutschen Hersteller reagieren empört auf das Gesetz. Doch die Sorge, ihr Geschäft könnte Schaden nehmen, ist unbegründet.

Denn das neue Zeichen offenbart nicht nur die tatsächliche Herkunft einer Ware - sondern steht schon bald für Qualität: Statt Billigprodukten exportiert Deutschland nämlich zunehmend hochwertige Industriewaren.

Seit der Weltausstellung 1876 in Philadelphia haben viele Hersteller den Rat des deutschen Preisrichters befolgt, auf "Konkurrenz durch Qualität" zu setzen. Haben englische Arbeiter angeworben und Herstellungsmethoden im Königreich studiert. Haben wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt, in bessere Maschinen investiert und in die Ausbildung ihrer Belegschaften.

Nun, nach der Einführung des Handelsmarkengesetzes, stellen englische Familien anhand des Hinweises auf das Produktionsland fest, dass viele ihrer Alltagsgegenstände aus Deutschland kommen. Die Werkzeuge, die Jacken des Dienstpersonals, die Puppen der Kinder, der Krug im Küchenschrank, die Wasserleitungsrohre, selbst die Bleistifte: All das ist "made in Germany".

Und so verfehlt das Siegel die beabsichtigte Wirkung. Statt Kunden vom Kauf deutscher Produkte abzuhalten, lässt es bald Menschen in aller Welt bewusst zu deutschen Waren greifen.

Messer aus dem Deutschen Reich schneiden mittlerweile ebenso gut wie englische. Uhren seien sogar "billiger, attraktiver, kunstvoller", Möbel "leichter, billiger, schneller lieferbar" als die einheimische Ware, betont der britische Kolonialminister 1897 - und lobt auch das deutsche Bier.

Selbst Klaviere, die in Großbritannien als Zeichen des sozialen Aufstiegs gelten, kommen inzwischen meist aus Deutschland - nach dem neuesten Stand der Technik ausgerüstet mit Eisenrahmen und Kreuzbesaitung.

Während die englischen Hersteller ihre Instrumente nur über Spezialgeschäfte vertreiben, produzieren deutsche Firmen günstig in großen Mengen und bieten ihre Klaviere gegen Ratenzahlung auch in Kaufhäusern an.

So können sich nicht nur Familien aus der Mittelschicht ein Klavier von Bechstein oder Blüthner leisten, sondern auch besser bezahlte Arbeiter. Selbst in abgelegenen Grafschaften eröffnen Agenturen für deutsche Klaviere.

Den weltweiten Absatz deutscher Waren fördern Händler mit günstigen Lieferkonditionen, fachkundigem Verkaufspersonal und vergleichsweise niedrigen Preisen, die aus gedruckten Listen in der jeweiligen Landessprache leicht ablesbar sind. Zudem unterstützen die Konsulate des Reiches die Entwicklung des deutschen Handels im Ausland.

Nur der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhindert, dass das Deutsche Reich mit seinen Produkten "made in Germany" Großbritannien 1914 als größte Exportnation der Welt ablöst.

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