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Vermeintliche Steinzeitkunst: "Hoden- und Tittenhalle"

Foto: BLfD

Angebliche Steinzeit-Erotikhöhle Feuchter Traum

In einer Höhle in Franken erkannten Forscher den ersten Fund steinzeitlicher Höhlenkunst in Deutschland. Die angeblichen Erotikgebilde scheinen jedoch pure Forscherfantasie.

Forscher meldeten eine sensationelle Entdeckung in der Mäanderhöhle im oberfränkischen Landkreis Bamberg: In runden Kalksteinen hatten sie Kerben entdeckt, das Alter der Linien schätzten sie auf gut 12.000 Jahre. Es handele sich um den ersten Fund steinzeitlicher Höhlenkunst in Deutschland, so lautete ihre Folgerung - fünf Jahre ist das jetzt her.

Angebliche Verzierungen der natürlichen runden Kalkablagerungen in der schmalen, feuchten Höhle erregten die Fantasie: Brüste und Penisse sollen die Vorfahren zu Gravuren inspiriert haben, hieß es; auch Frauenkörper seien dargestellt. Von der "Hoden- und Tittenhalle" war die Rede, von der "Lusthöhle in Franken", einer "Kapelle voller Erotik".

Neue Untersuchungen dürften die Vorstellungen vom Steinzeitleben in Franken nun deutlich abkühlen. Die Kerben seien nicht von Menschen erschaffen worden, es handele sich nicht um Kunst, sagt die Archäologin Julia Blumenröther von der Universität Erlangen-Nürnberg.

138 Linien im Kalkgestein der Mäanderhöhle hat sie zusammen mit Forschern des Neanderthal Museums in Mettmann und des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege mit Mikroskopen und 3-D-Scannern analysiert. "Wir schließen aus, dass die Spuren von Menschenhand erzeugt wurden", sagt Blumenröther.

Analyse der Linien in der Mäanderhöhle mit 3D-Scanner

Analyse der Linien in der Mäanderhöhle mit 3D-Scanner

Foto: Karina Rottner/ Arbeitsgruppe Neanderhöhle

Die Beweise

Menschliche Gravuren hinterlassen charakteristische Merkmale: Spitze Werkzeuge erzeugen einen v-förmigen Boden in den Linien, keinen flachen ovalen wie jene in der Mäanderhöhle. Solche Spuren ließen sich bestenfalls mit abgerundeten Gravur-Werkzeugen erklären, erläutert die Forscherin. Die würden indes nur in weichem Untergrund funktionieren.

Am Rand der Linien von Höhlenzeichnungslinien verlaufen meist dünne Linien, die von Unebenheiten des Werkzeugs erzeugt werden. "Die fehlen hier aber komplett", berichtet Blumenröther.

Der Anfang von Gravuren zeigt meist mehrere Ansätze, weil Steinkerben oft nicht auf Anhieb gelingen. Ihr Ende ist schroff, es läuft gewöhnlich nicht flach aus. Bei ganz wenigen Linien in der Mäanderhöhle ließen sich derartige Spuren nicht ausschließen, sagt die Forscherin. Aber dabei könnte es sich um Kratzspuren von Tieren handeln, etwa von Fledermäusen, meint sie.

Vergleich mit Höhlenzeichnungen

Neben der Spurenanalyse testeten die Forscher die vermeintlichen Zeichnungen auf Plausibilität: Sie hätten sich alle bekannten Höhlenzeichnungen aus jener Zeit angesehen, berichtet Blumenröther. "Aber wir haben keine vergleichbaren Muster wie in der Mäanderhöhle gefunden." Die sähen vollkommen anders aus als alles andere.

Die beschworene erotische Steinzeitkultur scheint also Fantasie. Das vollkommene Fehlen archäologischer Funde aus der betreffenden Zeit in Oberfranken, hatte Wissenschaftler längst misstrauisch gestimmt. Geologen sollen nun klären, wie die Gesteinslinien tatsächlich entstanden sind.

So wartet Deutschland weiter auf die Entdeckung seiner ersten Höhlenzeichnung aus der Steinzeit. Während in vielen anderen Ländern Europas, etwa in Frankreich oder Spanien solche Gemälde bekannt sind; beispielsweise in den Höhlen Chauvet, Lascaux und Altamira.

In Deutschland wurde zwar Kunst aus der Altsteinzeit gefunden. Dabei handelt es sich allerdings um Figuren, etwa aus Elfenbein - wie die berühmte 35.000 Jahre alten Venus-Figur aus Schwaben, immerhin auch eine erotische Darstellung.

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